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Published by Peter Marnet at Smashwords
Das Telefon summte.
“Sie sprechen mit der Unternehmensberatung Georg Malber. Wer spricht dort bitte?" Die junge Dame, kaum 16 Jahre alt, saß kerzengerade in ihrem großen Drehstuhl. Stirnrunzelnd betrachtete sie das flache Sprechgerät, das vor ihr auf dem Tisch stand.
“Ich hätte gerne Herrn Malber gesprochen", kam es von dort.
“Du musst sagen, wer du bist, damit ich dich mit dir verbinden kann", sagte das Mädchen streng.
“Mir fällt nichts ein."
“Sag, dass du ein großes Unternehmen hast, aber deinen Namen nicht nennen möchtest", schlug sie vor.
“Du machst das Telefonieren wirklich gut, Melanie. Aber deine Mutter kommt gleich. Wir haben genug geübt."
Im Nebenraum des Büros wurde bereits ein Stuhl gerückt.
“Papi, warte. Meinst du wirklich, deine Kunden würden nicht merken, dass ich deine Tochter bin?"
“Kein Unterschied zu einer wirklichen Sekretärin. Aber jetzt leg auf und mach dich fertig für deine Mutter."
Melanie drückte den Kopf des Sprechgeräts und riss die erste Seite von ihrem Block ab. Zufrieden nickte sie. Beim nächsten Mal würde sie auch den Drehstuhl höher stellen lassen. Sie war eine wenig zu klein für diesen großen Schreibstisch.
Wieder summte das Telefon. Zweimal. Dreimal. Melanie starrte auf den Apparat.
“Papi, hier ruft wirklich jemand an!" Melanie rief zu dem andern Raum hinüber, wo ihr Vater bereist umräumte.
Malber bereitetet sein Schlafzimmer vor. Nach seiner kürzlichen Scheidung schlief er in seinem Büro. Übergangsweise.
“Melanie, ich kann gerade nicht, sprich du. "
Melanie drückte langsam den Kopf. "Unternehmensberatung Malber. Mein Vater kann gerade nicht sprechen." Schnell schnappte sie sich mit der freien Hand den leeren Block.
“Da spreche ich mit der Tochter. Sehr gut. Sag deinem Vater, ich brauche seinen Besuch morgen." Es war ein Mann, der würdevoll langsam sprach und lange Pausen zwischen seinen Sätzen ließ.
“Ich mache ihnen eine Termin in unserem Büro", schlug Melanie vor. “Da können sie mit meinemVater sprechen."
“Sag deinem Vater, er muss leider zu mir kommen zu mir. Ich bin eingeschränkt in meiner Bewegung, wie man in Deutschland sagt."
“Ja, ich weiß nicht, ob das geht ... wie er Zeit hat. Wir haben sehr viele Kunden im Augenblick."
“Liebes Fräulein Malber, ich weiß, dass ihr Vater Zeit hat. Ich sehe sein Büro jeden Tag. Ich sehe keine Besuche, nicht einen. Ich sehe Unternehmensberater Malber, der sein Bett macht, und eine hübsche junge Dame, die an seinem Schreibtisch sitzt."
Melanie errötet. “Es gibt nur mich in diesem Büro!"
“Dann bist du hübsche junge Dame?"
“Aber wieso sehen sie mich?"
“Sieh nach draußen! Was siehst du?"
“Ich sehe das Gefängnis! Viele Fenster mit Gittern."
“Ich sehe dich, aber du siehst mich nicht. Das ist richtig."
"Sind sie da drin?" Melanie sah erschreckt auf die triste Fassade.
“Untersuchungsgefängnis. Ist nicht schlimm, wie du denkst. Aber du verstehst jetzt, dass ich nicht zu deinem Vater kommen kann?"
“Mein Vater soll also zu ihnen ins ... Untersuchungsgefängnis kommen?" Was sollte Melanie auf den Block schreiben?
"Ich habe Besuchszeit morgen um 11 Uhr. Dein Vater kommt hierher und fragt nach Bakas. Jeder kennt meine Namen. Dann wir werden sprechen - dein Vater und ich."
"Herr Bakas", Melenie schrieb die Möglichkeiten des Namens auf, die ihr einfielen, "Haben sie denn ein Unternehmen?"
"Ich vermiete Mädchen aus Weißrussland. Das ist, was ich mache als Geschäft."
"Sie vermieten Mädchen?"
"Ich mache Vermittlung nach Deutschland, sagen wir so. War das falsche Wort, junge hübsche Dame. Keine Angst, mein Geschäft war immerzu ein anständiges Geschäft."
"Dann haben sie eine Partnervermittlung", stellte Melanie streng fest. Dann fügte sie freundlich hinzu: „Ja, mein Vater kann sie beraten. Ich schreibe ihren Namen auf. Um 11 Uhr haben wir keine Termine, wie ich sehe …"
" 'Partnervermittlung', sagst du, heißt mein Geschäft ist? 'Partnervermittlung Bakas', hmm. Guter Name. Aber dein Vater soll fragen nach Bakas, nicht nach … 'Partnervermittlung'.”
Ohne sich zu verabschieden hatte der Mann aufgelegt.
Das Untersuchungsgefängnis lag in der Innenstadt von Duisburg. Seine Zellenfenster blickten auf das 4-stöckige Gebäude herunter, in dem Malber sein Büro hatte. Es befand sich in einer ruhigen Straße ohne Durchgangsverkehr. Viele Sicherheitspoller standen herum. Es gab keine Parkflächen.
Malber hatte sich Zeit genommen, um zu seinem neuen Kunden zu gelangen. Seine Tochter Melanie war in der Kanzlei der Mutter.
In seinem Büro spielte sein Sohn Paul am Computer. Er war etwas mehr als 2 Jahr jünger als Melanie, aber so abgeklärt wortkarg wie seine Schwester kontaktwillig war. Er würde das Telefon hören und dann entscheiden, ob es abzunehmen sei oder stummzuschalten sei. Meist ließ die Spiellage eine Unterbrechung nicht zu.
Malber sah die Straßen herunter. Eigentlich war noch Zeit. Zwei Männer saßen auf einer Bank. Vor ihnen ein Kinderwagen, der mit den Füßen geschaukelt wurde. In dem Kinderwagen ein Kasten Bier. Ein dritter Mann stand an der Mauer und erleichterte sich plätschernd.
In die hohe Mauer waren Anmeldung und Tor eingelassen. Malber sprach in das grünliche Fenster. Der Mann dahinter war ein Schatten. Das Tor rollte piepend auf.
Zwei Männer kamen von innen mit schwerem Gang, in den blauen Hemden der Anstaltswärter. Dicke Bäuche, die den Stoff zum Platzen spannten.
"Bakas? Der Bakas!?"
Malber nickte. "Um 11 Uhr bin ich angemeldet."
"Anwalt?"
"Sein Unternehmensberater."
"Echt jetz’?"
Malber nickte.
"Sag ich ja. Cleveres Bürschchen, der Bakas. Hat was auf dem Kasten."
Die Wärter sprachen untereinander, ohne Malber weiter zu beachten.
"Wie’n Prinz führt der sich auf."
"Schiss hab’n sie vor dem, sag ich."
"Wirst recht haben ..."
"Weißt du noch, der Russe? Nix dran an dem, für keine Suppe, aber keiner hat den angefasst."
"Werden wissen, warum."
"Kannst du ein’ drauf lassen!"
"Wo wollen sie hin?", wurde Malber gefragt. "In die Zelle oder für Besucher?"
"Da richte ich mich ganz nach ihnen, meine Herren."
"Gehen wir in die Zelle. Da haben sie die Ruhe, Herr Was-noch mal-sind-sie?"
"Unternehmensberater."
Ein Geräusch kam von den Wärtern: Kauen und Erinnerung.
Die Zellen waren gleich namenlos. Es wurde numeriert. Nur bei einer Zelle war die Nummer mit ei nem Schild überklebt. 'Partnervermittlung Bakas' stand da zu lesen.
"Jetz’ dreht er ganz ab!", hörte Malber hinter sich sagen.
"Ein Anwalt reicht dem nich’ mehr!"
"Jetzt müss’n sie klopfen, Herr Berater. Vorzimmerfräuleins hab’n wir hier nich’."
"Wart’s ab, das kommt noch!"
"Wär doch was! Tät mir gefallen!"
Bakas war ein kleiner Mann mit großem Kopf. Er hatte schwarze Haare, große samtdunkle Augen und eine gewaltig vorstehende Nase. Er war wohl zehn Jahre älter als Malber, Mitte bis Ende 40 Jahre also. Sein Lächeln war wie eine Umarmung, wie ein Männerkuss auf die Wangen. Die Anstaltskleidung saß an ihm wie ein Geschäftsanzug.
"Ich hoffe, die Herren waren fürsorglich zu ihnen ... Sie sehen, Herr Malber, das ist ein Nachteil am Gefängnis. Ich kann mir mein Personal nicht aussuchen."
"Hatte keinen Grund zur Klage", sagte Malber.
"Bitte sich zu setzen." In der Mitte der Zelle war ein Tisch mit zwei Stühlen. Ein paar Papiere lagen dar auf und ein aufgeschlagenes Buch. Sonst war es die Zelle die eines Mönches, der sich für die Kargheit und gegen den Überfluss entschieden hatte. In nichts erschien Bakas als ein Gefangener.
