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Peter Marnet


Verlegt euch selbst !


Published by Peter Marnet at Smashwords


Copyright 2011 Peter Marnet


Chapter I.0 Vorwort zu Teil I


Ein Self-Publisher ist ein verlagsunabhängiger Schriftsteller, ein Indie-Autor. 'Indie' steht dabei für 'Independent'. Bei Amazon und anderen lädt er eigene Werke als Ebook hoch. In Amerika, wo mittlerweile mehr Ebooks als Papierbücher verkauft werden, ist das Self-Publishing sehr populär. Aus nicht wenigen Self-Publishern sind Bestsellerautoren geworden.

In Teil I stelle ich Bedingungen und Möglichkeiten des Self-Publishing vor, die Gegenspieler wie Buchpiraten und Verlage und wage einen Ausblick in die Zukunft. Ausgehend von der engen Verknüpfung zwischen Self-Publisher und Internetpublikum, stelle ich mir die Frage, was das Schreiben dieser Indie-Autoren auszeichnen wird.


Chapter I.1 - Drei Arten von Autoren


Verächtlich betrachtet die Buchindustrie das neue Kindle Selfpublishing Forum von Amazon. Verletzung des geistigen Eigentums wird denen unterstellt, die bei der Veröffentlichung ihres Buches die Verlage überspringen.

Um diese Vorwürfe einzuordnen, will ich drei Arten von Autoren bei den Buchverlagen unterscheiden:

Zum ersten gibt es die Autoren, deren Buch wirklich neu ist. David Forster Wallace hat mit "Unendlicher Spaß" ein Buch geschrieben, das es vorher noch nicht gab. Die Zahl dieser Autoren ist sehr klein.

Zum zweiten gibt es Autoren, die nur ein wirklich neues Werk geschrieben haben und alle weiteren Bücher bei sich selbst abschreiben. Beispiele sind Günter Grass mit der "Blechtrommel". Aber auch viele Bestseller-Autoren schreiben eigentlich nur ein originelles Buch, der Rest fällt unter Verletzung des eigenen Copyrights. Die Gruppe dieser Autoren ist trotztdem überschaubar.

Das Verlagsangebot besteht hauptsächlich aus der dritten Gruppe der Autoren. Diese schreiben komplett alles ab, versuchen Stil, Konstrukt und Handlung ein wenig abzuändern, um nicht aufzufallen. Ist eigentlich wie in der Schule, wo ich in der Klassenarbeit nicht wortwörtlich bei meinem Tischnachbar abschreiben sollte. Die Gruppe dieser Autoren ist riesig. Sie arbeiten kaum anders als Übersetzer. Von der x-ten Vampirserie, zur eingedeutschten Pathologin bis zum entschwedeten Kommissar - Beispiele kennt jeder zuhauf.

Ein Selfpublishinger dürfte - zumindest anfänglich - der dritten Gruppe zuzurechnen sein. Wir Selfpublishinger oder Indie-Autoren (beide Begriffe bezeichnen dieselbe Sache) sollten geistiges Eigentum wie die Buchverlage respektieren - nämlich gar nicht. Das geistige Eigentum wird von den Verlagen so massenhaft und systematisch verletzt, dass es uns erlaubt ist, vorhandene Werke und Ideen zu benutzen.


Chapter I.2 - Nachgestelltes Vorwort


Seit 05.2011 kann sich jeder Autor direkt an die Leser wenden, indem er sein Buch als Ebook bei Amazon im Selfpublishing-Portal hochlädt. Die Verlagsebene, die entweder alles ungelesen zurückschickte oder höflich um Vorauskasse bat, gehört der Vergangenheit an. Damit haben sich die Bedingungen des Schreibens völlig geändert. Zwischen Schreiben und Lesen steht nicht mehr der Buchdruck. Leser und Autor sitzen in demselben Raum an demselben Schreibtisch.

In diesem Buch beziehe ich mich auf die Möglichkeiten, die das Kindle-Selfpublishing bei Amazon bietet. Verlage wie Droemer Knaur mit neobooks.com, die jetzt auf den Zug aufspringen sind, lasse ich beiseite liegen. Groß ist der Unterschied nicht. Für mich ist 'Selfpublishing' gleich 'Amazon'. Google, Apple werden in diesem Bereich zukünftig auch eine Rolle spielen, sicherlich nicht die deutschen Verlage.

Dieses Buch wendet sich an die Autoren, welche die neuen Möglichkeiten nutzen wollen, um ihren Roman, ihre Kurzgeschichtensammlung selbst zu veröffentlichen. Manches wird in der Schublade liegen, einiges im Hinterkopf. Für jeden Autor, für jeden, der gerne schreiben würde, wird ein Traum wahr.

Noch sind technische Hürden zu nehmen. Vornweg gesagt, diese Hürden sind nicht hoch. In welchem Format fange ich mein Buch an? Wie behandele Kapitel, Text? Alles Fragen, auf die ich eingehen werden. Wobei ich es möglichst einfach halten will. Wichtig für einen Autor ist das Schreiben selbst, nicht das Formatieren. Das ist meine Haltung.

Auch sehe ich zwischen einem gedruckten Buch und einem Ebook große Unterschiede, was den Stil betrifft. Diese will ich ausarbeiten. Manches wird kontrovers sein. Einige Beispiele: Im Internet sind Rechtschreibfehler fast Stilmittel, Kürze ist vorzuziehen, stilistische Freiheiten sind unterhaltsam.

Unterschiede sehe ich auch bezüglich des Inhalts. Die Leser sind flüchtig, sprunghaft, abgelenkt. Wir schreiben nicht für Germanisten, sondern für Leser, die auch Musikhörer oder Filmegucker sind. Was langweilt, hat keine Chance. Die zweite Bedeutungsebene wird nicht mehr wahrgenommen. Der Erzählfluss ist wichtiger als das Konstrukt. Die geistigen Besitzverhältnisse sind eindeutig geregelt: Es gibt keine! Alles Dinge, die ein Ebook von einem Papierbuch unterscheiden.

Jede Zeit hat ihre Bücher. Unsere digitale Zeit hat die Bücher gerade entdeckt. Noch nie waren die Autoren so frei! Vergesst die trostlose Nachhut der Papierbücher: die Besprecher, die Schnelldeuter, die Tabuzonen-Kartografen, legt einfach los! Dies Ding ist wirklich neu!


Chapter I.3 - Text, Text, Text


Mein Buch erscheint im Epub-Format. Es ist das gültige Fließtextformat. Das bisherige amazoneigene Format Mobi unterscheidet sich nicht wesentlich von diesem Standartformat. Epub zeichnet sich dadurch aus, dass es sich der jeweilige Größe des Ausgabegerätes (EReader, Tablet-PC, Handy) anpasst, es ist größenflexibel, daher der Name 'Fließtextformat'.

Mein Worddokument wird von mir in Epub umgewandelt (dazu später) und ist jetzt auf jedem Ausgabegerät einwandfrei lesbar. Dies ist eine immense Erleichterung. Schwierigkeiten bereiten Fotos, Tab-Sprünge, Tabellen, Rahmen etc. - alles Dinge, die einen festen Platz und eine feste Größe im Dokument einnehmen, also nicht fließen.

Für das Selfpublishing eignen sich Texte ohne weitere Anreicherungen. Wenn ich nicht ein halbes Dutzend Abstimmungsschwierigkeiten bekommen will, muss ich mir mein Buch als reinen Text in einheitlicher Schriftgröße und in gebräuchlicher Schrift wie Arial und Times New Roman vorstellen können. Kinderbücher, Fachbücher, Comics etc. eigenen sich nicht für das Selfpublishing. Wer Bilder, besondere Schriften, sichtbare Strukturen benutzen will, schreibt am besten im starren PDF-Format, das eine Verwandlung in Epub nicht zulässt. Eine professionelle Unterstützung wird dabei nötig sein.

Bleiben nicht viele Möglichkeit für's Selfpublishing: Von der Kurzgeschichte bis zum Roman, von der kurzen bis zur langen Lebensbeichte ist alles erlaubt, aber eben nur: Text, Text, Text.

Damit haben wir aber ein Problem: Wir leben in einer anderen Welt: Bild, Bild, Bild. Wer liest noch drei Sätze in Folge? Musik ohne Video ist mutig! Text ohne Buntes unzumutbar! Da stehen wir nun mit unseren Möglichkeiten in einer Welt von Bildern. Wir haben ein elegantes, kompatibles Format und damit ein richtig großes Problem.

Wenn wir überhaupt mit Lesern in Kontakt treten wollen - und ich rede nur von Blickkontakt - dann müssen wir Textleute uns den Bildmenschen anpassen. Dann müssen wir kurze Sätze gebrauchen. Dann müssen wir eine bildreiche Sprache benutzen. Dann muss das Erzählte den Erzählten sofort packen. Wenn wir nicht nach 10 Sekunden im Kopf des Lesers drin sind, dann bleiben wirdraußen.

Von dieser Annahme gehe ich aus. Was unseren Text auszeichnen muss, werde ich dementsprechend herausarbeiten.


Chapter I.4 - Blog oder Ebook?


Dieser Blog wird kapitelweise zu einem Ebook. Dann werde ich über meine ganz praktischen Erfahrungen mit dem Selfpublishing bloggen. Das veröffentlichte Ebook wird ergänzt und nachveröffentlicht.

Dies zeigt die neuen Möglichkeiten, die sich uns Selfpublishern bieten. Im Augenblick schreibe ich einen Thriller, den ich vorab nicht veröffentlichen will, weil viel nachzuarbeiten ist. Mit ein wenig Routine, mit Übersicht ist aber durchaus vorstellbar, dass selbst ein Roman kapitelweise in einem Blog vorveröffentlicht wird.

