Excerpt for Glück im Bauch - Ein Fastentagebuch nach der Modernen Mayr-Medizin by Franziska Lipp, available in its entirety at Smashwords




Glück im Bauch

Ein Fastentagebuch nach der

Modernen Mayr-Medizin im Parkhotel Igls


von

Franziska Lipp



Weitergabe ausdrücklich erwünscht

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Wenn Sie in einem Taschenbuch schmökern möchten, können Sie „Glück im Bauch“ für EUR 12,90 unter info@parkhotel-igls.at oder telefonisch bestellen.

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Glück im Bauch

Franziska Lipp

Copyright Parkhotel Igls 2010

Published by Parkohtel Igls at Smashwords



eBook-Gestaltung

marketing deluxe & ANDERS|denken






Ernährung, Bewegung & Regeneration

auf Basis der Modernen Mayr-Medizin


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Während der Fastenzeit sehnt sich der Mensch nach

Ruhe, innerer Stille und guter Lektüre.

Und manchmal auch nach einer wirklich fröhlichen Unterhaltung.“


(Judith Wieland, Konzertsängerin und Stammgast im Parkhotel Igls)





Tag 1 – Sonntag, 27. Januar


Gewicht: keine Ahnung und ich will es auch gar nicht wissen.

Ernährung: Zum Frühstück Toast mit Shrimps-Salat, ein weiches Ei, einen Milchkaffee. Zu Mittag ein Stück Lasagne, grünen Salat und den letzten Schokolade-Nikolaus vom Weihnachtsfest. Am Nachmittag einen Cappuccino und ein Quarktäschchen. Am Abend Ruccola-Suppe und Rehragout.

Bewegung: Vom Auto zum Bahnhof. Vom Bahnhof zum Taxi.


14.00 Uhr

Der Zug bewegt sich im sanften Grau eines Sonntagnachmittages. Braune Felder, farblose Städte und namenlose Gesichter ziehen vor dem Fenster an mir vorüber. Eine dicke Wolkenschicht wälzt sich dick und unentschlossen über den Januarhimmel. Das regelmäßige Poltern der Schwellen macht müde und träge. Ich sitze gegen die Fahrtrichtung alleine in dem Abteil. Mein Nacken schmerzt, ich gähne und schließe die Augen.

Sofort sehe ich wieder Justus’ Hinterkopf vor mir. Wie sich die schütteren Haare im kalten Wind bewegten. Dieser Kopf, den ich in meinem Leben schon unzählige Male geküsst und gestreichelt habe, entfernte sich auf feste und entschlossene Art. Ich stand noch lange am Fenster, doch er hatte sich fast wütend nach dem Abschiedskuss von mir abgewandt. Mit Schuldgefühlen und einem dicken Kloß schloss ich das Fenster und ließ mich in die staubigen, orangefarbenen Bezüge des Intercitys fallen. Ich wusste: Justus war dieser Abschied nicht leicht gefallen.

Die Art, wie er sich am Bahnsteig zum Ausgang gedreht hatte, wie er die Hände, zu Fäusten geballt, in seine Wildlederjacke geschoben hatte. Seine Mimik sprach Bände: Justus fand es unmöglich, ja beinahe als persönliche Beleidigung, dass ich tatsächlich entschieden hatte, für zwei Wochen wegzufahren und ihn mit unserer Tochter und dem Kater alleine zu lassen. Ihn dazu zu nötigen, selber den Kühlschrank aufzumachen oder sich ein Brot zu schmieren, anstatt ihm – den viel arbeitenden und zweifellos gut verdienenden Ehemann – zu bekochen.


Doch ich hatte entschieden, endlich wieder alleine zu verreisen. Ich brauche Zeit für mich, muss Neues sehen, mich sortieren, klare Gedanken fassen. Zu lange schon führe ich ein Leben ohne Höhen und Tiefen und ohne das Gefühl, darin einen Sinn zu finden oder in meinem Tun bejaht oder geachtet zu werden. Ich bin da, wann immer man mich braucht: Ich funktioniere tagein, tagaus. Doch bin ich glücklich?

Diese Frage tauchte in den letzten Monaten immer dringlicher auf – vor allem nachts, wenn ich wach neben Justus lag. Ich grübelte und sinnierte. Wurde immer unglücklicher mit mir und meinem Leben. Und dabei immer dicker.