"Wie kommen sie auf mich?", fragte Malber und sah Bakas fest in die unergründlich sanften Augen.
"Ich sehe aus dem Fenster und sehe den Namen von ihrem Schild. In meinen Gedanken weiß ich, es gibt ein Problem: Ich bin hier - sicher, aber nicht frei. Mein Geschäft ist dort", ein kurzer Arm wies Richtung Fenster, "frei, aber nicht sicher."
Malber nickte.
"Sehen sie, ich bin Mann vom Geschäft. Sie brauchen Unternehmer, ich brauche einen Berater. Da sage ich mir, dass ist ein Tausch, gut für uns beide."
"Ich habe mich noch nicht entscheiden", sagte Malber. "Ich muss erst wissen, was genau der Gegenstand ihre Geschäftes ist. Ich muss wissen, auf was ich mich einlasse."
"Malber, kennen sie weißrussische Mädchen?"
"Nein. Eigentlich nicht."
"Haben sie gehört von weißrussischen Mädchen - von der Schönheit weißrussischer Mädchen?"
"Hmm."
"Nicht eines von diesen Mädchen da draußen", der kurze Arm winkte verächtlich zum Fenster, "ist so schön wie das häßlichste weißrussische Mädchen. Ich sage nicht, dass weißrussische Mädchen klug sind, ich sage nicht, dass sie treu sind, ich sage nicht, dass sie für alle Zeit schön sind, aber in einer bestimmte Zeit sind weißrussische Mädchen schön wie ein Wunder. Du verstehst, Malber?"
"Hmm."
"Das Geschäft von Bakas, was du wissen willst , ist die Schönheit von weißrussischen Mädchen. Wenn deren Schönheit wie die Blüte von einem Traum, ich nehme das Mädchen und gebe es zu einem deutschen Mann. Wenn die Schönheit im Alter fort, ist der deutsche Mann noch da und das Glück des Mädchens."
"Hmm."
"Malber, sag ehrlich, was du denkst. Bakas ist ein Mann wie ein Boxer."
"Herr Bakas, welchen Vergehens wurden sie angeklagt? Ich kann diese ... Umgebung hier nicht ignorieren."
"Ja, der Name davon ist 'Förderung von Prostitution' und 'Handel von Mädchen'. Das war kein gutes Geschäft. Bakas ist ein neuer Mann und Bakas hat ein neues Geschäft. Wenn ich zwinge die Mädchen, sie sind unglücklich. Ich verstehe das, Malber - ich habe kein Problem mit dem Verstehen."
"Das neue Geschäft ist nicht das alte?", fragte Malber sanft.
"Ich habe eine Schwester aus Minsk. Sie führt das neue Geschäft. Sie heißt Zara. Sie kennt die Mädchen gut. Ich habe Leonyd. Er ist sehr gut für die Computer. Aber ich habe niemand, der gut für deutsche Mädchenmänner und für deutsche Behördemänner ist. Das soll machen jemand wie du, Malber"
"Trotzdem muss ich wissen, worin das Geschäft besteht? Es gibt Grenzen, die ich nicht überschreiten will!"
"Keine Sorge, Malber, ich, Bakas, kenne die Grenze. Der deutsche Mann lernt das weißrussische Mädchen. kennen am Computer. Dort sitzt Leonyd und macht Programme. Der deutsche Mann kann das Mädchen sehen, nicht anfassen! Ich suche reichen Mann, wenn viel Geld ist in diesem Mann. Ich suche Mädchen, wenn viel Schönheit in diese Mädchen. Sie sich kennenlernen. Sie sich heiraten. Das ist Geschäft von Bakas neu." Weißrussische Poesie und korrekte Sprachverwendung vertrugen sich bei Bakas nicht.
"Sie betreiben'Partnervermittlung', wenn ich das richtig verstehe."
"Das ist, was ich mache. Ein sehr guter deutscher Namen für ein sehr gutes Geschäft."
Malber zeigte sich weiter ratlos. "Wie kann ich in ihrem Geschäft helfen? Was kann ich beitragen. Ein Unternehmensberater ist mehr als - "
Bakas wischte den unausgesprochen Satz beiseite. "Malber sieht sich das Geschäft von Bakas an. Dann soll er sich entscheiden."
Das Büro von Malber war recht klein. Ein schmaler Empfangsraum, ein mittelgroßer quadratischer Raum, mehr war es nicht. Anders wäre die Miete nicht tragbar gewesen. Seit seiner Scheidung von Petra, vormals Dr. jur. von Blankenburg-Malber, nun Dr. jur. von Blankenburg, nutzte Malber sein Büro auch als Schlafraum. Es machte ihm nichts aus. Seine Frau fand, das passe zu ihm. Es gab eigentlich nichts, worüber Malber nicht großzügig hinwegsah. So jedenfalls hatte Petra einmal gesagt.
Sein Sohn Paul saß am Schreibtisch und war versunken in sein Computerspiel.
"Hallo, Paul. Was weißt du über Weißrussland?" fragte Malber.
"Heißt nicht ‘Weißrussland’!"
"Wie wäre der richtige Name?"
"Belorus, glaub ich … kann mal nachsehen … ja stimmt."
"Warum sagen alle 'Weißrussland'?"
"Hmpf?"
"Was spielst du da?"
"Kennst du eh’ nich’!"
"Ich habe einen neuen Kunden."
"Glückwunsch."
"Interessiert dich nicht?"
"Eher nicht."
"Wenigstens bist du ehrlich!"
"Hmpf."
'Nicht das beste Alter für Väter', dachte Malber. Gleich würde Petra kommen. Im Augenblick war keine Schule, da waren die Kinder oft bei ihm im Büro. Er war froh, dass er ein gutes Verhältnis zu Petra hatte. Sie hatte einmal gesagt, dass Malber sich emotional im Zustand eines Ungeborenen befinde. Petra war eine Powerfrau. Es war schwer mit einer Powerfrau zusammenzuleben. Jetzt war es leichter, mit ihr auszukommen.
Das Geld war keine sehr strittige Frage zwischen ihnen. Petra hatte immer mehr verdient als er. Wenn er ehrlich war, hatte er selten genug etwas verdient in der Zeit ihrer gemeinsamen Ehe. Aber Petra war nicht kleinlich in dieser Frage. Sie hätte ihm Vorhaltungen machen können. Aber das tat sie nicht.
So gesehen, und alles zusammengenommen, verstanden sie sich so gut, dass er eigentlich nicht wusste, warum sie sich getrennt hatten. Aber Malber wusste auch nicht, warum sie geheiratet hatten. Vermutlich wusste Petra, wie es war.
Es summte. Er wartete, ob Paul irgendeine Reaktion zeigen würde. Es summte wieder.
"Ich mache auf, Paul. Es ist bestimmt deine Mutter."
Petra von Blankenburg war immer unter Druck. Die Kanzlei lief sehr gut. Sie war in einer kleinen Sozietät mit drei Männern zusammen. Es gab viele Fälle, die eine Frau erforderten. Die drei hatten sich sehr um Petra bemüht. Für die Sozietät war sie ein Glücksfall. Sie war nicht nur eine Frau mit Einfühlung und Ausstrahlung, sondern auch eine intelligente und beinharte Kämpferin.
Nur wegen der Kinder machte sich Petra Sorgen. Früher als Malber bei ihnen war, hatten die Kinder ein Zuhause. Jetzt waren sie mal hier und mal dort. Malber war kein schlechter Vater. Beide Kinder mochten ihn sehr. Er war unangepasst und hatte einen trockenen Humor - ein Spitzenvater also. Ein Vorbild war er nicht. Ein Ehemann schon gar nicht.
Obwohl Petra groß war, trug sie hohe Absätze. Damit war sie fast einen Kopf größer als Malber. Sie beugte sich, damit er ihr einen Kuss auf die Wange geben konnte. Kurz sah sie ihm in die Augen, aber seinen Blick zu fangen, war ihr nicht möglich.
"Paul soll nicht die ganze Zeit spielen", sagte sie streng. "Hat er wieder nichts anderes gemacht?"
"Ich war bei einem Kunden, da war er eben hier."
"Davon hat mir Melanie erzählt. Dein neuer Kunde sitzt ein im Haus gegenüber, nicht wahr?"
"Ich habe ihn in seiner Zelle besucht. Ist ein lustiger Typ, der Bakas. Sympathisch auch und hoch angesehen dort."
"Ich bin froh, dass du einen so angesehenen Kunden gewinnen konntest!" Petra ärgerte sich, wenn sie Malber so reden hörte. Er war auf so natürliche Weise unmoralisch, dass ihr körperlich schlecht wurde, wenn sie ihn reden hörte. Sie betrachtete ihren Sohn Paul, der in sein Spiel versenkt war. Er hatte alle Anlage so zu werden wie sein Vater, auch wenn er selten bis nie zuhörte, was um ihn herum gesagt wurde.
"Wie war dein Tag, Petra?" fragte Malber, um sie auf bessere Gedanken zu bringen.
"Gut. Danke für dein sicherlich tief empfundenes Interesse!"
"Ich weiß noch nicht, ob ich es mache." Malber wusste tatsächlich nicht, ob er den Auftrag annehmen sollte. Er hatte noch nicht darüber nachgedacht. Aber so war es bei ihm. Die meisten Dinge tat er, ohne sich entschieden zu haben.
"Melanie hat schon all ihren Freundinnen von diesem Bakas erzählt. Sie ist mächtig stolz auf dich. Aber eine 'Partnervermittlung' ist wohl etwas anderes!"