Ich spreche hier von neuen Möglichkeiten, die aber so neu eigentlich nicht sind. Sie sind einfach vergessen worden: Viele Schriftsteller des 19. Jahrhunderts haben ihre neuesten Werke - nicht den Nach-Taschenbuch-Aufguss - in Tageszeitungen veröffentlicht. Die haben wirklich jeden Tag ein Kapitel neu geschrieben, sonst wären sie verhungert!

Kurze Texte, Erzählungen, Reiseberichte sind perfekt zum Bloggen. In meinen Blog kann ich auch mediale Inhalte wie Kurzfilme, Bilder oder Karten einbringen, die ich im Ebook nicht verankern kann. Eigenes Hintergrundmaterial, Links, Kommentare fassen das Ebook wie in einem zweiten Rahmen ein. Im Ebook selbst wird auf die Blog-Adresse verwiesen.

Mag am Anfang unserer Schriftstellerei vermessen klingen. Nach ein paar Werken aber wird durchaus Interesse bestehen. Der Blog ist umsonst. Alles, was im Internet umsonst ist, wird gerne angeklickt. Jemand, der unentschlossen ist, kann sich vor dem Download im Blog ein wenig nach uns umsehen. Werke, die nicht mehr runtergeladen werden, können hier umsonst als Einstieg angeboten werden.Der Buchpreis richtet sich nach der Nachfrage, nicht nach der Bindung.

Der Blog sammelt alles über mich ein. Hier habe ich einen zentralen Link, der zur mir führt, ob von Facebook, Twitter oder meinen und anderen Blogs. Nebenbei kann ich hier auch über Flattr die Besucher anbetteln. Hätte Charles Dickens diese Möglichkeit gehabt, er hätte sie sicherlich genutzt!

Solange die FAZ oder Spiegel Online nicht über mich berichten, kann ich mich bloggend als die Person hinter dem Schriftsteller darstellen. Ich kann Interviews mit mir selbst führen, ich kann eine Biographie schreiben, ich kann mir Preise verleihen - was immer mir einfällt. Der Wahrheitsgehalt ist nebensächlich. Ein erfundener Schriftsteller, der über erfundene Personen schreibt - warum nicht? Die Internet hat wenig Geduld mit Langeweilern. Witzig 'muss' es sein, wahr 'kann' es sein!


Chapter I.5 - Welche Schleier soll es sein ?


Ein paar Kleinigkeiten zur Technik des Verschleierns im Internet:

Grundlage allen offenen Verkehrs im Internet ist meine IP. Auf der Seite wieistmeineip.de kann ich sehen, was an jeder Schaltstelle von mir zu sehen ist. Selbstverständlich lässt sich über meinen Internet-Provider meine Identität abfragen. Jeder meiner vielen Schritte im Internet ist sichtbar.

Grundlage allen anonymen Verkehrs im Internet ist ein VPN-Server wie zum Beispiel hidemyass.com. Wenn ich mich ins Internet einwähle, gehe ich erst durch den 'Tunnel' des VPN-Servers. An dessen Ende wird mir eine andere Identität zugewiesen. Damit bin ich unsichtbar geworden.

Es gibt vier Möglichkeiten, wie ich mit meiner Identität als Schriftsteller umgehe:

1. Ich erstelle über einen VPN-Server z.B. einen neuen Googlemail-Account mit erfundenen Daten, mit dem ich mich bei Amazon anmelde und mein Buch hochlade. Damit bin ich - auch für Amazon - komplett unsichtbar.

2. Ich erstelle ohne VPN-Server einen Googlemail-Account mit erfundenen Daten. Für Amazon bin ich unsichtbar, aber meine Identität ließe sich bei meinem Internet-Provider erfragen.

3. Ich benutze meinen eigenen Mail-Account und gebe beim Hochladen des Buches ein Pseudonym als Autor an. Damit bin ich für Amazon sichtbar, aber für niemanden sonst.

4. Ich benutze meinen eigenen Mail-Account und meinen Namen für die weitere Anmeldung. Damit bin ich für jeden sichtbar.

Für eine von diesen vier Möglichkeiten muss ich mich vor dem Hochladen meines Buches entscheiden.


Chapter I.6 - Fake-Ich oder Klar-Ich ?


'Peter Marnet' ist ein Fake-Name, erstellt mit einem VPN-Server, soviel vorneweg. Nicht einmal Amazon weiß, wer 'Peter Marnet' ist. Dagegen eine Indie-Bloggerin wie XY versteckt sich nicht. Vom Foto bis zur Anschrift ist alles vorhanden. Das sind die Grenzen, zwischen denen alles möglich ist.

XY hat gute Gründe, sich nicht zu verstecken. So offen, wie sie im wirklichen Leben auftritt, so offen tritt sie im Internet auf. Das wirkt sympathisch. Eine solche Person ist ansprechbar. Sie kann ihre verschiedenen Auftritte bei Facebook, Twitter und den Blog-Links als XY koordinieren. Jeder kann ihre Blogbeiträge kommentieren. Sie kann ihren Bekanntheitsgrad nach und nach erhöhen.

'Peter Marnet' ist nicht ansprechbar. Es gibt keinen Account in den sozialen Medien. Allein über die Mail-Adresse ist ein Kontakt möglich. Meinen Bekanntheitsgrad kann ich so nicht erhöhen.

Ebooks schreiben und Kontakt zu den Lesern halten sind zwei Dinge. Gehören sie nicht zusammen? Nun ja, am Anfang schon. Die Indie-Szene ist eine Baby-Szene, gerade mal geboren, eigentlich ein 'Frühchen', noch im Brutkasten von Amazon. Zu diesem Zeitpunkt tut ein Indie-Autor gut daran, einen Kontakt zu den wenigen Lesern herzustellen. Das ist richtig, wenn aus 10 Lesern 100 Leser werden sollen.

Was aber ist - und das geht viel schneller! - wenn aus 100 Lesern 1.000 Leser werden? Wer dann Kontakt halten will, kann nicht beides leisten: Schreiben und Kontakt halten. Der Zeitaufwand ist viel zu groß. Klare Sache also: Wer viel Zeit für das Schreiben braucht oder wenig Zeit zum Schreiben hat, sollte sich gut überlegen, wieviel Kontakt er zulässt. Diese Überlegung sollte am Anfang stehen.

Wenn XY 100 Leser hat, dann werden - sagen wir mal - fünf davon einen netten Kontakt zu ihr herstellen. Wenn sie 1.000 Leser hat, weil aus dem Frühchen ein dralles Babykind geworden ist, dann hat sie ein neues Problem: Unter den 53 Lesern, die dann Kontakt mit ihr herstellen wollen, ist mindestens ein Vollpsychopath und zwei, die auf bestem Wege sind. Diese haben einen siebten Sinn selbst für die kleinste Internet-Bühne!

Dann muss sie die Kommentarfunktion ganz deaktivieren oder jedenKommentar zulassen. Einzelne Kommentare zu löschen, ist nicht möglich. Gerade diese Leute sind im Internet zuhause und würden alle Kanäle für eine Zensur-Kampagne nutzen. Dann wird der Vollpsychopath zum Endpsychopath und die Indie-Autorin zum Nervenwrack!


Chapter I.7 - € 0,86 - mehr nicht ?!


€ 0,86 wird dieses Ebook kosten. Das ist der Mindestpreis bei Amazon. Darunter geht es nicht. Die Tantiemen, die ich bekomme, sind 35 % (= € 0,26), nicht 70 % wie bei Ebooks, die mit mindestens mit € 2,60 angeboten werden.

Welchen Preis kann ich verlangen? Stellen wir zuerst die Frage, wieviel das Schreiben eines bekannten Schriftstellers im Internet wert ist. Davon ausgehend lässt sich besser einschätzen, welchen Wert das Schreiben eines unbekannten Autoren hat.

Der neue Nele Neuhaus-Bestseller kostet als Ebook € 12,99. Schön und gut - kostet er tatsächlich soviel? Machen wir die Probe. Wir googlen 'Nele Neuhaus Wer den Wind sät Ebook' und finden bei den ersten fünf Ergebnissen: 3 x den Preis von € 12,99 und 2 x den Preis von € 0,00. Wer aber gibt € 12,99 für ein Buch aus, das er in gleicher Qualität für piratenmäßige € 0,00 bekommen kann? Vermutlich sehr wenige. Also liegt der real erzielte mittlere Preis pro Download für den Nele Neuhaus-Krimi vermutlich bei € 3,00 - nicht höher.

Das ist ein bisschen Kaffesatzleserei - ähnlich des Ausmaßes der Schwarzarbeit in Deutschland. Eine 'schwarze' Größe lässt sich nicht seriös schätzen. Trotzdem: Der Anteil der Ebooks an den legalen Buchverkäufen ist in Deutschland sehr gering. Auf der anderen Seite sind die EReader teilweise ausverkauft. Was machen die Leute aber mit den vielen EReadern, wenn sie nicht Ebooks lesen? Eben - sie lesen die illegalen Ebooks! Meine Schätzung, dass Nele Neuhaus nicht mehr € 3,00 pro Download erzielt, ist von daher nicht ganz unbegründet.

Wenn eine bekannte Autorin wie Nele Neuhaus nur € 3,00 für ihr Ebook pro Download bekommt, dann ist der ausgerufene Preis von € 0,86 für das Ebook eines unbekannten Autoren reichlich hoch. Welchen Preis kann ich verlangen? Die Antwort zu der Frage von oben lautet: Vernünftigerweise dürfte ich - solange ich unbekannt bin und es Buchpiraten gibt - nicht mehr als € 0,00 für mein Ebook verlangen.


Chapter I.8 - Der 'grüne Zweig'


€ 0,26 bekomme ich für jeden Download dieses Buches. Es sei denn, ein Buchpirat lädt es hoch. Dann bekomme ich nichts (= € 0,00). Die augenblickliche Situation ist trostlos für mich. Ein 'grüner Zweig' ist nicht in Sichtweite.