„Ich brauche Abstand. Ich brauche Abstand. Ich brauche Abstand“, schon seit dem Spätsommer hämmerte dieser Satz in meinem Kopf. Nach einer durchwachten Nacht im Advent, an deren Ende ich mit rot geäderten Augen und stechenden Kopfschmerzen beim Frühstück saß, sagte ich also zu Justus: „Ich muss unbedingt abnehmen.“

So begann ich das Gespräch an jenem Dezembermorgen, um abends noch einmal darauf zu sprechen zu kommen. Justus zog es allerdings vor, neben meinen Ausführungen über zu viele Kilos, zu viele Kekse und zu viel Fett die Tageszeitung zu lesen. Ich war mir nicht sicher, ob er mir zuhörte. Nach zwanzig Minuten stand ich auf. Und erst als er bemerkte, dass ich mich anschickte, die Küche zu verlassen, murmelte er kurz: „Kannst du mir noch eine Tasse Punsch einschenken?“

Ich hielt einen kurzen Augenblick inne, die Hand am Türrahmen – zum ersten Mal in unserer Ehe wollte ich ihn nicht umsorgen und behüten wie ein kleines Kind. „Besser du lernst schon jetzt, wie man den Wasserkocher betätigt“, antwortete ich ihm leise über die Schulter und ging nach oben.

Im Schlafzimmer zog ich mich langsam aus und betrachtete meinen aus der Form gekommenen Körper im sanften Schein der Nachttischlampe. Mein Blick wanderte von oben nach unten: meine weichen, runden Brüste, die zwei Kinder genährt hatten, quollen links und rechts aus ihren Körbchen. Darunter schob sich der Bauch über den Hosenbund meiner dunkelblauen Lieblingshose, meine breiten Hüften und Oberschenkel breiteten sich über das Laken aus. „Die heilige Dreifaltigkeit“, seufzte ich. „Wie konnte es nur dazu kommen?“ Ich hatte doch einmal eine sehr aparte Figur besessen. Vor Justus, vor den Kindern, noch vor zwei Jahren. Wann hatte ich die Kontrolle über meinen Körper verloren? Ich drehte mich zu meinem kleinen Nachttisch und öffnete die unterste Schublade. Darin lagen feinste Trüffel und Pralinen. Vorsichtig zog ich eine glänzend braune Praline aus dem knisternden Goldkarton und steckte sie mir in den Mund. Sie schmeckte köstlich. Zartbitter. Zartbitter war auch mein Leben. Ich wollte es süß, ich sehnte mich nach „Dolce Vita“. Ich wollte immer einmal aussehen wie Sophia Loren oder Monica Bellucci: Aber ich war keine dunkelhaarige, rassige Italienerin. Ich war einfach nur mausgrau.


Seufzend angelte ich mir meinen geblümten Pyjama und schlüpfte hinein. Ich war todmüde: Die letzten Wochen hatte ich damit zugebracht, Kekse zu backen und Elche auszustechen. Blöde Kinderei, denn wie sich später herausstellen sollte, interessierte sich kein Mensch zu Weihnachten für meine Kekse. Es war die Wehmut, die mich die Elche backen ließ: Früher buk ich gemeinsam mit Aenne und Simon. Wir ließen die großen und kleinen Elche über das Backblech marschieren und banden ihnen, wenn sie fertig und goldbraun schimmernd aus dem Ofen kamen, kleine grüne und rote Bändchen um.

In diesem Jahr war ich die Einzige, die überhaupt daran gedacht hatte, Elche zu backen.

Aenne hat mit ihren sechzehn Jahren beschlossen, den Fokus ihres Daseins auf ihre Figur und ihr Aussehen zu richten. Stundenlang steht sie vor dem Badezimmerspiegel, um neue Make-up-Varianten auszuprobieren.

Der Großteil ihres Taschengeldes, und ich befürchte, sogar ein Großteil unseres Haushaltsgeldes, das ich in der Zuckerdose meiner Großmutter verwahre, geht für Schminksachen drauf. Zudem betreibt Aenne abwechselnd Hatha Yoga, Pilates und Tai Chi und geht zweimal die Woche zum Tanztraining. Erst äußerte ich Bedenken: Hatha Yoga hört sich nicht unbedingt so an, als ob eine besorgte Mutter sich entspannt im Wohnzimmerstuhl zurücklehnen und auf die Rückkehr ihrer Tochter warten könnte. Ich machte mir Sorgen: War das eine Sekte? Gab es einen Guru, der meine Tochter zu sexuellen Praktiken überreden wollte? Der ihr in einer dieser verrückten Yoga-Stellungen eine Gehirnwäsche verpasste, ohne dass ich das im Griff hatte? Mit der Zeit beruhigte ich mich, wenn auch nur mit Hilfe von Schokolade. Aenne erklärte mir, dass es sich bei Asanas um keine neue Lifestyledroge handelt, sondern lediglich um sehr kompliziert aussehende Übungen. „Niemand will mir an die Wäsche“, erklärte mir meine Tochter energisch. Den Nachsatz „Außer ich will das so“ überhörte ich pflichttunlichst.