"Er sitzt in Untersuchungshaft - verurteilt ist er nicht!"
"Das wird er! Hoffe ich jedenfalls." Wenn Petra etwas hasste, dann die Zuhälter, denen sie vor Gericht begegnete. Wenn sie mit jemandem Mitleid hatte, dann mit deren Mädchen. Zwei von ihnen hatte sie vor Gericht als Nebenklägerinnen vetreten. Beide waren wieder im Milieu gelandet. Keine von beiden grüßte zurück, wenn Petra ihnen begegnete.
"Ich habe Bakas nicht zugesagt. Er will ein seriöses Geschäft gründen. Ich seh’ mir das mal an."
"Mach es ruhig", sagte Petra. "Vielleicht kommt was dabei herum. Wenn nicht, nimmst du wieder Geld von mir."
Malber wusste, dass Petra nicht alles meinte, wie sie es sagte.
"Dein Bakas hat unsere Melanie eine ‘hübsche, junge Dame’ genannt!" Petra lächelte.
"Ist sie das nicht? In letzter Zeit hat sie sich sehr verändert."
Petra hörte es gern, wenn Malber sie wegen der Kinder beruhigte. Er hatte Geduld und sah die Erziehung der Kinder über den Tag hinaus. Eine Eigenschaft, die sie nicht hatte. Eine Eigenschaft, umdie sie in ehrlichen Herzens beneidete.
Petra hatte schon wieder bessere Laune. Das immerhin ging schnell bei ihr. "Paul, kommst du jetzt?", sagte sie sehr ruhig. "Lass dieses blöde Spiel. Muss Paul da immer drauf gucken? Malber, vielleicht solltest du das Spiel mal rausnehmen aus deinem Computer."
"Kann er vergessen!", sagte Paul und drückte die letzte Taste. "Ist unsichtbar, wenn er den Schlüssel nicht hat."
"Na, toll", sagte Petra. "Du hältst deine Eltern wohl für völlig dumm. Ich kenne jemanden, der bei uns die Computer macht. Wenn der mal käme ..."
"Schick ihn. Wenn er Ahnung hat, dann weiß er, dass er den Schlüssel braucht. Sonst ist er nur so ein Büroblödmann wie der letzte, der das Ding hier eingerichtet hat."
"Paul, da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen!"
Petra beugte sich, damit Malber ihr einen Kuss auf die andere Wange geben konnte. Dann schüttelte Malber seinem Sohn die Hand.
"Du kannst morgen wieder hierher kommen, Paul. Ich bin bei meinem neuen Kunden. Seh mich ein bisschen um. Du findest dich ja zurecht."
"Er könnte ja mal seine Schulaufgaben hier machen!" schlug Petra vor.
"Leg mir einen Zettel auf die Tastatur, Mutter. Das geht dann klar!" Paul grinste seinen Vater an.
Bakas hatte sein Büro im Rotlichtviertel. Über den wenigen Straßenzügen kreuzten sich auf einem riesigen Plateau zwei große Autobahnen. Dadurch lagen die sechsgeschossigen bunten Häuser auch tagsüber im Schatten lagen.
Jedes der Häuser hatte seine eigene grelle Farbe. Mal war ein Mädchenakt auf der Hausfassade angedeutet, mal stand dort nur eine riesige Zahl. Jedes Haus hatte mehrere Eingänge. Das Viertel machte es demjenigen, der es nicht von vielen Besuchen her kannte, absichtlich schwer, sich zurechtzufinden.
Die Straßennamen auf den Häusern waren überstrichen. Viele der Masten waren gleich ganz abgesägt oder umgefahren worden. Wer sich hier mit einem Plan seinen Weg suchen wollte, fand ihn nicht. Es half nichts, Malber musste sich seinen Weg erfragen. Doch es war ein geschäftiges Viertel und eine geschäftige Zeit.
Vor den Imbissbuden und den Wechselstuben standen viele Ausländer in Gruppen. Wenn er sich näherte, erstarben die Gespräche. Die Blicke waren gleichmütig und verschlossen. Der Zutritt zu den Geschäften wurde Fremden geschickt und unauffällig versperrt.
Ein Mann, der aus einem Haus trat, glotzte ihn ängstlich an und ging schnell in eine andere Richtung. Aus den Hauseingängen kamen ihm Gerüche und keifende Stimmen entgegen. Die wenigsten Häuser hatten feste Türen.
Eine ältere Frau, die einen Rollator schob, blieb stehen. Sah ihn aus triefenden Augen unter strähnigen grauen Haaren hervor an und nickte immerzu. Sie war völlig verwirrt. Ein Junge rief ihm zu: "Stehst du auf die? Ein Zehnerchen, dann läßt die dich ran!" Die Frau schimpfte. Der Junge hüpfte um sie herum und lachte.
Schließlich fragte er eins der Mädchen, das sich aus dem Fenster lehnte und nach ihm sah.
"Was sagst du? Bakas kenn ich nich. Ich bin aus Dortmund. Komm zu mir, dann zeig ich dir was! Hab grad Zeit. Wirste nich bereuen, Kleiner. Siehst so aus, als könntest du es gebrauchen."
"Danke", sagte Malber, "vielleicht später. Jetzt habe ich gerade keine Zeit."
"Später, Süßer, hab ich keine Zeit! Frag die Mädels drüben nach deinem Bakas!"
Das Mädchen, auf das sie gezeigt hatte, sah ihn aus stumpfen Augen an. Ihre kräftigen Arme lagen auf dem Fenstersims. Die breiten Schultern füllten den Fensterrahmen fast völlig aus.
"Kennen sie Bakas? Ein Weißrusse? Ich suche sein Büro."
"Ja, Bakas, den kenn ich. Klar, Schätzchen, nur ein Büro hat der nicht. Der hat Mädchen am laufen wie die anderen auch. Haben sie den nicht abgegriffen? Sitzt doch ein, der Bakas ...?"
"Ist schon richtig" sagte Malber. "Ich bin … Ich will nur zu seinem … Haus."
"Bist zu spät. Mädchen hat der keine mehr. Sind alle weg. Kamen von weiß-ich-woher. Blutjunge Dinger!" Sie verschob ihren BH und kratzte sich.
"Ich komme nicht wegen der Mädchen. Ich bin geschäftlich hier."
"Was denkst du, warum ich hier bin? Weil es mir Spaß macht oder was!?"
"Wirklich andere Geschäfte, diesmal geht es um was anderes."
"Geh da runter. Siehst du das Haus mit der ‘14’, da rechts, dann kommt gegen Ende links ein Gelbes, gehst du rum. Sieht nicht aus wie die anderen Häuser hier. Da hat der seinen Stall gehabt, der Bakas!"
Malber bedankte sich, gab ihr einen Schein, den sie sofort in ihren BH stopfte. "Grüß ihn von Else aus dem 'Trockendock', da weiß er, wen du meinst."
Das Haus von Bakas war silbrig gestrichen. Der Anstrich, die weißen Fenster, alles war wie neu. Das Haus wirkte zwischen seinen bunten Nachbarn wie Petra, wenn sie die Mädchen aus dem Gewerbe beriet.
Die Tür war gebürstetem Stahl, besaß kein Guckloch wie all die anderen Clubs und Etablissements im Viertel. Das Haus hätte in eine seriösere Umgebung gut hineingepasst. Malber war froh, dass Bakas sein neues Gewerbe mit einem seriösen Äußeren versehen hatte. Das machte es Malber leicht, die nun ehrenwerten Absichten seines Mandanten glaubhaft zu versichern.
Von außen gesehen schien das Haus ungenutzt. Bakas würde sich noch ein Firmenschild zulegen müssen. Nicht einmal ein Klingelknopf war vorhanden.
"Drücken sie die Tür", sagte eine Stimme über ihm.
Malber trat vorsichtig ein. Was er sah, überraschte ihn. Während draußen die Mädchen auf Freier warteten, überall Musik hervorquoll und die Sonne auf alles eine billig glänzende Schweißschicht gelegt hatte, sah Malber ein Büro von modernster Ausstattung. Der große Raum, in dem er stand, war klimatisiert, die drei Arbeitstische waren groß und aufgeräumt leer. Darauf standen jeweils vier große Bildschirme, zwei neben- und zwei übereinander. Zwölf Bildschirme also für einen Raum, der nicht größer war als sein Büro.
"Kommen Sie", sagte die Stimme hinter einem Arbeitsplatz. "Kommen Sie hierher. Und setzen sie sich. Ich kann nicht zu ihnen kommen. Muss hier was machen."
Der Mann, der hinter den Bildschirmen saß, war ungewöhnlich klein, im Alter von 30 Jahren etwa, dabei von leicht schwammiger Kontur, mit einem Bart behaftet, der an den Backen lückenhaft war.
Der Mann sah nicht von seiner Arbeit auf. Nur eine schmale Hand winkte Malber heran.
"Ich bin Malber. Ich komme im Auftrag von Herrn B -"
"Weiß, weiß Bescheid. Zara … die Chefin hat mir einen Zettel geschrieben."
Nichts geschah darauf. Der Mann schien Malber vergessen zu haben. Er mochte vom Äußeren her nicht der Norm entsprechen, aber er bearbeitete die Tastatur wie ein Konzertpianist. Malber hatte noch nie jemanden gesehen, dessen Finger mit solcher Leichtigkeit und Eleganz über die Tasten tanzten. Der Mann war - wenn es das gab - eine wahre Fingerschönheit.