Immerhin kostet mein Ebook nur € 0,86. Das ist ein kleiner Lichtblick. Eine Kleinstsumme tut nicht weh und hält viele davon ab, das Angebot der Buchpiraten anzunehmen. Auch bei den Buchpiraten ist das Hochladen von Ebooks, die fast umsonst sind, unüblich. Die Kleinstsumme steht also einer großen Anzahl von Downloads nicht im Weg. Unter den Ebook-Top-20 in Amerika sind mehrere bis dahin unbekannte Autoren mit $ 0,99 als Preis - sehr zum Ärger der Platzhirsche.

Ich veröffentliche das Ebook und habe - sagen wir mal - 100 Downloads. Verdient habe ich € 26,00 - mehr nicht. Dadurch wird mein Blog bekannter. Auf diesem schalte ich Werbung und einen Flattr-Button. Wieder Kleinbeträge, die dann eingehen.

Mein nächstes Ebook verkaufe ich für € 2,60, für die ich € 1,82 (70 % Tantieme) erhalte. Jetzt bekomme ich etwa soviel, wie ein Autor für sein € 9,99-Papierbuch bekommt. Wir hatten vergessen, dass Papierbuch-Autoren fast nichts bekommen, der Rest geht drauf: für den Verlag, den Buchhandel, die Ladenmiete, die verschiedenen Dienstleister.

Das erste Buch hat mich eine bisschen bekannt gemacht. Das zweite Buch macht mich noch bekannter, hat 500 Downloads und höhere Werbeeinnahmen zur Folge. Bei € 1.000,- bin ich jetzt - immerhin. Nicht abwegig, dass ich bei dem dritten Buch zufrieden mit dem Ertrag bin. Weil ich nur mit Amazon teile, bekomme ich für einen Download relativ viel Geld. Weil der Preis niedrig ist, habe ich viele Downloads.

Nicht wenige der Platzhirsche werden über kurz oder lang bei Amazon, Google, Apple anheuern und die Verlage und den Buchhandel komplett umgehen. Ein € 19,90-Papierbuch, das sich 10.000 mal verkauft, ist ein Bestseller. Ein Autor bekommt dafür etwa € 40.000 - wohlgemerkt für einen Bestseller! Er kann sein Werk für € 5,70 anbieten, wenn er dieselbe Summe bei Amazon erwirtschaften will. Vermutlich wird er dann deutlich mehr Leser finden, weil sein Werk nur etwa 1/4 kostet.

An dem Beispiel vom unbekannten Schriftsteller und vom Bestsellerautor zeigt sich, welche finanziellen Möglichkeiten das Selfpublishing bietet. Der unbekannte Autor hat die Chance, sich selbst schrittweise bekannt zu machen. Einen seriösen Verlag mit langem Atem - der es nicht auf die Vorauskasse abgesehen hat - hätte er nicht gefunden. Der bekannte Autor profitiert von seinem Werk, weil er nicht mit Agent, Lektor, Drucker, Buchhändler, Kreditgeber, Ladenlokalbesitzer teilen muss. Da ist er - mein 'grüner Zweig'!


Chapter I.9 - Selfpublishing wird Volkssport


Wer viel liest, hat sicherlich schon einmal daran gedacht, ein eigenes Werk zu schreiben. Hat er solche Wünsche öffentlich gemacht hat, hielt ihn seine Umgebung schnell für hirnkrank. Das Schreiben war im Wirkunsgkreis und Eigentum der Verlage. Wie wäre dieser Olymp jemals erreichbar gewesen? Doch nun ist ein kleiner, mutiger Schritt nötig. Vielleicht wird ein Selfmade-Schriftsteller in Deutschland immer noch merkwürdig angesehen - in Amerika ist Selfpublishing bereits Volkssport.

Eigentlich ist das Bloggen eine Art von Selfpublishing. Ratet, wieviel Blogger es in Deutschland gibt. Ein Blog lässt - anders als ein Epub - die Einbindung von Bildern zu. Ein Blog wird vorzugsweise am PC gelesen, ein Epub oft auf kleineren monochromen Ausgabegeräten. Bloggen erlaubt Themensprünge, kann in die Breite gehen, während Selfpublishing, thematisch eingegrenzt, in die Länge arbeitet. Mein Blog-Buchprojekt ist ein Beispiel dafür, wie aus dem Bloggen das Selfpublishing werden kann. Es gibt etwa 1,5 Millionen Blogger in Deutschland und vielleicht 100 Selfpublisher. Letztere Zahl wird explodieren - das ist keine Hellseherei!

Doch wer werden diese Selfpublisher sein?

Die neuen digitalen Schriftsteller werden sicherlich aus den Reihen der Bücherfans kommen. Schreiben ist eigentlich nicht schwer. Phantasie, vor allem Zeit und Ruhe brauche ich - mehr nicht. Nicht umsonst ist Amanda Hocking - die bislang erfolgreichste Indie-Autorin - eine Altenpflegerin. Als OP-Schwester wäre sie kaum zum Schreiben gekommen!

Das Epublishing werden viele Autoren nutzen, die sich an ein spezielles Publikum wenden, das nicht mehr als ein paar Dutzend Interessierte umfasst. Verlage haben immer Auflage machen wollen. Dabei blieb viel liegen: seltene Hunderassen, Kuriossportarten, Vereine und Vereinigungen, eigene Kochrezepte. Gerade im Randbereich der Randthemen sind ja auch die Blogs sehr stark vertreten.

Es gibt antiquarische Schätze aus dem frühen Familienerbe, die sich heben lassen. Die Leute früher konnten richtig gut schreiben: lange Briefe, Tagebücher, Lebenserinnerungen. Vieles ist mit den alten Fotos aufgehoben worden. Was für unsere Angehörigen Alltag war, lässt uns heute staunen. Ich habe eine Ur³-Tante, die beschreibt, wie elektrisches Licht zu ihnen ins Haus kommt. Zumindest für die Familie ist das interessant. Für's Selfpublishing mit einem Foto als Cover reicht das allemal - Speicherplatz hat Amazon genug.

Es wird einen neuen Berufszweig geben - den professionellen Schreiber für Senioren. Jeder in Deutschland wird sein Leben und seine Ansichten öffentlich machen können. Die Alten, die den digitalen Medien fern sind, werden einen Mittler finden, der ihr Mitteilungsbedürfnis bedient. Geld genug haben die meisten, nur wenig Zuhörer. Jedem Autobiographen wird so das Gefühl gegeben werden: Ich stelle mich dem Internet, den jungen Leuten vor. Neben dem Hörstudio und dem Sanitätshaus werden wir Firmenschilder lesen wie: 'Meine Ansichten - Die Zeit ist da!', 'Ihr Leben - Wir hören zu!' oder 'Der Biograph - Sie sind es wert!'. Wer weiß: Lebensinnenansichten sind vielleicht nicht für uns interessant, aber für unsere Enkel womöglich doch.

Selfpublishing wird Volkssport. Es wird viel Absonderliches, Abwegiges, Schrulliges, Wahnhaftes dabei sein. Warum nicht? Viele von uns lesen nicht die Artikel von Spiegel Online, sondern die Kommentare. Sie werden reichlich Training für ihre Lachmuskeln haben. Es wird aber auch neue Bestseller-Autoren jedglicher Gattung geben - die augenblickliche Überheblichkeit der Verlage wird nicht lange vorhalten.xxx


Chapter I.10 - 'Copyright' = Recht zur Kopie


Vom Zeitpunkt der Veröffentlichung an besitze ich das Copyright an meinem Werk. So ist das Gesetz. Es schützt mich in dem unwahrscheinlichen Fall, dass jemand ein 1:1-Plagiat von meinem Werk unter seinem echten Namen öffentlich macht und mich davon in Kenntnis setzt. Es ist ein totes Gesetz - eine Debatiervorlage für Ahnungslose!

Jegliche Art von digitaler Ware wird der Internetgemeinde von Heerscharen namenloser Gönner kostenlos zur Verfügung gestellt. Alles was Geld kostet, wird 'enteignet'. Wenn es eine Moral gibt, dann die, dass nichts etwas kosten darf. Ebooks als solche sind sehr kleine Dateien. Sie sind daher besonders schutzlos. Eine gutsortierte Piratenbibliothek von 1.000 und mehr Ebooks kann leicht als 500 MB-Mail-Anhang versandt werden. Eine Gegenwehr gibt es nicht. Alle die diversen Schutzmaßnahmen dienen nur den Firmen, die sie entwickeln. Kopierschutz ist für die Piraten kein Hemmnis, für die ehrlichen User ein Ärgernis. Der DRM-Schutz von Adobe ist der Hauptgrund, warum die Ebooks sich so schlecht verkaufen.

Aber nicht nur mit namenlosen Buchpiraten habe ich zu rechnen. Wandelt jemand mein Werk unter seinem Namen nur leicht ab, bin ich machtlos. Zu Zeiten der Schreibmaschine und des Papierdrucks war Abschreiben mühevoll, aufwändig und kostenintensiv. Der Abschreiber war gegenüber dem Abgeschriebenen eindeutig im Nachteil. Das ist heute anders. Mit ein bisschen 'Textverarbeitung' kann meine Abschrift wenige Tage später im Netz stehen, ohne dass ich eine Entdeckung fürchten muss, ohne dass mir Kosten entstanden sind.

Jeder, der digital veröffentlichen will, sollte wissen, dass seine Schöpfung mit der Wahl dieses Mediums allen gehört, eine Abgrenzung von 'eigen' und 'fremd' nicht mehr möglich ist. Er sollte ehrlichen Herzens damit einverstanden sein. Das Internet bietet tolle Möglichkeiten, sich bekannt zu machen. Die Kehrseite ist, dass sich jeder bei jedem bedient. Es ist eine Gemeinschaft - all die Ideen und Schöpfungen sind bereits Gemeinschaftswerken oder werden es sein.

