Excerpt for Ein Vorab-Halloween im Dunkeln by Lars Gunmann, available in its entirety at Smashwords

Ein Vorab-Halloween im Dunkeln


Eine Kurzgeschichte von

Lars Gunmann


Smashwords Edition



30. Oktober, kurz vor Mitternacht.
„Bist du sicher, dass du zu Fuß weitergehen willst?”
„Ich kann auf mich aufpassen. Dauert sicher ewig, bis der Strom wieder da ist.”
„Na gut, viel Glück.”
„Ebenfalls.”

Tina verließ die Straßenbahn. Sie lief langsam und vorsichtig weiter, bis sie auf einer Brücke stehen blieb. Die Gleise darunter konnte sie gerade so erkennen. Plötzlich brachte ein fahles Leuchten etwas Licht ins Dunkel. Das Leuchten ging von einer transparenten Gestalt aus, die jetzt direkt vor Tina schwebte.
„Spring nicht!”
„Bitte?”
„Ach, verdammt. Wie viel Uhr haben wir?”
Tina holte ihr Handy aus der Tasche.
„Eins nach Null.”
„Klar”, die Gestalt schlug sich mit der flachen Hand auf die Stirn, „Gespenster kommen meistens ziemlich genau zur Geisterstunde.”
„Sogar die planlosen”, Tina schüttelte den Kopf.
„He, nicht frech werden. Ich war als Mensch immerhin bei der deutschen Bahn!”
„Alles klar!”, lachte Tina, „Was willst du von mir?”
„Du heißt nicht zufällig Marc und hast vor dich umzubringen?”
Tina sah den Geist mit zugekniffenen Augen an.
„Okay, ein Versuch war es wert. Ich heiße Karl und muss diesen Marc vor dem Freitod bewahren.”
„Warum?”
„Weil niemand so sterben sollte. Das klingt vielleicht ein bisschen idealistisch, schließlich können wir nicht jedem Selbstmörder helfen.”
„Ganz zu schweigen von all den anderen Toten, die der menschliche Wahnsinn jeden Tag fordert”, Tina verschränkte die Arme und warf Karl einen bösen Blick zu.
„Ist doch nicht meine Schuld! Aber ich müsste diesen Marc jetzt finden, meine Zeit ist gleich um.”
„Tut mir echt leid, ich kann dir auch nicht helfen.”
„Du musst!”
„Wie denn?”
„Versuch du ihn zu finden. Es werden dich nacheinander drei Geister besuchen.”
„Nicht wahr, oder?”
„Na ja, es sind keine professionellen Geister, an Halloween hat jeder einen vollen Terminkalender.”
„Ist Halloween nicht erst heut Abend?”
„Sag das diesem Marc.”
„Schon klar. Die Geister sollen ihm wohl seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zeigen?”
„Nein, die sollen nur dafür sorgen, dass er sich nicht umbringt. Wenn´s nach mir ginge, würden dreizehn kommen.”
„Warum kommen die überhaupt zu mir und suchen Marc nicht selbst?”
„Du bist durch meinen Besuch spirituell markiert, daran orientieren die sich.”
„He, du löst dich auf!”
„Ja, ich muss gehen. Ich wünsch dir viel Erfolg!”


Wieder war es wieder stockdunkel. Das Licht des Handys half kaum, aber es war wenigstens etwas. Tina ging ein Stück. Die Straßen waren menschenleer.
Tina setzte sich auf eine Bank und ließ den Kopf in ihre Handflächen sinken.
„Was mach ich bloß hier?”
„Egal was, bringsu dich bidde nich’ um, okey?”, sagte eine Stimme neben ihr.
Da saß eine Hexe mit spitzem Hut. In der linken Hand hielt sie eine Flasche Wodka, in der rechten einen Wischmop.
„Bist du der erste Geist? Das hab ich mir etwas anders vorgestellt.”
„Wasauchimma für Proleme du hass, nimm ersma einen Schluck”
„Ich bin die Falsche, Karl hats vermasselt. Kannst du mir helfen, Marc zu finden?”
„Vermasselld? Was sollicha machen? Da brings nur der Allohol, wie bei allen Prolemen. Hier, trink.”
„Das hilft uns auch nicht weiter!”, Tina nahm die Flasche und warf sie in den Mülleimer neben der Bank.
„Hey, daswa meine lesste!”, rief die Hexe wütend, doch Tina war schon aufgestanden und weg.