"Wer sind sie, wenn ich fragen darf?" fragte Malber.
"Ich bin Leonyd", brummte er ohne aufzuschauen. "Außer mir ist niemand da. Ich bin eigentlich immer hier."
"Dann bin ich wohl umsonst gekommen", stellte Malber fest.
Leonyd schob sich Haarsträhnen aus dem Gesicht.
"Was machen sie da? Das würde mich interessieren. Scheinbar sind sie sehr beschäftigt." Malber beobachtete die Figuren, die aufgestellt und gedreht wurden.
"Spiele mache ich. So eine Art davon."
"Mein Sohn Paul ist begeisterter Computerspieler. Aber er ist 13 Jahre alt."
"Ich programmiere Spiele." sagte Leonyd. "Hab früher selbst gespielt. Lang her. 'Ancient Fall' und so.' Battle of Man', all das eben. Was spielt ihr Sohn?"
"Tatsächlich weiß ich das nicht. Wenn ich ihn sehe, frage ich ihn."
" 'Age of Fire' bestimmt. Ist grad der neue Crack raus."
Malber zuckte die Schultern. Dennoch war es eine gute Idee, mit Paul über die Spiele ins Gespräch zu kommen. Einen Versuch war es wert.
"Und was programmieren sie, wenn ich fragen darf?"
"Ein Begegnungsspiel für das neue Geschäft von Bakas. Die Mädchen, der Hof, die Fürstin - alles fertig. Fehlt nur noch die Interaktion."
Mehr war zu diesem Thema aus Leonyd nicht herauszubekommen. Schnell glitten die Pianistenfinger über die Tastatur und sein Blick jagten zwischen den Bildschirmen hin und her. Die strähnigen Haare klebten wieder fest auf seiner Stirn.
"Ich würde gerne Zara sprechen", sagte Malber.
"Welche Zara wollen sie sprechen?"
"Welche Zara?" Malber musste sich fragen, ob der Mann ihn richtig verstanden hatte.
"Herr Bakas hat mich hergeschickt, um mit ihr das weitere Vorgehen zu besprechen." Mit diesem Mann war so wenig ein Gespräch möglich wie mit seinem Sohn Paul. "Zara sei seine Schwester, sagt Herr Bakas und seid neuestem in Deutschland tätig."
Der Mann winkte ungeduldig. "Die Zara im Spiel. Oder die Zara in der Wirklichkeit? Welche willst du sprechen?"
Jetzt verstand Malber, was Leonyd auf seine verwirbelte Art sagen wollte. Schließlich waren die Gespräche mit Paul auch nicht immer einfach gewesen. "Ich hätte gerne die Zara in der Wirklichkeit gesprochen."
"Diese Zara ist gegangen."
"Wohin gegangen?"
"Zu ihrem Büro gegangen."
"Sie sitzt jetzt in meinem Büro?"
"Glaub schon", sagte Leonyd. "Aber sie wartet gerne. Das macht ihr nichts aus."
"Freut mich zu hören", sagte Malber.
"Die Zara im Spiel können sie sprechen?", sagte Leonyd abwesend.
"Wie?"
"Ziehen sie ihren Stuhl rum. Ich hole Zara. Aber denken sie dran, dass sie noch ein wenig unfertig ist."
Malber schaute in den Bildschirm. Langsam verschwand der mittelalterliche Hof, den er gesehen hatte, die Hofdamen, die Bediensteten und alles Getier. Damit trat eine einzelne Figur in den Vordergrund: Eine schwarzgekleidete, fast nönnische Frauengestalt. Sie war nicht groß und sehr schlank. Ihr Kleid glänzte wie die Federn einer Krähe. Der Stoff fiel sanft schwebend an ihr herunter, bedeckte wie ein Hochzeitsschleier den Boden. Die Arme verbargen sich in dem langen Umhang.
Dann holte Leonyd ihr Gesicht auf dem Bildschirm heran.
Zara besaß ein blasses Gesicht, eine schmale Form mit wenig fremdländischer Kontur, dünne blutleere Lippen. Alles, was sie ausmachte, sprach aus ihren tiefschwarzen Augen. In ihnen lagen Magie, Macht und Zauber.
Paul spielte am PC, Melanie machte ihre Hausaufgaben. Als sie aufschaute, stand diese fremde Dame mitten im Raum, starr und schweigsam wie ein schwarzgekleideter Geist.
"Paul!", rief Melanie erschreckt. "Wer ist das!?"
Paul sah kurz von seinem Spiel auf, dann senkte er den Blick wieder. "Besuch für dich, Melanie." Er hob die Hand knapp sichtbar über den Bildschirm und zeigte auf Melanie.
"Entschuldigen sie bitte", sagte Melanie. "Ich habe mich nur erschreckt, weil ich nicht gehört habe, wie sie hereingekommen sind."
Die fremde Dame sagte immer noch nichts. Sie hatte nicht eine Bewegung gezeigt. Vielleicht war sie doch ein Geist. Ihren Bruder Paul mochte diese Frage nicht interessieren, aber Melanie hätte es gerne gewusst.
"Setzen sie sich doch, bitte", sprach Melanie die Dame an. "Dort am Tisch empfängt mein Vater seinen Besuch."
"Ja, ein Besuch bin ich wohl. Dennoch will ich, wenn es mir von dir erlaubt ist, gerne stehen."
"Natürlich", sagte Melanie rasch. "wie sie wünschen." Eigentlich konnte Melanie immer richtig das Alter von Menschen sagen. Bei dieser Dame aber versagte ihr Gefühl. Ihre Haut, ihre Bewegungen, ihre schwarzen Augen waren jung. Dennoch passten Stimme und Auftreteten nicht einer jungen Frau.
"Sie möchten meinen Vater sprechen?" fragte Melanie. "Leider besucht mein Vater im Augenblick die Schwester eines Mandanten."
"Ich weiß", sagte die Dame. "Er ist bei mir. Ich bin Zara. Mich besucht er gerade."
"Ja, aber dann verstehe ich nicht …"
"Siehst du, wenn er hier wäre, würde ich dann Wissen über ihn erlangen. Dieser Raum hier" - die Dame breite die Arme wie Flügel aus - "enthält mehr von ihm, wenn er leer ist."
Die Dame sagte die Worte mit soviel Überzeugung, dass Melanie bereit war ihr zuzustimmen. Im Gefühl stimmte, was sie sagte. Aber wenn Melanie darüber nachdachte, war es natürlich Unsinn.
"Mein Vater sagt, für ihn bin ich so gut wie eine richtige Sekretärin."
"Stimmt", warf Paul ungefragt ein. "Als Sekretärin ist sie richtig gut. Als Schwester nicht so."
Die Dame sah Paul nachdenklich an, als habe er etwas sehr Kluges gesagt. Das war genau die richtige Art, mit diesen dummen Bemerkungen von Paul umzugehen.
"Ich hab einen halben Bruder, du hast einen ganzen Bruder",sagte die Dame zu Melanie.
"Einen halben Bruder?" fragte Melanie. Selbst Paul hatte kurz aufgeblickt. "Sie meinen einen Halbbruder?"
"Ich meine, was ich sage. Ein halber Bruder, ein Halbbruder - das sind zwei Dinge, die nicht ineinander sind."
Paul sah Melanie an, ob sie verstand, von was hier die Rede war. Er hatte das Computerspiel beendet. Jedenfalls war sein Interesse erloschen. Interesse und Spiel waren nicht ineinander gewesen. Die Dame, fand Paul, gebrauchte ihre Sprache, als gehöre sie ihr. Eine Lehrerin war sie bestimmt nicht.
"Ich lese gerne", sagte Melanie, als sei das Gespräch ein Teller, der hinfallen konnte. "Mein Bruder spielt am PC."
"Was dagegen?", fragte Paul.
"Zuhause darf er nicht spielen. Aber hier spielt er, soviel er will. Meinem Vater ist das egal. Meiner Mutter nicht."
"Ich will ausziehen", erklärte Paul, "aber mein Eltern sind dagegen."
"Computerspiele, sagst du?" fragte Zara leise.
" 'Age of Fire' ", sagte Paul knapp und selbstbewusst. "Das ist richtig gut."
"Wir haben auch ein Spiel. Aber es hat noch keinen Namen."
"Was für eins denn? … Gibt ja viele Arten - Shooter, Fantasy, Crude, Egofake, alles mögliche."
"Ein Partnerspiel ist es."
"Nie gehört", sagte Paul. "Um was geht es denn!"
"Es ist ein Partnerspiel. Ein Mann lernt ein Mädchen kennen. Sie kommen sich näher. Es ist ein Spiel, das im wirklichen Leben fortgesetzt wird."
Paul war verblüfft. Es schien ein merkwürdiges Spiel zu sein. Er bezweifelte, dass sie überhaupt wusste, was ein Computerspiel war.
"Willst du mal reinsehen?"
"Ein ganz neues Spiel? Klar will ich. Aber es darf nichts kosten! Ich spare auf ein eigenes Büro!"
"Es kostet dich nichts. Ich will wissen, was du davon hältst. Du bist ein Experte. Von dir will ich es wissen."
"- den Schlüssel, ich brauche den Schlüssel!", unterbrach sie Paul ungeduldig.
Zara schrieb und reichte ihm einen Zettel.