Wer digital publiziert, sollte sich keine Gedanken machen, sein Werk zu schützen. Ist es nicht eine Anerkennung, wenn meine Ideen aufgegriffen werden? Auch ich habe die Möglichkeit, Ideen aufzugreifen. Es ist ein sich schnell drehender Kreislauf von Ideenklau. Alles kehrt zu sich selbst zurück. Ist es nicht eine schöne Vorstellung, dass ich über kurz lang meine eigenen Ideen stehle!?


Chapter I.11 - Frühling aus tausend Trieben


Die wahren Künstler sind nicht die Schriftsteller, sondern die Verlagsmanager! Sie wählen ein Buch unter Tausenden aus, schneiden es serienreif, schleifen es für den globalen Vertrieb glatt, erweitern seine Verwertbarkeit zum Film, Hörbuch, Werbeträger, Modelabel, Online- und Offlinespiel, zum Schulheftcover und Schlüsselanhänger. Was für ein banaler, eindimensionaler Vorgang dagegen das Schreiben von Bücher ist!

Die Zusammenarbeit mit diesen Künstlern verlangt den Schriftstellern einiges ab. Er konzentriere sich bitte auf das Genre, auf die Schublade, auf das Kästchen, in dem genau für ihn ein Platz gelassen wurde. Er stelle sich einen Süßigkeitenautomaten vor, wo alles seine gekühlte Ordnung hat. Er verfalle nicht dem Wahn, sich für unentbehrlich zu halten. Die ersten 100 Seiten - sagen wir 43 Seiten - waren nicht schlecht, nun aber überlasse er das Schreiben dem Team, den Serienprofis. Er achte darauf, dass er nicht zu sehr dem Alkohol zuspreche, denn sein Gesicht wird gebraucht: für die Buchmesse, die Fernsehtalks, die Lesungen in Buchhandlungen und Autohäusern, für Kulturbeilagen und Promiblätter.

Wir Selfpublisher werden kaum jemals einen solchen Magier des Buchvertriebs zu Gesicht bekommen. Das hat Konsequenzen für unser Schreiben.

In den Schubladen der Buchgenres toben sich bereits die erfolgreichsten der Indie-Schriftsteller aus. Sie stecken die Kästchen um oder beseitigen sie ganz. Nach Neuerung steht ihnen nicht der Sinn, wohl aber nach Unordnung. Oft nehmen sie einen Schriftsteller als Vorbild und schreiben nach 100 Seiten - sagen wir 43 Seiten - ihren eigenen Stil, ihre eigene Sache. Es fällt ihnen nicht schwer, authentischer zu wirken als ein Schreibprofi, der vor der Buchserie Politikerreden schrieb oder Rat gab in der 'Apotheker-Rundschau'.

Die Grenzen zwischen den Schubladen werden verschwinden. Die Genremischung wird ein Wesenszug des Selfpublishing. Mit der gewonnenen Freiheit werden schnell Misch- und Neugenres entstehen. Ein Schreibprofi, der punktgenau auf die Tränendrüse der 45-jährigen euroamerikanischen Akademikerin drückt, ist ein Techniker, kein Pionier. Die Selfpublisher werden schnell das Genre wechseln können, was dazu führt, dass sie auf Entdeckerreise gehen können, bis sie ihr eigenes Ding gefunden haben. Dort angekommen und heimisch geworden, können sie es mit jedem angemieteten Schreibteam aufnehmen.

Neben den Mars-Snickers-Kühlautomaten der Verlage werden plötzlich - Seite an Seite - die windschiefen, naiv-fröhlichen Stände der Selfpublisher stehen. Der Global Player trifft auf den Erzeuger vor Ort.


Chapter I.12 Buchblog - Blogbuch - Ebook


Ein Sachbuch wird mit jeder Auflage stufenweise einem veränderten Wissensstand angepasst. Selbst ein Fachbuch - von der Persönlichkeit des Autors geprägt - wird für eine neue Auflage umgeschrieben. Nur belletristische Werke sind unveränderlich auf das holzige Papier gebannt.

Muss das sein? Ein digitales Buch kennt keine Auflage, lässt sich stufenlos umarbeiten. Warum also diese Möglichkeit nicht nutzen? Die Postings eines Blogs sind die Kapitel eines Buches. Dieser Blog ist nichts anders als die übergangslose Zwischenfassung meines Buches. Mein nächster Buchblog wird ein Thriller sein. Belletristik ist sicherlich schwieriger, setzt eine klare Struktur voraus, ein paar Vorgedanken - ist aber einen Versuch wert.

Die Bedingungen des Schreibens haben sich geändert. Wenn mich die Leser beim Schreiben des Buches begleiten, kann ich mir Irrwege ersparen. Das setzt voraus, dass ich weiß, was ich will. Eigentlich sollte ich in groben Zügen wissen, wie mein Buch aussehen soll. Davon sollte ich mich nicht abbringen lassen. Wenn die Leser alle Mauern einreissen können, dann können sie meine Burg schleifen. Ein On-the-Blog-Autor muss darauf gefasst sein, von der ersten Zeile an Widerspruch zu ernten. Am Ende - falls er nicht überrannt wurde, falls von den Mauern noch Reste stehen - wird sein Buch besser sein, nicht schlechter.

Das Wort des Lesers hat Gewicht, weil es von den anderen Lesern gesucht wird. Die Kundenrezensionen bei Amazon haben die - durch Werbung bezahlten - Buchkritiken überflüssig gemacht. Ein Werk, das von den Lesern nicht mehr als 2 Sterne bekommt, ist unverkäuflich. Die Kritik an einem Papierbuch ist immer endgültig. Im Fall der Digitalbücher ist Kritik aber ist kein Fallbeil mehr, weil ein Umschreiben, eine Revision jederzeit möglich ist. Wenn die Leser solchen Einfluss haben, warum gebe ich nicht nach, ehe es zu spät ist. Diese Flexibilität ist ein Vorteil, kein Nachteil.

Unsere Leser erleben jede Veränderung am Buch bloglive mit. Es wird eine sich austauschende Form des Lesens entstehen. Diese Dinge kommen aus dem Nichts. Auch die Leser werden lernen müssen, wo 'ihr' Autor Unterstützung und Lob braucht. Ich sollte keine Angst wecken: Die übergroße Mehrheit der Beiträge wird schwammig, aber positiv sein. 90 % der negativem Beiträge werden sehr hilfreich sein, 10 % der negativen Kommentare sind schlichtweg eitel und destruktiv. Es wird Zeit brauchen, aber am Ende wird euch der Leser nicht mehr mit dem Holzhammer gegenüberstehen, sondern mit Blumenstrauß und Nagelfeile.

Halt! Nur keine Angst vor destruktiven Beiträgen! Die Leser gehen gegen egomanische Zerstörer sehr entschieden vor. Diese oft heftigen Auseinandersetzungen werden als 'Flamewar' bezeichnet. Grundsätzlich sei gesagt: Ich habe als Autor in den Leserkommentaren nichts zu suchen. Da sollte ihr euch auf keinen Fall selbst einschalten. Lasst die Kommentare laufen. Die Grundregel ist: Die Unterstützung kommt immer dann, wenn euch die Tränen bereits in den Augen stehen.

Habe ich das alle zu Ende gedacht? Das Schreiben als Duo - durchaus üblich bei den Historischen Roman - bietet sich geradezu an. Das Schreiben einer Serie von verschiedenen Autoren ist möglich. Es gibt nichts zu teilen - warum sollten wir uns nicht richtig gut vertragen? Zusammenarbeit mit den Lesern ist möglich. Ihr könnt Vorschläge sammeln, wenn ihr nicht weiterkommt. Das kann so weit gehen, dass ein Autor bewusst das Ende weglässt. Er lässt seine Leser ein Buch zu Ende schreiben. Am Ende steht eine Leserabstimmung im Sinne von: Ein-Thriller-sucht-seinen-Autor!

Von einem bin ich fest überzeugt: Wo wir jetzt staunend vor den neuen Möglichkeiten stehen, werden wir in zwei Jahren nicht glauben wollen, welche Möglichkeiten wir übersehen haben.


Chapter I.13 Wo ist mein Team?


Ich gebe zu, wir blicken schon in die Zukunft. Die Gegenwart ist trostlos und entmutigend. Nirgendwo eine Seele, die mich lesen will. Nur am Samstag abend ein paar Surfer, die meinen Blog anklicken. Nicht jeder wird völlig nüchtern sein, der hier landet. An manchen Tagen schaut nicht einmal der Google Crawler vorbei. Was rede ich da von einem Team, das mir zur Seite steht?

Für die einen ist es selbstverständlich, die anderen Autoren schütteln ungläubig den Kopf: Auf allen Ebenen, in den vielen Boards des Internets bekommt ihr zu jedem Thema Hilfe. Jeder, der ein Problem hat, findet jemanden, der ihm hilft. Je mehr ihr euch auskennt, desto hochkarätiger ist die Unterstützung. Ungnädig sind die Helfer nur mit denen, die sich absichtlich blöd anstellen oder einfach nur bequem sind. Voraussetzung ist oft die Mitgliedschaft in einem dieser Boards. Kostet nichts, dient dem Zweck, die Themen zu ordnen, die Verantwortlichen festzulegen, den Kontakt untereinander zu erleichtern.