So war es gekommen – meine kleine Tochter, die vor zehn Jahren noch einen Elch nach dem anderen in ihren Kirschmund spazieren ließ, war nun das Ergebnis ihrer Anstrengungen: eine wunderhübsche junge Frau, die mit ihrer in die Jahre gekommenen Mutter kaum noch etwas anfangen konnte. Das gemeinsame Schwimmen legten wir ad acta, nachdem ich bemerkte hatte, dass die kleinen Jungs hinter meinem Rücken den Umfang meiner Oberschenkel diskutierten. Die gemeinsamen Shoppingtouren hörten sich auf, nachdem ich frustriert festgestellt hatte, dass es die Jeans meiner Tochter nur in den Größen 26 bis 29 gab und dass frau ab 38 in jeder Hinsicht zum alten Eisen zählte. Ich war über die 38 hinaus – sowohl im Alter als auch in Sachen Kleidergröße.


Auch für Simon ist die Zeit des gemeinsamen Backens längst passé: Nachdem er im September seinen Studienplatz bekommen hatte, ist sein Zimmer verwaist. Und ich mit ihm. Das Zimmer und ich – wir teilen die Last des Verlassenwerdens: Simon fehlt im Haus. Doch ich konnte es nicht bleiben lassen und schickte ihm eine Keksdose voll Elche.

Seine Rückantwort kam – ganz EDV-Student – per E-Mail: „Liebe Mama, danke für die Elche. Aber du weißt, ich bin hier bestens versorgt. Rudi, mein schwuler Mitbewohnter, bekommt regelmäßig einen Mutterkuchen von zu Hause. Lass dir bloß nicht einfallen, mir täglich ein Paket zu schicken, sonst werden wir noch beide kugelrund. Bussi, dein Sohn.“

Nachdem es eine Ewigkeit gedauert hatte, den Computer anzumachen, den Einstieg ins Internet zu schaffen und ich glücklich war, selber meine E-Mails im Outlook-Programm „gecheckt“ zu haben, blieb nach dem Lesen ein schaler Geschmack: „Werden wir beide kugelrund.“ Was meinte er damit? Meinte er „er und Rudi“ oder meinte er „er und ich“?

Nach längerem Grübeln, drei Händen voll schokolierter Rosinen und einem kleinen Happen übrig gebliebener Gemüselasagne vom Vortag entschied ich mich, Simon anzurufen. Ich wählte die lange Passauer Nummer. In irgendeiner fernen, unaufgeräumten Studenten-Wohngemeinschaft klingelte das Telefon. Als sich eine junge Männerstimme meldete, fragte ich ohne Umschweife: „Findest du mich kugelrund?“ Am Ende der Leitung hörte ich zuerst nur ein verhaltenes Räuspern. Rudi fand in dieser Situation gar nichts – auch nicht seine Fassung. Er lachte so laut und lange, dass es mir noch in den Ohren klang, nachdem ich den Hörer schon auf die Gabel geknallt hatte.


Immer noch saß ich enttäuscht und wütend auf mich selber auf dem Bett. Ich hatte die letzte Zeit damit zugebracht, die Idylle und das Familienheil in Form von mit süßem Vanillezucker bestäubten Elchen zu backen. Mein Mann saß am Esstisch, las seine Zeitung und hatte kein Ohr für meine Bedürfnisse. Ich streckte meine Hand in Richtung Nachttischschublade und fieselte noch eine Praline aus dem goldenen Schälchen. Gerade als ich die kleine Mandel auf der Oberseite der Praline abgeknabbert hatte, fiel mir mit einem Mal ein Zeitungsartikel ein, den ich vor ein paar Wochen ausgeschnitten hatte.

Wo war er? Er musste ebenfalls in meinem Nachttisch sein. Ich öffnete die andere Schublade und da lag er: fein säuberlich in einer Klarsichtfolie. Die junge Frau, die mich damals vor drei Monaten so beeindruckt hatte, strahlte noch immer von der Seite. War das die Lösung meines Problems? War es endlich an der Zeit zu handeln?


Beinahe neidisch betrachtete ich das Portrait. Diese Frau sah so glücklich aus. Und wo war ich geblieben?

Wo war die junge und lebenslustige Elisabeth? Ich fühlte mich seit Monaten – ach, wohl schon seit Jahren – überfordert und gelangweilt in einem.

Täglich lege ich meinem Mann – Beamter im gehobenen Dienst – seinen Anzug und die gleichfarbigen Socken zurecht. So endet ein jeder Tag. Mit Kaffee und einem ausgiebigen Frühstück beginnt der Tag. Dazwischen passiert nicht viel: Jeden Sonntag sehen Justus und ich uns den neuen Tatort im Ersten an.