"Geil", sagte Paul und gab die Zahlen ein.
"Ihr Bruder - ihr Halbbruder hat gesagt, ich sei hübsch", brach es aus Melanie hervor. "Das hat noch nie jemand zu mir gesagt!"
"Ey sauber!", rief Paul. "Ist das euer Spiel?"
"Ja."
"Die Graphik ist irre! So eine Darstellung hab’ ich noch nie gesehen. Die Mädchen sind sowas von echt!"
"Wie kann man sich nur für Leute in einem Spiel begeistern." Melanie schüttelte unwillig den Kopf.
"Melli, sieh dir das an! Die Mädchen sind voll schön!"
Melanie blickte vorsichtig, als könne sie sich anstecken, in den Bildschirm. Paul verstand etwas von Graphik, aber von Mädchen verstand er nichts, soviel war gewiss! Tatsächlich aber waren die Mädchen im Spiel wie aus Licht gemacht.
"Nur wirkliche Mädchen sind schön," sagte Melanie leise.
"Irre das!" rief Paul. "Wahnsinnsgraphik! Wie in echt!"
"Es sind nur Abbilder von etwas wirklich Schönem!"
Zara schüttelte den Kopf. "Melanie, ist Schönheit nicht wie ein Kleid? Ob dieses Kleid von den Mädchen hier oder den Mädchen im Spiel getragen wird, es bleibt ein Kleid."
Melanie sah sie zweifelnd an. Das waren Frage, die sie sich noch nicht gestellt hatte. Bis vor kurzem hatte sie nicht einmal gewusst, dass sie hübsch war.
"Das junge Mädchen denkt, die Schönheit gehöre ihm. Erst wenn sie zu ihm spricht, erkennt sie, dass die Schönheit sie verlassen will."
"Es kann doch keine Schönheit ohne einen wirklichen Menschen geben!" Melanie war ehrlich empört.
"Die Schönheit hat einen Willen. Sie erfüllt ein Versprechen. Was ist, wenn sich die Wege des Mädchens und ihrer Schönheit trennen, Melanie?"
Melanie hätte am liebsten geweint, so traurig war sie mit einem Mal. Was für schlimme Dinge diese Frau sagte! Wie traurig in seinem Inneren musste jemand sein, der solche Dinge glaubte.
"Ein Mädchen, dass seine Schönheit besitzen will, wird sie verlieren", sagte Zara ernst. "Es ist besser, das Mädchen trennt sich von ihr, als dass die Schönheit zu ihrem Leichentuch wird."
"Seid ihr fertig?", fragte Paul. "Dann kann mir vielleicht einer sagen, was der Sinn von der Aktion hier ist."
"So spricht er immer!" Melanie war heimlich froh über dies Ablenkung. Wenn Schönheit eine so traurige Angelegenheit war, wollte sie lieber nichts damit zu tun haben!
Paul winkte ihnen zu, um Gehör zu finden.
"Okay, ich lauf hier rum. Ich seh mir das an, den Hof, die Mädchen, das alles, die Landscape. Aber wozu? Was ist die Aktion? Versteht ihr?"
"In den Computerspielen braucht er eine Aufgabe", erklärte Melanie. "Im wirklichen Leben kümmern ihn Aufgaben wenig."
"Die Aufgabe ist es, ein Mädchen kennenzulernen", sagte Zara.
"Das ist schön", sagte Melanie. "Das Spiel wird bestimmt ein Erfolg werden."
Paul schwieg.
"Paul, was meinst du? Sag deine Meinung!" Zara sah ihn freundlich an, wohl wissend, welche Antwort sie zu erwarten hatte.
"Die Graphik ist stark. Das Konzept ist die Gurke - total!"
Leonyd ist ein Herold und Zara seine Fürstin. Vier junge Hofdamen sitzen im Kreis um den Thron. Ihre hauchfeinen weißen Schleppen bilden einen großen ununterbrochenen Kreis um ihre in dunkles Samt gekleidete Königin. Nur dort, wo der Herold steht, ist der Kreis unterbrochen.
Leonyd ist wohlgestalt und fein gewandet. Er verneigt sich tief: "Fürstin, ich heiße euch willkommen an eurem Hof. Ich hoffe, es ist alles zu eurem Wohlgefallen."
"Was ich sehe, Herold Leonyd, ist schön geworden. Ihr seid ein Zauberer des Wirklichen. Ich ging umher, allein mit meinem Entücken. Ich betrachtete, ich wog, ich befühlte - ihr habt eine zweite, nur schönere Welt erschaffen. Ihr habt wahrhaft göttliche Finger. Sogar euch, eure Gestalt, Herold, sehe ich an mit Wohlgefallen."
"Königin, ich bin euer ergebenster Diener."
"Mehr bist du als ein Diener. Viel mehr in der Augen der Welt, viel mehr in den Augen von Zara."
Leonyd verneigt sich vornehm und stumm.
Zara schnippste mit dem Finger. "Die Mädchen will ich sehen. Kommt, steht auf, eine und die andere, lasst euch ansehen und befragen."
Die Erste trat vor. Zara bot ihr die Hände dar wie eine Schale. Darauf legte das junge Geschöpf sein Köpfchen. Zara betrachtete sie aus der Nähe, linksseitig und rechtsseitig. "Ein Wunder, Leonyd. Wäre ich ein Mann, mich würde das Begehren verzehren."
Das Mädchen errötete. "Eine Jungfrau bin ich. Erbeten wurde in meiner Stadt der Dienst einer Jungfrau. Euch zu Diensten, Zara."
"Kinder, für alle" rief Zara. "Die alten Geschäfte meines Bruders - sie haben ihn in einige Schwierigkeiten gebracht. Dies hier alles ist Augenwonne - kein Bordell, meine Lieben."
Das nächste der Mädchen trat vor, um ihren Kopf in die Schale der Hände zu legen.
"Was tun wir dann hier?" fragte sie leise. "Bitte, ergebenst, Fürstin."
Zara hob das Köpfchen und schnippste mit dem Finger.
Leonyd trat vor um eine Antwort zu geben. Er hielt eine Urkunde in den Händen. "Seht her, meine Kinder. Eure Vorgängerinnen bekamen Seidenwäsche, ihr aber bekommt dieses Papier, in dem ihr euch verpflichtet, dem Mann mit Zuneigung im Leben zu dienen."
Die Mädchen nickten gehorsam.
"Und in dem sich euer Mann verpflichtet" - die Mädchen wandten ihm aufmerksam ihr feinen Öhrchen zu - "euch beizustehen und zu versorgen bis an das Ende eurer Tage!"
Die Mädchen klatschten laut in die zarten Hände. Ein wenig Jubel ertönte.
Eine dritte trat vor. "Liebste Zara, wir hatten nicht erwartet, dass ihr so genau euer Wort halten würdet. Verzeiht uns. Es gab Zweifel. Es gab "
Zara streichelte ihren Kopf. "Auch wir sind ein wenig überrascht vom Sinneswandel unseres Bruders. Denkt nicht, eure Vorgängerinnen hatte es schlecht - so gut wie ihr aber, das ehrlich gestanden, hatten sie es nicht."
"Was müssen wir tun?" fragte leise die dritte der Mädchen. "Meine Zuneigung will ich dem deutschen Mann gern im Austausch geben. Was noch wird erwartet, frage ich ergebenst."
Zara schnippte nach Leonyd.
"Kinder, es ist eigentlich viel. Ihr lernt ein paar Worte, einige Sätze, Wendungen der Sprache. Und mag die Sprache so fremd sein: Nehmt, was ich euch gebe, und bietet es dar mit eurer Schönheit Unterstützung. Lasst mich euch den Gang des Sprechens entlangführen, denn nichts, was fremd ist, soll zwischen euch und den Männern stehen."
"Das wollen wir tun", sagte die dritte der Mädchen feierlich.
"Meine Vierte", sagte Zara, "mit deiner Frage, wende dich direkt an den Herold. Für mich, Zara die Fürstin, ist dies alles so neu wie für euch."
Glockenhelles Lachen umschloss ihre Rede.
"Meine Frage, lieber Herold … Werden wir hier am Hof verbleiben. Wie wird es sein, wenn alle Papiere ehrenhaft unterzeichnet sind."
"Ihr Hofdamen alle, hört. So echt ihr erscheinen mögt, so seid ihr doch nur ein Abbild. Wenn das Mädchen gefreit ist, bleibt ihr am Hofe im Dienste von Zara. Das gefreite Mädchen darf euch besuchen. Seid vertraut mit ihm, redet in eurer Sprache, tauscht die Erinnerung, seid ein Gefäß ihrem ausgeschütteten Herz. Doch Männer, fremde Männer werde kommen an diesen Hof nurmehr zu fremden Mädchen. Ihr dagegen habt es geschafft: Seid ein Abbild, eine in Wert gehaltene Schöpfung meiner Hände."
"Kommt, alle ihr Mädchen!" rief die Vierte. "Wir wollen ihn herzen und kosen dafür."
Alle Mädchen umringten Leonyd gar bald, küssten in sein Gesicht und streichelten sein Heroldskleid.
"Jetzt lasst von ihm ab!" befahl Zara. "Euer Anliegen ist wert und wichtig, aber an einem neuen Hofstaat sind vielerlei Anliegenschaften zu besprechen."
Mit erhitzten Köpfchen ließen sich die vier Mädchen zu Zaras Füßen nieder.
"Sag, Herold, was hast du uns von deinem Tag zu berichten?"