In kürzester Zeit wird es ein Indie-Forum geben. Das Neue, Spontane zu organisieren - darin ist das Internet wirklich gut. Die Boards entstehen auf Grundlage einer einheitlichen Board-Software, die für alle gleich ist. Daher unterscheiden sich viele Boards nur in der Farbe, in den Kategorien und im Grad der Illegalität. Der ganze sonstige Aufbau ist vorgegeben. Ein einzelner kundiger User reicht, um ein Board zu erstellen. Speicherplatz gibt es anfangs umsonst, später für kleines Geld. Ein Indie-Forum wäre ein legales Forum - keine Notwendigkeit also, russische Server zu benutzen, sich in Panama zu registrieren und hinter jedem Kontakt einen Rechtsanwalt zu vermuten. Amazon-Werbung könnte geschaltet werden. Für die Einnahmen reicht das gute, ehrliche Postbankkonto. Jeder könnte mitmachen. Daher: Ein Indie-Forum wird sehr bald kommen!

Was ein Lektor leistet, können auch die Leser leisten. Als die Buchpiraten die Bücher noch eingescannt haben - lange bevor die Verlage den Digitaldruck entdeckten - waren Scannen, Rechtschreibprüfung und Korrektur drei Vorgänge, an dessen Ende ein - oft perfektes - Ebook stand. Die Gruppen gingen arbeitsteilig vor. Die Arbeit wurde nach Aufwand, aber auch nach Fähigkeit verteilt. Es gab Meister, Gesellen und Lehrlinge. Niemand wurde ausgelacht, wenn er sich ernsthaft bemühte. Jeder konnte und wollte aufsteigen. Nebenbei gab es nur Ebooks zu lesen, wenn ich selbst Ebooks für andere erstellte - auf welcher Ebene auch immer.

Wir Indie-Autoren werden auf Leser treffen, die auch mit dem Gedanken spielen, 'independent' zu schreiben. In den verschiedenen Stadien unseres Buches ist Mitarbeit und Mitsprache möglich und von Vorteil. Das gilt für Formatierung und Rechtschreibung, aber auch für den Aufbau und die Idee des Buches. Hier geht es um Mitarbeit, die über punktuelles Kommentieren hinausgeht. Aber auch unsere Mitsprache wird erwünscht sein und einforderbar sein. Stellt euch also darauf ein, selbst Hilfe zu leisten. Für jemanden, der nur von der Arbeit der anderen profitiert, gibt es das Wort 'Leecher' - eine in gewissen Kreisen 'tödliche' Beleidigung.

Wie die Verlage werden wir in Teams arbeiten können. Wir haben die gleichen Bedingungen, wenn wir wollen. Den Buchpiraten wird von Fachleuten eine - für die Verlage - erschreckend professionelle Qualität nachgesagt. Warum soll dies nicht für Indie-Autoren gelten?


Chapter I.14 Es gibt Dinge, die es nicht gibt


Buchpiraten!? Die gibt es nicht. Falls es sie doch gibt, dann wegschauen und das Thema wechseln! Das Internet von außen und das Internet von innen: Zwei Wirklichkeiten, die wenig gemeinsam haben. Uns Autoren im digitalen Eigenverlag gibt es nur durch das Internet. Mit dem Wegschauen ist anderen gedient, uns nicht. Wir sind Teil des Internets mit allen seinen Freiheiten, Respektlosigkeiten, seiner Unmoral und den Zonen, die es nicht gibt.

Dass wir digitalen Autoren eine andere Art von Büchern schreiben müssen, leite ich in all diesen Kapiteln aus unserem Umfeld her. Wir sollten den Tabubruch zum Stilelement machen. Wir können an Aufmerksamkeit gewinnen, was wir im Außenfeld des Internets an Respaktibiltät verlieren. Die Internetuser sind einiges gewöhnt. Kein Spieleentwickler, der nicht in Auseinandersetzung mit Spielern seine Ideen entwickelt. Die Kids geben den Ton an, nicht die Produzenten. Wir befinden uns mit unseren Ebooks in einem Umfeld, dass süchtig nach Grenzüberschreitung ist.

Uns sollte klar sein, dass es in den Piratenboards bei den Ebooks und Audiobooks eigentlich nur 4 Genres gehen: Vampirromane, Fantasy, Liebesromane (junge Kreditkartenfrau sucht ehrlichen Lover) und Pornos (meist Soft-SM). Nur interessehalber solltet ihr euch Seiten wie boerse.bz, buecherkiste.org und mygully.com ansehen. Das wollen die Leute lesen! Das Projekt Gutenberg ist wie eine massige Kirche. Es gibt sie zwar, aber keiner geht hin. Wenn wir schreiben, sollten wir zumindest wissen, was die Leute im Netz lesen. Mehr will ich nicht sagen. Ich fordere niemanden auf, über Lustsklavinnen, Erdzwerge und das Berufskolleg 'Zaubern und Bluttrinken' zu schreiben.

Immer noch sind die Ebooks nicht bei den Leserinnen um die 50 angekommen. Der Buchhandel versteckt die EReader geradezu. Illegale Boards findet die Frau um die 50 nur, wenn sie einen Enkel um die 16 hat. Der hat aber extrem wenig Zeit, weil bei 'Call of Duty' der neuste Patch ... Die Tante schaut ihm über die Schulter und glaubt nicht, was sie sieht.

Solange die ältere Generation nicht die Ebooks entdeckt hat, wird sie auch nicht die Self-Publisher entdecken. Schreiben wir einfach eine Zeit lang für die jungen Leute, die geklaute Ebooks, Filme und Games runterladen und - ich fürchte mal - alles gleichzeitig konsumieren.


Chapter I.15 All das Bestsellerzeug ...


Der BMW X3 fahrende Collegevampir, der 96. Serienmörder aus Ystad, die vershoppten Amerikanerinnen, diverse Killermönche, der endgültige Islamistenjäger - sie alle bevölkern die Ebook-Szene. Das sollte uns klar sein.

Die Gestalten sind eindimensional, sie handeln schnell, überlegen wenig. Sie sind triebgesteuert und moralschwach. Es herrscht Gewalt und Unlogik. Die Gesichtszüge sind kantig und grob, Smiley-Mimik reicht ihr völlig. Kein Roman findet ein Ende. Jeder Markenheld ist allzeit bereit, von den Verlagen erneut zu den Waffen gerufen zu werden. Den Film, der gedreht werden wird, kann der Leser vor seinem geistigen Auge schon sehen. Die Werbepausen sind angedacht und bereits ausgeschrieben.

Wir befinden uns auf einer Kirmes. Alle Handlungen in einer Endlosschleife. Die Rollen sind klar verteilt: die Rosen werden geschossen, die Geister angedunkelt, 'hui hoh', 'hah hih' und 'uih uuh'. Niemand wird auf die Geister schießen, keine Achterbahn fette Würstchen verkaufen, die Hellseherin nicht mit dem Boxen anfangen.

Vielleicht werden wir eine neue Blüte des Flüsterns erleben, eine große Symphonie der Zwischentöne, eine Orgie der Andeutungen? Mitnichten! Es kommt eine neue Kirmes, im neuen Jahr zur selben Zeit am selben Ort! Niemand wartet auf Neues. Das Alte noch schneller, noch lauter, noch brutaler. In den Serienkiller setzen wir alle unsere Hoffnung. Von ihm allein könnte das Wort kommen: ' Schluss mit dem Kirmeszeug!'

Es ist Zielgruppenschreiben. Die Frage: 'Wer soll das lesen?' ist keine Frage, die ein Autor sich gerne stellt. Doch sie ist wichtig, weil die Leser nicht mehr auf der Suche sind. Sie sind medial übersättigt. Jeder ist einfach nur froh, wenn er nicht platzt. Die jeweilige Zielgruppe wird von drei Richtungen aus bedient. Die Hauptrichtung kesselt die geistigen Dauerabonnenten ein. Zwei Nebenrichtungen fangen einerseits die Vorauseilenden und andererseits die Zurückblickenden ein. Das ist ein ziemlich perfektes System. Auch wir Self-Publisher müssen deshalb lernen, unser Publikum zu verstehen. Uns muss klar sein, wer am Ende unser Buch lesen soll.

Selbst anspruchsvolle Leser sind froh, wenn sie alte Bekannte treffen, die sich nicht groß geändert haben. Der Kommissar in der Scheidungs- und Alleinerziehungs-Endlosschleife! Wer denkt, nur Vampire seien eindimensional, soll sich die Schriftstellerinnen ansehen, die immer genau dann einen Roman aufwärmen, wenn der andere vergessen ist. Ach, da ist sie ja wieder, unsere Donna Leone! - Wie war das noch bei ihr? - Ach ja, dieses schöne Venedig, das eigentlich ganz schmutzig ist! Nicht anders die vielen Frauen, die sich immer aufs Neue aufmachen, ihre Kinder lokalkoloritär aus den Händen von pakistanischen, iranischen, usbekischen und schaurig schwarzafrikanischen Ehemännern zu befreien - gerade dann aufbrechen, wenn alle Tränen all ihrer Leserinnen geweint sind.

Wir sind zu einer Bestsellerkultur verkommen. Ich lese, weil die Nachbarin liest. Ich lese, was die Nachbarin liest. Die große Gemeinschaft der Konsumentinnen - niemanden lässt sie ratlos oder gar unentschieden zurück. Der Schwund der Leserschaft - entweder sie sterben oder sie laden Ebooks runter - sowie die hohen Ladenmieten lassen sich nur über Steigerung des Kaufdrucks oder über eine Ausweitung des Angebots ausgleichen. Wo früher Literatur angeboten wurde, stehen jetzt die 'Non-Book'-Artikel: die süßen Stoffhasen aus chinesischen Lagern, ausreichend witzige Teetassen und die pädagogisch wertvollen Von-der-Oma-für-den-Enkel-Spiele.