Sie lief die Straße entlang und versuchte der Nacht zu lauschen, vernahm jedoch nichts Hilfreiches. Als sie an einer Sparkasse vorbeikam, glaubte sie kurz ein Licht zu sehen. Tatsächlich war die automatische Schiebetür offen, an einem Terminal stand ein Mann.
„So ein Mist! Die Dividende ist noch nicht drauf.”
„Gibt’s hier Strom?”
„Nein, eigentlich nicht.”
„Was machen Sie dann hier?”
„Alte Gewohnheiten. Ich bin Walter, ehemals Börsenmakler und Mensch.”
„Der zweite Geist?”
„Ja, leider nur der zweite.”
Tina erklärte ihm die Lage.
„Das ist schwierig”, Walter schüttelte den Kopf und drehte Tina den Rücken zu, „Die Stadt ist groß, so viele Menschen. Wenn der Herold versagt, dann ist die Mission so gut wie gescheitert. Dabei hätte ich so viele Vorschläge gehabt, wie der Junge zu Geld kommen kann. Zwischen April und Oktober ist noch so viel Potential. Halloween, Weihnachten, Fasching, Ostern – da können wir ordentlich absahnen, wenn wir die Kaufhäuser mit dem passenden Kram voll stellen. Aber man könnte den Leuten noch viel mehr aus den Taschen ziehen. Pfingsten muss kommerzialisiert werden, für brandneue Feste wäre auch noch Platz. Was meinst du?”
Der Blutsauger drehte sich um, doch Tina war längst verschwunden.


Inzwischen saß sie in einer Fastfood-Bude gegenüber, das Gesicht in ihren Händen vergraben. Nur der Wirt war noch da.
„Ich kann dir leider nichts Warmes machen.”
„Schon Ok.”
„Normalerweise ist um diese Zeit noch genug los, nicht dass du einen falschen Eindruck mit nimmst. Was hattest du eigentlich mit dem Kürbis hier vor?”
„Kürbis?”, Tina nahm ihre Hände vor den Augen weg.
Da stand tatsächlich ein Kürbis auf dem Tisch.
„Ach der. Ist mir zugelaufen.”
„Schon klar. Jeder hat so seine Probleme, nicht?”
Tina sah den Kürbis an. Durch das Grinsegesicht konnte sie eine flackernde Kerze erkennen.
„Hallo?”
Der Kürbis sagte nichts.
„Schon behämmert. Suchen einen Selbstmörder und bieten nur eine Alkoholikerin, einen Geldgeier, einen stummen Kürbis und einen Ex-Bahnbeamten auf. Und der findet natürlich nur Gleise.”
Der Kürbis schien noch mehr zu grinsen.
„Moment mal, die Gleise!” Tina dachte laut. „Vielleicht lag Karl doch nicht so falsch.”


Sie rannte den ganzen Weg zu der Brücke zurück. Dann stieg sie hinab.
„Hallo, ist da wer?”
„Lass mich in Ruhe, das geht dich nichts an.”
„Bist du Marc?”
„Woher kennst du meinen Namen?”
Tina kam näher und streckte die Hand aus.
„Na los, bis der nächste Zug kommt, bist du längst erfroren.”
Tina half Marc hoch und leuchtete mit dem Handy sein Gesicht etwas aus.
„Siehst nicht gerade wie ein Schauspieler aus.”
„Das ist noch geschmeichelt. Was meinst du, warum ich hier liege? Wenn die Verlierer einen Präsidenten wählen könnten, hätte ich gute Chancen.”
„Meine Stimme hättest du.”
„Echt?”
„Klar doch. Und jetzt komm mit. Diese Nacht gehört den Verlierern.”


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