Leonyd nahm seinen Heroldshut vom Boden auf und wischte mit feinem Tuch die gerötete Stirn. "Ich hatte Besuch heute von einem Sendboten. Sein Name war Malber."
"Was wollte er von uns?"
"Er ist ein Herold eures Bruders, des Grafen Bakas, ausgeschickt, um sich nach eurem Wohl zu erkundigen."
Zara sah nachdenklich vor sich hin. Der Raum war erhellt von ihrem kalten Lächeln. Sie hatte die Dinge des Hofe vergessen. Sie thronte und war ein regloses Denken zu sich selbst.
Die Hofdamen wurden unruhig. Sie begannen die Köpfe zu drehen, Geflüstertes ging reihum und feine Wellen bewegten den Kreis der Schleier. Artig waren sie wohl, aber nicht achtsam.
Doch Zara sah, was niemand sah.
"Herold, dieser Besuch wirft Fragen auf!"
Leonyd trat einen Schritt vor aus dem Kreis der Unruhigen. "Welcherart dies Fragen war? Er wollte euch sprechen, Zara. Zu welchem Anliegen, das sagte er nicht."
"Was will die Welt von uns? Was kann sie wollen von uns Abgeschiedener?"
"Seine Fragen waren nicht klug. Er ist ein Mann der Reise, nicht des Zieles. So kam er mir entgegen."
"Sah er dich an als den Herold von Zara?"
"Er sah nicht, was ich bin. Ich gab ihm nichts zu sehen. Also blieb er blind. So war es gewollt!"
"Er ist ein Mann der Reise, sagst du?" Zara stieß zischend den Atem aus. "Ist er eine Mann der Suche also?"
"Ich weiß, Herrin, wirklich nicht, was er suchen sollte. Eher ein Mann des Herumreisens, so schien mir."
"Nun, Leonyd, mein Herold, du bist klug genug, die Dinge mit meinen Augen zu sehen. Bist du auch willig, das frage ich mich derweil."
"Fürstin! Wie könnt ihr denken, dass ich untreu bin!"
"Mag sein, ich besitze nicht jeden deiner Gedanken. Mag sein, deine Gedanken sind wie diese Mädchen hier. Sie sitzen fein im Kreis, dabei nicht so still, wie sie sollten."
"Königin Zara, ich versichere euch -"
"- in Worten von dir, die ich nicht hören will", unterbrach Zara ihn heftig. Böses blitze aus ihren schwarzen Augen. Der Herold senkte den Kopf, um sie nicht ansehen zu müssen.
Ärgerliche Blicke glitten den Thron herunter und an seinen pumpbehosten Beinen hoch. "Wenn Zara geht, bist du ein Niedermensch, Herold, ein Fettling! Du solltest niemals wollen, dass Zara geht!"
Leonyd nickte. Die Mädchen sahen, dass Ohnmacht ihn niederdrückt, dass Feigwissen ihm die Lippen schloss.
"Doch nun zu etwas anderem." Die Worte werden gesprochen, ohne dass sie Zaras Gedanken berührt haben. "Wir sollen Besuch bekommen, in nächster Zeit? Herold Leonyd, was hat es auf sich damit auf sich?"
Erleichtert verneigt sich Leonyd. "Männeraugen werden zu Besuch kommen. Männermünder mit Fragen. Männerträume, ihr wisst schon! Draußen die Mädchen stehen bereit für die Hochzeit, hier für die Wahl ist ihr Abbild."
Zischeln der Mädchen fasst nach seinen Worten.
Leonyd beschwichtigt sofort. "Nicht nur Abbild. Alle Schönheit ist hier, alles Liebliche - dort nur", er winkte in undeutliche Ferne, "dort ist das, was vergeht und in die Erinnerung muss."
'Triff mich um 12 Uhr im Gericht', hatte Petra ihm per SMS geschrieben. Da sie wusste, dass er nur einen Mandanten hatte, gab es keine Entschuldigung, die sie akzeptiert hätte. So stand Malber pünktlich im Gericht. Er wartete unten beim Pförtner. Zwei Polizisten standen im Eingang und warteten mit ihm.
Mit ein wenig Verspätung kam Petra in Begleitung von zwei Herren die Treppe herunter. Sie war so in das Gespräch vertieft, dass sie an Malber vorbeiging. Erst als sie durch die Tür gegangen war, fiel ihr das Treffen wieder ein. Sie kam zurück und grüßte ihn, sich ehrlich entschuldigend.
'Eine Powerfrau', dachte Malber dankbar. 'Wie habe ich es bloss geschafft, mich einvernehmlich von ihr scheiden zu lassen. Wenn sie gewollt hätte, wäre ich jetzt obdachlos.'
"Wie geht es dir, Petra?" fragte er wie immer.
Doch statt 'Es geht mir gut', sagte sie: "Georg, die Kinder sind völlig verändert!"
So dringend war ihr die Aussprache über die Kinder, dass sie sich mit ihm im Gericht getroffen hatte.
"Ich muss gleich wieder gehen", fügte sie sicherheitshalber hinzu, sollte sich Georg zuviel Zeit lassen mit dem Sprechen.
"Petra, inwiefern verändert?"
"Seit sie mit dieser Frau gesprochen haben. Ich bin mir ganz sicher, dass es mit dieser Frau zu tun hat!"
Malber war unentschlossen, ob er nicht noch zu müde war für die Aufgeregtheiten von Petra.
"Du brauchst jetzt nichts zu sagen. Ich habe mir meine Meinung gebildet und du schaust ja nicht genau hin, wenn es um deine und meine Kinder geht!"
Malber fand nicht die Kraft zu einem Protest. Es war immer so gewesen. In keiner ihrer vielen Empörungen hatte Malber ihr nur in Sichtweite folgen können. Ihn selbst hatte dies nicht gestört. Aber Petra hatte es gestört. Eines Tages hatte sie eben herausgefunden, dass Malber nicht nachdenklich war, wenn er wenig sagte, sondern ihre Sorgen aus den Augen verloren hatte.
"Ich finde nicht, dass sie -"
"- sie stecken die Köpfe zusammen! Siehst du das nicht?"
"Ist doch gut, wenn sie sich verstehen ... besser, als wenn sie sich streiten."
"Es hat mit dieser Frau zu tun!", schnappte Petra. "Mit dieser sehr merkwürdigen Zara!"
"Sie war kurz im Büro. Ich bin schnell dazugekommen. Die Kinder haben ein wenig mit ihr geredet. Das war alles."
"Diese Frau erinnert mich an einen Traum, den ich als Mädchen immer hatte."
Malber sah sie verwundert an. Natürlich hatte Petra Träume. Er hatte nur nie über diese Möglichkeit nachgedacht.
"Es ist ein Schulstück, in dem ich mitspiele. Ich stehe auf der Bühne hinter dem Vorhang und bin ganz aufgeregt. Dann geht der Vorhang auf und niemand, wirklich niemand sitzt im Publikum, außer dieser scharzgekleideten Frau."
Die Gerichtsbewachung ließ Malber nicht aus den Augen. 'Ich habe keine Träume, ihr habt keine Träume - was schaut ihr mich so dämlich an!' dachte er.
"Ich habe mit Melanie über dieses Spiel gesprochen. Sie redet merkwürdige Dinge in letzter Zeit. Es sind Gedanken darunter, die ich nicht verstehe."
"Sie ist ein junges Mädchen. Ihre Gedanken entwickeln sich."
"Es ist dieses Spiel! Ich habe hineingesehen. Da machen sich dicke und dünne, allesamt ältere Männer an sehr junge Mädchen ran - so kam mir das vor. Melanie findet nichts dabei. Die Mädchen könnten mit ihrer Schönheit anstellen, was sie wollten. Solche Gedanken trägt unsere Melli mit sich herum. Ich hoffe nicht, dass ich einem solchen Mann in meinem Haus begegne."
"Du wirst mit ihm fertig werden, denke ich!" Malber stellte sich vor, was von dem Mann übrig war, wenn Petra ihn mehrmals überfahren hatte. Er stellte sich vor, wie sie das Auto startete. Und dabei hatte der Mann noch das Glück weglaufen zu können.
"Du nimmst mich nicht ernst!" sagte Petra ärgerlich. Die Polizisten im Eingang sahen aus, als wären sie bereit, Malber aus diesem Grund festzunehmen.
Malber legte die Hände auf die Kniee. "Bakas ist angeklagt wegen Zuhälterei. Das ist nicht gut, aber" - Petra schoss ihm einen sehr warnenden Blick zu - "ein schweres Vergehen sicherlich … aber er versucht, seriös zu werden. Sieh dir das Spiel an. Es ist harmlos - jedenfalls ist es nicht verboten."
"Harmlos ist es nicht!" Petra mit zwei Polizisten im Rücken zeigte sich beharrlich. "Es ist menschenverachtend und frauenfeindlich!" Die Polizisten nickten zustimmend.
'Tut nicht so!' dachte Malber. 'Wenn sich jemand Pornos ansieht, dann ihr ...'
"Soll ich dir einen Kaffee holen?" fragte Malber. "Eine Kleinigkeit zu essen …"
Petra wischte den Vorschlag zur Seite. "Ich möchte von dir hören, wie du dich dazu stellst. Auch wenn du es vergessen hast, wenn du aus der Tür raus bist, möchte ich jetzt hören, wie du dazu stehst."