Dagegen trete ich an mit meinem Selbstverlag. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte ich vor Lachen heulen. Ich will hier keinem von euch den Mut nehmen. Aber ein bisschen wie Don Quijote werden wir am Ende dastehen. Dem Ritter von der traurigen Gestalt. Alles ist gebrochen, was zu brechen war. Unseren Stolz und unsere Ideale aber haben wir nie verloren! Ein Kampf gegen Riesen, die nichts weiter als Windmühlen sind. Wer mutlos ist, bleibe zu Hause. Es gibt Kämpfe, die werden nicht geführt, um sie zu gewinnen!


Chapter I.16 Sofort-Publishing


Was schreibe ich zuerst fertig: Meinen Thriller oder dieses Fachbuch?

Klare Sache: Das Thema Self-Publishing ist in aller Munde. Ein Buch liegt in der Luft - geschrieben von einem Self-Publisher. Meinen Thriller kann ich später schreiben. Das ist keine Herzenssache, sondern eine Angelegenheit des Verstandes. Wann je wieder habe ich die winzig kleine Chance die Aufmerksamkeit des Internets, dieses riesigen Ozeans zu bekommen? Beeile ich mich also - ein paar Self-Publisher waren schon da, andere schreiben mit mir um die Wette.

Ein On-The-Blog-Buch eignet sich fürs Sofort-Publishing ganz besonders. Es ist ein Format, das mir erlaubt, schon in der Entstehung zu winken und zu rufen: 'Hallo, hier bin ich! Hallo, seht ihr mich!?'. Ich habe Bedenken - da bin ich ganz ehrlich - dass mir jemand zusieht und schneller als schnell alles abschreibt. Hätte diese Bedenken nicht jeder Autor? Trotzdem: Ich darf die Aufmerksamkeit nicht fürchten. Ich muss mich entscheiden: Will ich die Aufmerksamkeit? Die Aufmerksamkeit von möglichst vielen, möglichst bald? Dann darf ich die Aufmerksamkeit meines Konkurrenten nicht fürchten. Das On-the-Blog-Buch ist quasi die Twitter-Form eines Ebooks.

Das Internet ist süchtig nach Aktualität. Die Nachrichten sollen in Echtzeit bei uns sein. Wieder zeigt Twitter nicht nur, was möglich ist, sondern auch, was gewünscht wird. Die User haben sich an das Tempo der Veröffentlichung gewöhnt. Filme sind bei kino.to (Nachfolger), ehe sie im Verleih sind. Das Internet soll schneller als schnell sein - klickschnell in allem! Dass die legalen Ebooks Monate nach den Pbooks released wurden, hat sie zu einem Oma-Produkt in den Augen der User gemacht. Die Scans der Buchpiraten dagegen waren nicht nur umsonst, sondern auch topaktuell. Mittlerweile haben die Verlage dazugelernt. Sehr spät - manche Beobachter sagen, zu spät.

Nebenbei gilt dies nicht nur für Nachrichten und Releases, sondern auch für Belletristik. Wieder will ich niemanden dazu auffordern, den Markttrends hinterherzuschreiben. Ich entwickele nur aus den Wesenszügen des Internets, wie ein Schreiben in diesem Medium aussehen könnte. Die Self-Publisher sollten zumindest wissen, dass auch Papierschriftsteller hektisch den Markttrends hinterherschreiben. Eine Autorin wie Kerstin Gier versucht sich - sogar auflagenerfolgreich - in jedem Medium, das ihr unter die feine Nase kommt.

Wer aktuell sein will, hat ein Ideal: Das geschriebene Wort erscheint zeitgleich auf dem Bildschirm des Autors und des Lesers. An dieses Ideal kommt das Digitalbuch heran. Das On-the-Blog-Buch nähert sich der Idealform bis auf wenige Minuten, Twitter bis auf wenige Millisekunden. Das Papierbuch ist von Aktualität Monate entfernt. Nutzen wir die Chance! Zeigen wir, was unser Format zeitnah leisten kann!


Chapter I.17 Piraten - Freund oder Feind?


Schreiben wir ein bisschen, wie alles anfing mit den Ebooks in Deutschland. Kramen wir ein bisschen in einer weitgehend unbekannten Geschichte. Danken möchte ich 'Unbekannt', der meine Recherchen entscheidend ergänzt hat.

Die Buchpiraten waren lange unter sich. Im Austausch wurde digitalisiert und gelesen. Wenig drang nach außen. Es war eine heile Welt. Dann entdeckten die deutschen Verlage das Thema 'Ebook'. Das heißt, eigentlich entdeckten sie nur, dass der Verkauf von Ebooks in Amerika Rekord nach Rekord aufstellte. Wer jetzt gedacht hatte, dass die deutschen Verlage auch einsteigen würden, sah sich getäuscht.

Wenige Verlage, meist internationale wie Random House, aber auch Droemer und Knaur setzten auf die Digitalisierung ihrer Inhalte. Die anderen Verlage diskutierten den neuen Trend weg. Als das nichts half, schickten sie ihre Rechtsanwälte auf die Buchpiraten los. Von vornherein sahen die deutsche Verlage die Ebooks als Bedrohung ihrer Existenz an.

Das alle Aktivitäten vereinigende, damals halb legale DocGonzo-Forum machte dicht, nachdem der Gründer ein Interview bei heise.de gegeben hatte. Die Kulanzzeit von 2 Jahren (!!), die für neue Werke zum Schutz der Autoren galt, fiel. Die vormals idealistischen Buchpiraten wanderten in die Anonymität der Warez (= Piraten) Szene ab. Die Hörbücher - nicht Musik oder Film - waren das digitale Medium, welches die Piraten von seiner Entstehung an beherrschten. Ein riesiger Markt ohne erwähnenswerten Anteil des Buchhandels! Heute noch sind kaum Audiobooks in den Regalen zu finden, obwohl sie sich großer Popularität, besonders bei den männlichen Konsumenten erfreuen. Die Warez Szene der Audiobooks aber war gegen Rechtsanwälte bestens gerüstet. Ab jetzt marschierten Audio- und Ebooks Seite an Seite.

Was sollten die Verlage machen? Auf der einen Seite scannten die Buchpiraten die allerneusten Bestseller. Jeder, der einen der neuen EReader sein eigen nannte, und googlen konnte, wandert zu den Piratenboards ab. Das war aber nur die eine Seite der Medaille - gar nicht mal die entscheidende. Die Buchpiraten erfuhren auf vielerlei Art Unterstützung von den digitalen Global Playern wie Amazon, Google und Apple. Deren Kalkül war einfach: Wenn wir die Buchpiraten jeden Bestseller machen lassen und dafür sorgen, dass möglichst viele EReader verkauft werden, dann wird den Verlagen nichts anderes übrig bleiben, als ihre Paperbooks auch als Ebooks zu releasen. Den Verlagen entgeht sonst das neue Geschäft und die Paperbook-Verkäufe brechen - wegen der Buchpiraten - über kurz oder lang ein.

Denn es wird manchmal vergessen: Die Großen Drei haben ein Problem. Sie haben keine eigenen Ebooks. Die Schriftsteller waren und sind alle bei den Verlagen. Gerne würde Amazon Rabattaktionen wie in Amerika und England fahren, aber die Buchpreisbindung und das Inhaltsmonopol der deutschen Verlage verhindern es. Sie müssen lieb und freundlich tun und die Ebooks von der Herstellern erwerben. Noch sind sie reine Weiterverkäufer, die am Gängel der deutschen Verlage hängen.

Genau da kommen die Indie-Autoren ins Spiel! Wer sich gewundert hat, dass eine Szene in atomarer Größenordnung soviel von sich reden macht - hier ist die Erklärung. Amazon und Co. müssen Inhalte von eigenen oder übergelaufenen Schrifstellern anbieten, wenn sie Ebooks zu eigenen Preisen verkaufen wollen. Das ist der Grund, warum das Kindle Direct Publishing (= KDP) durch die Medien gegeistert wird. Durch Aufbau einer eigenen sympathischen Indie-Szene geht Amazon Schritt für Schritt in Richtung eigener Ebooks, während die deutschen Verlage sich selbst auf den Füssen stehen. Der Verzicht auf 70 % der Tantiemen ist ein sagenhaftes Einstiegsangebot, auch und gerade für Bestsellerautoren. Sie zu gewinnen ist das eigentliche Ziel von Amazon.

Wir unbekannten Indie-Autoren sitzen neben den anonymen Buchpiraten im Beiboot von Amazon. Solange wir von Nutzen sind, zieht das große Schiff uns mit. Könnte das nicht der Beginn einer überraschenden Freundschaft sein!?


Chapter I.18 Wir sind die Zukunft!


Der Autor blättert stolz durch sein neues Buch. Auch eine Hörbuchedition ist bereits geplant. Das macht ihn stolz. Berühmte Sprecher bringen ihm Ehre und Ruhm. Aber ein Ebook - muss das wirklich sein?

In 5 Jahren - mehr nicht - wird die Szene eine andere sein. Stolz klickt der Autor auf sein Ebook. Das Hörbuch wird von einem digitalen Stimmprogramm gesprochen. Mehr als ein paar Silben haben die berühmten Sprecher nicht von sich gegeben. Ein Stimmprogramm für jedes vorstellbare Hörbuch. Das papiergedruckte Buch hat sich der Verlag geschenkt. Auch eine Handschrift von Mönchen wurde nicht gefertigt. Papierdruck und Handschrift sind ein wenig aus der Mode gekommen. In 5 Jahren wird -

- Halt! Das gibt es schon! Aber ja: Bei uns Indie-Autoren ist die nahe Zukunft schon angekommen. Wir verzichten auf eine Papierausgabe unseres Werkes. Ein virtuelles Vorleseprogramm für Ebooks gibt es bereits - für die Autofahrer und die Freaks. Es funktioniert, habe ich mir sagen lassen. Die Stimmen sind ein wenig künstlich. Nach 2 Stunden spricht der aufmerksame Zuhörer wie das Programm. Er muss nur durchhalten. Dann gewöhnt sich seine Umgebung schnell daran.

Wir sind die Zukunft, wir schaffen das Idealprodukt, wie es sich die kühlen Rechner von Amazon und Apple erträumen. Ein Digitalbuch hat anders als ein Papierbuch keinerlei Beschränkungen: keine Auflagen, keine Lieferengpässe, keine Verkehrsstaus, keine Kassenschlangen. Die Chefs von Amazon und Co. planen schon lange, ein Buch nur als Ebook erscheinen zu lassen. Für die Verlage und die meisten Leser immer noch eine befremdliche Vorstellung. Im Self-Publishing bereits Wirklichkeit.

Wir Indie-Autoren sind Vorreiter in vielerlei Hinsicht. Den ganzen Vorgang, vom Schreiben bis zum Verlegen hat sich Amazon bei uns gespart. Amazon stellt uns Speicherplatz zur Verfügung, das Webdesign und sein Publikum. Alles weitere leisten wir und unsere freiwilligen Helfer. Ein Bestsellerautor wird in Zukunft sein Buch nicht anders verlegen als wir. Er hat professionelle Unterstützung für Inhalt und Stil, für das Cover, für das Marketing. Alles seine Leute, die von ihm bezahlt werden. Das Prinzip wird gleich sein. Ihm, dem Bestsellerautor, wird Amazon nicht mehr zur Verfügung stellen als uns.

Gönnen wir ihm seinen Ruhm. Seien wir großzügig, denn wir sind bereits da, wo die Zukunft begonnen hat.


Chapter I.19 Die Magie der kleinen Zahl


'Der indische Herrscher Shihram tyrannisierte seine Untertanen und stürzte sein Land in Not und Elend. Darum erfand der weise Hofbrahmane Sissa ein Spiel, in dem die wichtigste Figur, der König, ohne Hilfe anderer Figuren und Bauern nichts ausrichten kann. Um sich für die lehrreiche Unterhaltung zu bedanken, gewährte der König dem Brahmanen einen freien Wunsch. Dieser wünschte sich Weizenkörner: Auf das erste Feld eines Schachbretts wollte er ein Korn, auf das zweite Feld die doppelte Menge, also zwei, auf das dritte wiederum doppelt so viele, also vier und so weiter.

Als sich der König einige Tage später, belustigt ob des unweisen Wunsches, erkundigte, ob Sissa seine Belohnung in Empfang genommen habe, meldete der Vorsteher der Kornkammer, dass er die Menge Getreidekörner im ganzen Reich nicht aufbringen könne. Auf allen Feldern zusammen wären es 264−1 oder 18.446.744.073.709.551.615 Weizenkörner.'


Soweit eine alte Geschichte, die viel mit dem Internet zu tun hat. Da das Netz ein immaterielles Ding ist, gelten räumliche Beschränkungen und zeitliche Verzögerungen nicht. Aus der kleinsten Zahl von Usern kann sich eine riesige Zahl entwickeln, wenn sie sich verdoppelt und verdoppelt und ...

Letzte Woche hatte ich 1 Klick pro Tag, diese Woche schon 2 Klicks pro Tag. Nach nur 10 Wochen - wenn ich weiter verdoppele - bin ich schon bei über 1.024 Klicks pro Tag. Und dann nimmt die Sache erst richtig Fahrt auf. Heißt für uns Indie-Autoren, dass wir uns von kleinen Zahlen nicht entmutigen lassen sollten. Jeder, der erfolgreich eine Seite im Internet aufgebaut hat, wird bestätigen, dass nicht die Zahl als solche wichtig ist, sondern das Tempo, in dem sie zunimmt. Mit einer großen Zahl, die gleich bleibt, bin ich chancenlos gegenüber jemand, dessen winzig kleine Zahl rasant wächst.

Um unser kleines Indie-Ding steht es nicht schlecht. Die Bedingung der kleinen Zahl erfüllen wir spielend. Schwierig ist nur die Null. Aber auch die lässt sich ja verdoppeln. Wie steht es mit der anderen Bedingung? Was ist mit den 64 Schachfeldern? Was ist mit dem rasanten Wachstum?

Dafür ist gesorgt. Und ich pflege hier keinen Zweckoptimismus. Für unsere kleine Szene spricht, dass wir Teil der Amazonstrategie sind. Wir liefern die kleine Zahl, das erste Weizenkorn - die liefern die Wachstumsdynamik und den Rest vom Getreide. Ein perfektes Zusammenspiel. Auch Google will ins Self-Publishing einsteigen. Der größte Ebookhändler und die größte Suchseite - mehr braucht es nicht! Für das rasante Wachstum werden die beiden schon sorgen - macht euch keine Sorge! Viele Indie-Autoren, die in den nächsten Jahren den Durchbruch schaffen, werden das nur zum Teil ihrem eigenen Werk zu verdanken haben. Den Rest haben die beiden Schnellzüge Amazon und Google besorgt.


Chapter I.20 Das € 0,00-Ebook


Ich weiß, die Bepreisung eures Ebooks habe ich bereits kapitalisiert. Ich weiß. Aber € 0,00 ist kein Preis, genauso wenig, wie die Null verdoppelt werden kann. Große Teile der Mathematik beschäftigen sich mit der Null. Ich will dem € 0,00-Preis zumindest ein eigenes Kapitel widmen.

Hier die Meinung von Mark Coker, dem Gründer von smashword.com, der ich mich voll anschließen möchte:

"More and more publishers realize they're competing against (= im Wettbewerb stehen gegen) free already. The most valuable thing they're competing for is the reader's time and attention."

Ich wundere mich tatsächlich, wie viel über die Höhe des Preises diskutiert wird, wie wenig ein Preis als solcher überhaupt in Frage gestellt wird. Ich kann für alles einen Preis angeben, selbst meine Emails kann ich mit Preisen versehen. Das ist nicht die Schwierigkeit. Wie finde ich einen Preis, zu dem tatsächlich Verkäufe getätigt werden? Das ist die Schwierigkeit!


[Einschub] Es ist ein verbreiteter Trugschluss, dass höhere Preise zu höherem Gewinn führen: Jemand verkauft 0 Ebooks für € 19,99, ein anderer 1 Ebook für € 0,01. Wer hat mehr verdient? Wieder so eine Banalität.

Da wird eingewandt, dass ich mich zum Billigheimer machen, wenn ich meine Ebooks für € 0,99 verkaufe. Gut, dann wäre es ja das Beste, ich biete mein Ebook für € 99,99 an. Das wäre doch eine schöne Aufwertung! [Einschub]


Es ist so banal, dass ich es kaum zu schreiben wage. Wenn ich etwas anbiete, dann hängt der Preis davon ab, wo ich es anbiete, nicht was ich anbiete. Für 1 Liter Wasser am Bodensee kann ich weniger verlangen als für 1 Liter Wasser in der Wüste. Kann ja sein, dass ich das Wasser vom Müggelsee zum Bodensee gebracht habe. Das spielt aber für die Käufer keine Rolle. Kann ja sein, dass ich an meinem Roman 3 Jahre geschrieben habe. Das ist aber den Käufern völlig egal. So einfach ist das.

'Aber ich kann davon nicht leben!' wird eingeworfen. Natürlich wäre es schon, wenn alle meine Wünsche in Erfüllung gingen. Sterntalerregen, fliegende Teppiche, geküsste Frösche, Indie-Ebookverkäufe - alles tolle Sachen! Leider ist das Internet kein Märchenland. Es ist schlicht gesagt eine riesige zusammenhängende Freibierzone.


Chapter I.21 Lesen in der Wolke


Alle eure Indie-Ebooks für € 0,00 - das ist mein Appell an euren gesunden Menschenverstand!

Doch ehe ihr die Berufung wechselt und zum Wanderprediger umschult - es gibt Hoffnung! Die Dinge sind im Fluss, wie der Philosoph sagt. Wir befinden uns in einem Zwischenstadium. Dazu muss ich ein wenig ausholen.

Die Hersteller der Games machen es vor. Sie lassen die Spieler auf ihrem Server spielen. Bisher haben die Spieler das Spiel runtergeladen und auf ihrem PC gespielt. Leider war der ein oder andere schlimme Finger darunter, der das Spiel nicht nur auf seinem PC gespielt, sondern dort auch gehackt hat. Jetzt bleiben die Games aber auf dem Firmenserver. Setzt riesige interne Investitionen und Glasfasernetze voraus, aber mit ein paar Millionen Spielern, die bisher alles umsonst hatten, mit ein paar Millionen Omas, die noch nicht angezapft wurden, lässt sich sicherlich Geld verdienen. Auch 'Cloud-Computing' gehört zu diesem neuen Konzept. Die Firma mietet bei Amazon einen virtuellen Firmenserver. Amazon sorgt für Rechenleistung, und die Telekom für die Netze. Gespielt wird in der Cloud, in der Wolke.

Filme, Musik, Audio- und Ebooks werden nicht mehr komplett runtergeladen, sondern nur noch gestreamt. Der User bekommt immer nur einen Ausschnitt über eine Art Guckloch zu sehen. Es ist noch nicht ganz klar, ob dieser Schutz wirksam ist. Sehr komplexe Anwendungen wie Games und Softwareanwendungen können wohl geschützt werden, weniger komplexe Anwendungen wie Indie-Ebooks eventuell nicht. Ich will hier nur sagen, dass die Anbieter große Hoffnung in diese neue Technik setzen.

Für uns hieße es - wenn sich diese Technik nicht als Fehlschlag erweist - dass wir Indie-Autoren ein Problem weniger haben. Wenn der neue Bestseller von Nele Neuhaus wirklich € 14,99 kostet und nicht von 'Unbekannt' für € 0,00 angeboten wird, dann können wir für unser Indie-Ebook auch € 0,99 verlangen. Das ist vertretbar. Dieser Preis wird auch in Amerika erzielt, wo die Leute offensichtlich zu blöd sind, illegale Sachen runterzuladen.