"Ich habe den Auftrag noch nicht angenommen", beruhigte sie Malber. "Kann ebensogut alles absagen. Ich rufe an und Schluss ist."
"Das würde dir so passen!", erregte sich Petra. "Willst du nicht einmal das Geld selbst verdienen? Ich kann dich doch nicht ewig unterstützen!"
"Ich sagte ja nur, wenn du dir Sorgen machst -"
"Ich mache mir auch über das Geld Sorgen, wie du sicherlich verstehen wirst. Bisher hast du keinen Beitrag geleistet!"
"Ich kümmere mich um die Kinder", schlug Malber als seinen Beitrag vor.
"Dieses Frau sitzt allein im Büro mit den Kinder - und wo bist du, Georg!?"
"Geld verdienen."
"Hast du schon über Geld mit diesem Bakas geredet? Willst du das damit sagen?"
"Hmm."
"Siehst du!? Nicht ist gewesen! Mir machst du nichts vor!"
"Ich rede mit ihm", schlug Malber vor. "Ich nehme den Auftrag an und rede mit ihm. Dann werden wir sehen."
"-'Werden wir sehen' ist deine Lieblingsrede, seit ich dich kenne. Nichts ist jetzt, alles ist 'Werden wir sehen'!"
"Ich rede mit ihm. Ich habe ihm gesagt, dass ich noch überlegen muss."
Petra schüttelte empört den Kopf. Nichts davon wollte sie glauben! Nichts davon hören!
'Wie schafft sie es nur, sich 10 Stunden am Tag aufzuregen?' dachte Malber müde.
Petra sah auf die Uhr, sprang auf, und ehe Malber seinen Blick gehoben hatte, knallte schon die nächste Tür hinter ihr zu.
Malber erhob sich langsam. Während er auf seinen Kaffee wartete, dem Gurgeln der Maschine, dem Tröpfeln zuhörte, auf das letzte 'Plitsch!' wartete, dachte er über Petra nach. Vielleicht störte Petra, dass er alles vergaß. Nichts blieb in seinen Gedanken haften, wenn es keine Bedeutung für ihn hatte.
Malber sah aus dem Fenster. Vielleicht sah auch Bakas aus dem Fenster. Er hatte so wenig zu tun wie Malber. Er konnte den ganzen Tag hinausschauen, wenn er wollte.
'Warum trinken alle Menschen Kaffee?', dachte Malber. 'Niemand trinkt Kaffee, weil er schmeckt. Es muss einen anderen Grund geben.'
"Malber, lange nicht gesehen!", rief jemand in seinen Rücken. Beinahe hätte es Malber in den Trakt des Untersuchungsgefängnis geschafft. Dort hätte er leicht entkommen können.
Als er sich umdrehen musste, war es ein Klassenkamerad, dessen Namen er vergessen hatte. Ja, der Vater von diesem Klassenkamerad war ... ein Rechtsanwalt und hatte damals, zur Freude der ganzen Klasse, die Nichtwertung einer Klassenarbeit durchgesetzt. Der Sohn war ganz still gewesen und ganz stolz. Eine Zeitlang hatte der Sohn etwas gegolten. Das wusste Malber noch.
"Ja, wie ist es denn so gegangen?" rief der Klassenkamerad.
"Sag nicht, du hast einen Termin, Malber! Der kann warten. Die Jungs da drin haben die Zeit weg. Von denen sieht keiner auf die Uhr!"
"Du bist ..."
"Jörg Fauerbach, na, klingelt es?"
"Ja, doch", sagte Malber langsam. "Jetzt ... ja, natürlich."
"Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen. Was meinst du!?"
"Ja, unbedingt", sagte Malber.
"Du, das mit der Petra tut mir leid."
"Danke", sagte Faust, obwohl es nichts gab, wofür er sich zu bedanken hätte. Und dieser Jörg noch nicht am Ende war mit seinen Gemeinheiten.
"Ich bin Jurist, wie du sicher weißt!", rief Jörg. "Da haben wir das natürlich mitbekommen. Petra ist ja eine von uns, wir Juristen so sagen."
"Sie hat mir nie von dir erzählt."
"Gehört sich nicht", beschied ihn Jörg knapp. "Berufsgeheimnisse - nicht einmal der Ehemann - wir Juristen - du verstehst?"
"..."
"Na, war schon eine Nachricht: Petra hat jetzt ihre eigene Partnerschaft! Hat sie sich immer gewünscht. Tüchtiges Mädchen. Von der Sorte, die sich nicht unterkriegen lässt. Strampelt sich immer wieder hoch. Hat ihren Doktor gemacht. Bei mir war das geschenkt - ein Mann, Einser-Jurist, ein Doktor, ging klar! - aber Petra hat sich durchgekämpft. Muss das Mädchen unbedingt mal wieder anrufen!"
"Tu, das", sagte Malber. Sie wird sich bestimmt freuen."
"Und ihr seid jetzt ganz und völlig auseinander?"
"Hmm", nickte Malber.
"Bin jetzt in Düsseldof mit meiner Kanzlei. Hab es nicht ausgehalten in diesem Duisburg. Ist wie der kleine Bruder, der von der Sozialstütze lebt. So kommt uns Düsseldorfern dieses Duisburg vor, wenn es uns hierhin verschlägt."
"Ich hab mein Büro dort", sagte Malber. Er wusste nicht, warum er hochzeigte.
"Ehrlich?", fragte Fauerbach.
"Geht schon. Ich bin ganz zufrieden. Wenn das Geschäft ein bisschen angelaufen ist, dann such ich mir was Größeres."
"Tät ich auch", sagte Fauerbach. "Jeden Tag die Knackies vor dem Fenster. Wär nichts für mich. 'Cecilienalle', kennst du bestimmt, kannst ihn sehen, den Rhein! Komm nicht dazu, aber trotzdem schön." Er blickte in eine Ferne, die nur Jörg Fauerbach sah. "Weiß gar nicht, was du machst!" sagte er ob dieser Tatsache nicht wenig überrascht.
"Unternehmenberatung", sagte Malber knapp.
"Im Knast?"
"Mein bester Kunde -"
"Georg, wir sehen uns! Muss den Paul mal ansprechen. Die Liste mit unseren Namen. Wir treffen uns! Langsam fällig das. Gibt bestimmt viel Neues bei jedem! Paul hat eine Firma. Macht Immobilien. Aber die Spitzenkategorie! ... "
Malber wehrte unenergisch ab.
"Muss los", sagte Jörg Fauerbach. "Erbsache. Millionen. Jede Menge Streit. Jörg Fauerbach dabei!"
"Sind sie für Bakas hier?" fragte der Pförtner.
Malber nickte kraftlos.
"Ich kenn’ den Dr. Fauerbach", sagte der Pförtner. Blicke des Mitgefühls. "Hole mal die Jungs."
Malber setzte sich auf die Bank. 'Klassentreffen', dachte er. Es schüttelte ihn. 20 mal Jörg Fauerbach. Mit etwas Glück 15 mal. Das würde sich rausstellen, wenn es kein Entkommen gab.
"Kannte mal ‘nen Anwalt", sagte ein Biertrinker neben ihm.
"Schluck?" Malber schüttelte den Kopf.
"Hat gesoffen mit uns, obwohl er ‘n feiner Herr mit Brille war. Beim Brunnen drüben hab’n wir gestanden. Jetzt ist da Gesocks, direkt vom Knast hier. Da geh ich nich’ mehr hin. Nee! Das ist übel jetzt!"
Der Mann setzte die Bierflasche an und trank sie halbleer.
"Viel schlaues Zeug geredet, hat er", erzählte der Mann, als er wieder zu Atem gekommen war. "Hat ‘ne Wohnung gehabt. Tot gesoffen hat er sich trotzdem. War immer so sturzblau, dass ihn die Bullerei geholt hat. Hat Geld versoffen, das nich’ von ihm war. So war das. Ein feiner Kerl. Hat immer ein’ spendiert. Lass ich nichts drauf kommen auf den!"
Der Mann setzte die Flasche an und trank sie leer. Dann rülpste er so laut, dass sich ein Fenster öffnete und eine Frau aus ihrem Büro zu Malber heruntersah.
"Fauerbach mit Doktor", sagte Bakas sinnend. "Das ist Name von Rechtsanwalt?"
Malber nickte. Wohl jeder in dieser Straße hatte ihn beobachtet. Und Jörg Fauerbach hatte seinen Auftritt hingelegt! Manche waren niemals sie selbst.
"Ich mag keine Rechtsanwälte", sagte Bakas. "Deshalb habe ich gedacht, ein Unternehmensberater ist besser gut für Geschäft von Bakas."
"Sie müssen mir noch ein wenig von sich erzählen", sagte Malber. "Ich bin noch nicht entschieden, ob ich ihnen helfen kann."
"Sie wollen wissen, welche Idee vom Geschäft Bakas hat … wo Problem sind, die auftreten?"
"Versuchen sie es einfach in ihren Worten zu erklären. Ich muss mir einen Eindruck verschaffen, ehe ich zusage. Was wird von mir erwartet?"
"Gut", sagte Bakas, als sie Platz genommen hatten, "erzähle ich ..."
Er drehte die Hände nach außen und betrachtete nachdenklich die schmutzigen Linien der Innenseiten.