Die Wolken-Technik wird bereits eingesetzt. Das ist keine Zukunftsmusik. Es schimmert uns Indie-Autoren eine Hoffnung.


Chapter I.22 Flatrates für die Indies


Flatrates für Ebook-Leser erscheinen plausibel, wenn wir ein wenig in die Zukunft blicken.

Während bei den Games wie World of Warcraft Flatrates üblich sind, befindet sich ein solches Angebot für Musik und Filme noch im Aufbau. Dafür müssen noch die technischen Voraussetzungen geschaffen werden. Den Anbietern vorstellbar ist, dass ihr Angebot über eine Cloud relativ geschützt verteilt wird. Das ist die Bedingung für das Angebot von Flats.

Die Popularität der Flats bei den Mobilfunkern zeigt für mich, wohin die Reise gehen wird. Bleiben wir bei den Ebooks. Es wird alle möglichen Flats geben, von der Minutentaktung, zur Tages- bis zur Monatsflat, vermutlich nach Genre, Alter, Geschlecht und Verlag aufteilbar. Sicherlich wird es auch eine Indie-Flat geben für die € 0,99-Ebooks. Entscheidend für uns ist, dass sich die Auswahl des Lesestoffes völlig ändert. Ich wähle nicht ein Buch zum Lesen aus, sondern ich wähle eine Zeiteinheit aus, in der ich lesen will.

Leicht vorstellbar, dass dies gravierende Konsequenzen für das Leseverhalten haben wird. Das Lesen von Büchern wird sich dem Surfen und dem Zappen annähern. Nicht ein Buch wird von Anfang bis Ende gelesen, sondern mehrere gleichzeitig, und keins zu Ende. Lassen wir die Kulturkritik mal bei den Kulturkritikern. Die Autoren haben sich Gedanken zu machen, wie sie schreiben müssen, um dieses Lesepublikum zu erreichen.

Auch die Kunden einer Buchhhandlung suchen sich ein Buch aus. Meist entscheidet die Pressewerbung und das Cover, welches sie nehmen. Haben die Leser Flats gebucht, wird es weniger oberflächlich zugehen. Die Leser haben die Möglichkeit, sich einzulesen. Der Layouter wird wieder eine Nebenrolle einnehmen. Das macht es leichter für alle, die keinen professionellen Layouter beschäftigen.

Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass es günstige Flats für Bücher von nachrangigem Interesse geben wird. Gerade hier, im Bereich der 'Mängelexemplar'-Buchhandlungen, macht das Reinlesen und Herumlesen ja Sinn. Die Verlage verdienen eigentlich nur noch mit den Bestsellern richtiges Geld. Die Bücher, die verzichtbar sind, könnten sie so bündeln und in die Zweitverwertung geben. Vielleicht werden hier die ersten Verlagsflats angeboten werden.

Insgesamt sehe ich auf die Buchpiraten, unseren größten Konkurrenten, ein Existenzproblem zukommen. In einer Flat wird der Zugang zu allen Ebooks angeboten. Das Angebot ist riesig, die Abwicklung professionell. Das Geld spielt keine Rolle, da die Oma als Fullsponsor für das Lesen ins Zimmer rollt. Wer geht dann noch zu den Buchpiraten?

Auch der Buchhandel würde schwer getroffen sein. Der Lesestoff, der uns zur Verfügung steht, wird mit einem Mal explodieren. Wer braucht da eine Buchhandlung oder eine Bibliothek? Mit einem Mal sind die EReader richtig attraktiv. Das ist sicherlich gut für uns reine Ebook-Autoren. Ich denke mal, ein solch innovatives Geschäftsmodell kommt nicht von den deutschen Verlagen, sondern von Amazon. Die UMTS-Anbindung des Kindles macht nur so richtig Sinn.

'Das ist Zukunftsmusik!' werdet ihr einwenden. Gut, aber wir wollen in dieser Zukunft gelesen werden. Gerade wir Indie-Autoren haben diese Zukunft auf unserer Seite. Die Bücher, die wir schreiben, müssen zu jeder Zeit die Aufmerksamkeit der Viel-Buch-Surfer fesseln. Die Zeiten sind vorbei, in denen wir uns darauf ausruhen konnten, dass ein Volltrottel unser Buch gekauft hat und es nun lesen muss. Unsere Leistung wird über die Zeitspanne abgerechnet, in der wir einen Leser fesseln konnten.


Chapter I.23 Was für eine Welt!


Wer lädt auf Facebook Fotos aus dem Familienalbum hoch? Keiner. Niemand im ganzen Netz mit einem Mutter-danke-für-alles-Lächeln. Die bravsten Mädchen: schrill, spontan, wild. Die bravsten Jungs: betrunken, kopfstehend, anzüglich. Ich muss 'auf'fallen - nicht 'ge'fallen!

Eine Welt der Posen. Eine Welt der Verkleidungen. Mein Ich ist eine Gestalt auf Zeit, auf Minutenbasis. Langeweile ist Rollenwechsel. Kann ich 400 Seiten lang Händchen halten mit meinem Ich? Und flösse die Sprache von innen heraus leuchtend wie bei Peter Handke - es würde an Versuchte Körperverletzung grenzen. 'Versuchte' Körperverletzung, weil kein Internet-User klaren Verstandes sich dem aussetzen würde.

Es ist eine Welt, die keinen Ernst kennt. Derart verklemmte Stimmung setzt ein Ich voraus, das über einen längeren Zeitraum, sagen wir ein paar Stunden, kontaktierbar ist. Wenigstens ein Nachsendeantrag sollte möglich sein. Selbstzweifel setzen ein Selbst voraus. Ablenkung ist der natürliche Feind der Abneigung. Wer brächte noch Geduld für ein durchschnittlich haltbares Hassgefühl auf? Schreibe ich also handlungsbetont, nicht gefühlserweckend. Grüblerische Kommissare, weltverlassende Tragödinnen, beschildertes Siechtum - all das gehört auf gelbholziges Papier. Stauballergiker greifen zum Ebook.

Wer wandert auf Ländergrenzen? Das Internet hatte viele Stimmen, aber eine Antwort: Niemand. Wer steckt die Slalomstangen der Moral? Für welche Fahrer? Entweder Kultur oder schnelles Internet - beides 'geht einfach nicht klar'. Wer braucht Vergangenheit? Wenn ich historisch schreibe, nehme ich eine Userin, schicke sie auf wikipedianische Zeitreise, verliebe sie in einen User, mische Deko - Wandtapetenstädte und Durstwüsten, Dunkelgrafen und Finsterfrauen. Ein Schicksalsmahl, ein leichtes, soll es dem Leser sein.

Es ist eine Welt ohne Wissen. Ich weiß nichts, das Netz weiß alles. Ich weiß, weil ich klicke. Schreiber, bleib mir fern mit allem, was ich mir merken muss. Die Namen, die Orte, die Fremdsachen - übertreib es nicht. Wer will sich das alles merken - denkt an die Demenz der Alten, denkt an die Demenz der Jungen.

Es ist eine Welt ohne Moral. Das Internet spricht mit tausend Stimmen. Moral spricht immer mit einer Stimme. Internet ist Drehbühne, Rollbühne. Moral ist Struktur, aus der Vergangenheit gelebte Gegenwart, gemenschte Langsamkeit. Für das Internet hat die Menschenzeit keine Ordnung. Fantasy und Science Fiction - nur das Bühnenbild ist grundverschieden. Als Self-Publisher habe ich alle Freiheit. Ich darf nur nicht der Tempodrosselung das Wort schreiben.

Was für eine Welt ist das!? Aber sie ist mein Lektor. Ich habe niemanden sonst: Keinen Mann mit wenig Haar und viel Brille, keine Frau mit gutem Herz und zuviel Arbeit. Mein Lektor ist das Internet - Millionen von Usern, die in Glasfaserkabeln unterwegs sind.


Chapter I.24 Die Odyssee


Dieses Buch besteht aus Einzelkapiteln. Ich könnte sie so oder anders aneinanderreihen. Ich habe keine Struktur. Teil I schreibe ich vor dem Publishing, Teil II über Publishing folgt nach. Das ist alles. Keine höhere Ordnung, kein Plan - nichts. Kapitel nach Kapitel, bis mir nichts mehr einfällt. Das Internet hat auch keinen Plan, sage ich. 'Unsinn!', höre ich rufen.

Gut, es gibt allerlei Ideenarchitekten, Gesellschaftsplaner und Welterklärer im Internet. Natürlich gibt es sie. Aber das Internet löst sie auf, hat zu jeder klaren Position eine ebenso klare Gegenposition, dazu 5 flüssig formulierte Unklarpositionen und mindestens 10 äußerst populäre Scherzpositionen. Wer im Internet ernsthaft Ideologie verbreiten will, wird nicht glücklich werden.

In den großen und kleinen Boards kann jeder ein Thema aufstellen. Alle sind eingeladen, in diesem Thread (engl. Faden, Gewinde) Beiträge zu verfassen. Die Beiträge sind kurz. Klick - sind sie eingestellt. Die Humoristen schreiben immer - die anderen bei Interesse oder Langeweile. Geschrieben wird viel von vielen. Gelesen wird nichts von keinem. Wäre zu mühselig, weil in einem Thread locker 100 völlig verquirlte Beiträge zusammenkommen. Alles wird nacheinander auf den Faden gezogen. Eine Ordnung gibt es nicht. Irgendwann wird der Thread vom Moderator geschlossen - der Faden oben zugeknotet. Es entsteht ein geselliges Stimmungsbild, ein kleine Bühne Witzaustausch. Vermutlich weiß am Ende keiner, worum es ging.


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