"Bakas Geschäft ist Vermittlung von weißrussischen Mädchen. Malber kennt Schönheit von diese Mädchen. Malber weiß, dass Deutschmänner im Computer von Leonyd diese Mädchen kennenlernen. Sie reden mit diese Mädchen, geben Geld an Bakas und heiraten Mädchen. Das alles weiß Malber."
Malber nickte.
"Jetzt kommt das Problem: Weißrussische Mädchen bleiben nicht schön. Mädchen sprechen nicht die Sprache vom Mann? Mädchen hat geträumt von Prinzessin. Hat Deutschmann geträumt von Prinzessin? Was weiß Bakas? Er hat nicht vermittelt Dinge von Kopf, sondern Mädchen für Hochzeit!"
Bakas ließ seine Worte nachklingen. Er war ein Mann des Erzählens in Blöcken und Sprüngen.
"Jetzt geht Mädchen zu Deutschmann und sagt, dass sie unglücklich ist. Jetzt - kann sein - geht Deutschmann zu Deutschpolizei und sagt, dass Unglück kommt von Bakas, weil er nicht vermittelt hat Glück, aber vermittelt hat Unglück. Dieses ist Unsinn. Sogar Polizei weiß das. 'Gut', sagt Polizei, 'Mädchen ist unglücklich, weil Mädchen nicht frei.' Sie schreiben auf, obwohl Unsinn: 'Bakas hat nicht vermittelt Mädchen, sondern er hat verkauft weißrussische Mädchen an Deutschmann.' Da kommt Deutschmann Malber und sagt vernünftige Dinge zu Deutschpolizei. So stelle ich vor mir, was Malber tut."
Malber konnte sich jetzt ein Bild machen. Sicherlich bewegte sich das Geschäft von Bakas in der Grauzone der Legalität. Ihm war nachzuweisen, dass er eine nicht eindeutig festgelegte Grenze geschäftsmäßig überschritten hatte. Eine Anklage war eine Sache, die Verurteilung eine andere. Das Geschäft von Bakas war rechtlich in Ordnung, wenn auch moralisch im Randbereich angesiedelt.
"Das weiß Malber jetzt. Was Malber nicht weiß. Bakas Geschäft mit weißrussischen Mädchen ist auch Geschäft von anderen Männern. Diese Männer verkaufen Mädchen nicht für Glück von einem Mann, sondern für Sex von vielen Männern. Da ist Problem. Bakas gibt guten Preis für Mädchen. Das macht Mädchen teuer. Deutsche Männer, die kaufen wollen Sexmädchen, müssen nun zahlen viel Geld. Die Mädchen sagen 'Nein' zu Männern von Sexgeschäft. Brüder vom Mädchen sagen 'Nein'. Sie denken: 'Wenn Mädchen in Deutschland bei Bierbauch-Mann, wir kommen Mädchen besuchen und schauen schöne Land von schöne Schwester!' Deutsche Sexgeschäft-Männer kennen Polizei gut. Deutschmann Malber muss sehen, dass Deutschpolizei zufrieden mit Geschäft von Bakas."
Bakas hatte - aus welchen Gründen auch immer - keine Angst vor Gewalt. Er fürchtete, dass ihm die Herren vom Rotlichtmileu über ihre Kontakte zu den Behörden gefährlich werden konnte. Als Weißrusse, der er war, lag er wohl mit seinen Befürchtungen nicht falsch.
"Was habe ich zu tun?" fragte Malber.
Er hatte seine Entscheidung gefällt. Bakas war jetzt sein Chef auf Zeit.
"Gut", sagte Bakas und legte die Handflächen nach innen. "Malber hat Entscheidung gemacht."
Malber nickte knapp. Ein Lächeln kam von Bakas, das ihm seine Vorbehalte nachsah.
"Meine Schwester Zara ...", sagte Bakas und ließ das Ende des Satzes vielsagend offen.
"... ich werde sie bei der Führung der Geschäfte unterstützen", setzte Malber den Satz fort.
Bakas nickte. "Mir wäre das wohler."
Malber schwieg.
Schließlich sagte Bakas: "... die Frage steht, wie Malber wird bezahlt"
Malber sann.
"Geld kommt von Weißrussland", sagte Bakas. "Niemand muss wissen."
"Ich will keinen Menschen übervorteilen", protestierte Malber, "- schon gar nicht meine Frau."
Bakas betrachtete ihn eingehend.
Malber lächelte geduldig zurück.
"Malber fährt Auto von Bakas nach Weißrussland. Auto ist für gute Freund von Bakas. Geld für Auto ist für Malber in Tasche tief."
An der Tür summte es.
'Petra, sie hat etwas vergessen', dachte Malber.
Er drückte den Knopf. "Ja?" sagte er freundlich.
"Spreche ich mit Herrn Malber?"
"Ja."
"Kann ich sie sprechen, Herr Malber?"
"Mich? Jetzt?"
"Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Es geht mir so nah. Ich muss darüber sprechen!"
"Ja ..."
"Ich kann nicht mehr, Herr Malber. Sie müssen mich mit ihnen reden lassen!"
Malber drückte den Knopf. Sollte der Mann reden, wenn ihm danach war. Wenn Bakas jetzt aus dem Fenster sah, dann würde er sehen, dass Malber ihm zuwinkte.
"Kononepo ist mein Name", sagte der Mann.
Malber schrieb sich den Namen langsam auf.
"Ich kann nicht mehr!", stieß der Mann aus. "Sie können sich nicht vorstellen, wie es ist. Die Gedanken immer im Kreis, schneller und schneller. Keine Ruhe. Kein Mal halten sie an!"
"Ich bin nicht der Psycholge", sagte Malber. "Sie haben falsch geklingelt."
Der Mann starrte ihn an.
Malber nickte freundlich. "Es gibt einen Psychologen im Haus. Sie müssen noch einmal nach den Klingel sehen."
"Malber Unternehmensberatung, das sind sie doch!? Sie vertreten die Firma von Herrn Bakas?"
Malber nickte.
"Ich habe niemanden, den ich ansprechen kann, außer ihnen! Ich war in seinem Büro. Das saß ein komischer Mensch, der sich für nichts als Computerbildschirme interessierte."
"Leonyd. Programmierer. Ist bekannt."
"Ich habe seine Schwester getroffen, die Schwester von Herrn Bakas, meine ich. Die Halbschwester von Herrn Bakas, wie sagt. Als würde das etwas ändern!"
"Herr ... Kononepo ...", sagte Malber bedächtig.
"Sie hätten hören sollen, was diese Zara sagte. Alles ein völliger Unsinn. 'Die Schönheit ist nicht an einem Ort', sagt sie mir. Als hätte ich von so etwas geredet, mein Gott! Was hat sie noch gesagt? Ich erinnere mich kaum, so seltsam hat sie gesprochen. Überlegen sie sich diesen Ausdruck: 'Die Schönheit ist der Schönheit Besitz.' Ich bitte sie, was für ein völliger Unsinn! Wie soll ich schlafen, wenn ich immerfort darüber nachdenken muss!"
Malber fand nicht, dass es als Erklärung genügte. Aber er war kein Schlafberater.
"Außerdem sprach sie nicht selbst, sondern diese Zara in dem Spiel. Wir saßen alle davor und haben ihr zugehört. Eine Spielfigur - ich habe mit einer Spielfigur reden müssen! Wenn sie wenigstens verständlich wie ein Mensch gesprochen hätte."
Malber sah auf seinen Zettel: "Herr ... Kono ... nepo … fangen wir am besten vorne an, wenn es ihnen nichts ausmacht."
"Ich habe kein Glück. Ich habe noch keine Frau kennengelernt, die nicht die nächste Gelegenheit benutzt hätte ... Ich weiß nicht, woran es liegt. Ich habe mich sehr bemüht, jemanden kennenzulernen. Sehr bemüht. Meine Mutter sagt, schon als kleiner Junge im Kindergarten hatte ich keine -"
"- vielleicht fangen wir doch besser in der näheren Vergangenheit an", schlug Malber vor.
"Wissen sie, ich erzähle nicht gerne, wie es früher war. Es regt mich auf, wissen sie, statt dass es mich müde macht … Ja, das Computerspiel … als ich davon gehört habe, war ich direkt begeistert. Ich dachte, wenn ich eine Spielfigur bin, dann werden die Mädchen nicht davonlaufen. Und so war es auch. Wie ein Wunder! Ich habe ein Mädchen kennengelernt. Wir haben gesprochen, Dinge unternommen, Aufgaben gelöst … darin bin ich wirklich gut drin … auf alles, was ich gesagt habe, hat sie eine zutiefst liebe Antwort gegeben. Natürlich habe ich Herrn Bakas gefragt, ob ich diese Frau heiraten darf. Das Ausssuchen und Heiraten ging wie von selbst. Als alles fertig war, erst als ich mit meiner Frau, der wirklichen Frau, allein zu Hause war, da habe ich gemerkt, dass etwas nicht stimmte."
Malber sah den Mann mit wachsender Fassungslosigkeit an. Er wünschte, dass Petra hier wäre und zuhören könnte. Wenn sie dachte, dass Malber emotional ein Totalschaden war, was würde sie erst zu Herrn Kononepo sagen.
"Meine Frau ist ganz anders geworden", sagte der Mann.
"Eine Spielfigur und ihre Frau sind nicht dasselbe", gab Malber zu bedenken. Was würde Petra staunen, wenn sie ihren Georg Malber als Eheberater sehen könnte.
"Nein, nein", wehrte der Mann ab. "Es ist, als sei sie eine völlig andere!"