Am Montagabend geht Justus nach der Arbeit zum Tennis und ich putze das Haus, esse die Reste vom Wochenende und lege ihm den blauen Anzug mit dem hellblauen Hemd und der karierten Krawatte neben dem Bett bereit.

Jeden zweiten Dienstag hat Justus Stadtratssitzung und ich mache die Wäsche vom Wochenende, esse Schokolade und lege ihm den grauen Anzug mit dem rosa Hemd und der gestreiften Krawatte neben dem Bett bereit.

Den Mittwochabend verbringen Justus und ich gemeinsam: Ich koche eines seiner Lieblingsgerichte – Hackbraten mit Kartoffeln oder Zwiebelrostbraten mit Knödeln – und dann lesen wir gemeinsam die Tageszeitung am Küchentisch. Danach lege ich ihm den Nadelstreifenanzug mit dem weißen Hemd und der einfärbigen Krawatte neben dem Bett bereit.

Der Donnerstag ist für mich reserviert: An diesem Tag treffe ich mich mit meinen Freundinnen, um zu spinnen. Wir haben diese alte Leidenschaft entdeckt, als meine Großmutter vor fünf Jahren gestorben war und ich ihr Spinnrad geerbt hatte.

So wurde aus unserem langjährigen Strickcafé bei Ines das Spinncafé bei Ines. Nach dem Spinnen lege ich Justus den braunen Anzug mit dem beigefarbenen Hemd und der Krawatte neben dem Bett bereit.

Der Freitag gehört Justus’ Arbeitskollegen und Vorgesetzten: Viele Verpflichtungen haben sich durch seine Beförderung ergeben. Meist ist der Abend für Geschäftsessen mit Kollegen und Vorgesetzten oder sogar für Gala-Dinners zu offiziellen Anlässen reserviert. Am schlimmsten kommt es allerdings, wenn wir selber mit einer Einladung an der Reihe sind. Dann verbringe ich vierzehn Tage im Dauerstress: Die ersten sieben Tage wälze ich Frauenzeitschriften, Rezeptdatenbanken im Internet und Kochbücher, um das perfekte Menü zusammenzustellen.

Ab Montag vor dem besagten Freitag beginne ich mit den ersten Vorbreitungen: brate Gemüse, lege Antipasti ein und mache mir Gedanken über die Tischdekoration. Ab Dienstag darf das Esszimmer von niemandem mehr benützt werden, ich räume auf, decke den Tisch, arrangiere die Stühle. Ab Mittwoch wird es hektisch: Ich gehe auf den Markt, um frisches Obst und Gemüse zu besorgen, kaufe Bio-Fleisch beim Metzger und beginne am Abend damit, das Fleisch zu marinieren, damit es bis Freitag gut durchgezogen ist. Den Donnerstag nehme ich mir frei: Ich gehe zum Friseur und besorge noch fehlende Zutaten. Ab dem frühen Morgen stehe ich am Freitag in der Küche. Verlaufen die Vorbereitungen ohne Zwischenfall, dann erlebe ich auch noch den Abend, ohne mit Migräne im abgedunkelten Schlafzimmer zu liegen. Einzig und allein die roten Stressflecken auf meinem Hals zeugen dann von dem bevorstehenden Abendessen in unserem Haus.

Diese Essen dauern in der Regel bis Mitternacht, nie länger. Das gehört wohl zum guten Ton. Haben sich dann alle verabschiedet und Justus schließt die Haustür hinter sich, um nach oben ins Bett zu gehen, sitze ich den Tränen nahe im Esszimmer. Die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld, in den letzten vierzehn Tagen habe ich meine Freunde und meine Arbeit vernachlässigt. Der Dampf hat meine neue Frisur ruiniert und das einzig Tröstende sind die vielen Reste, die ich nach und nach aufesse, während ich die Küche und das Esszimmer aufräume.


Die Wochenenden verbringen wir gemütlich und leger: ein bisschen Rad fahren, ein bisschen im Garten arbeiten und ein bisschen lesen. Manchmal laden wir auch Freunde zu uns ein oder Aenne bringt Freunde mit nach Hause. Immer öfter kommt es aber inzwischen vor, dass wir sie von Freitagnachmittag bis Sonntagabend gar nicht mehr sehen. Sie übernachtet bei einer Freundin, sie gehen tagsüber zum Baden oder Tanzen und abends aus. Dann haben Justus und ich „sturmfreie“ Bude. Vor ein paar Jahren hätten wir uns noch augenzwinkernd darüber gefreut. Inzwischen sind wir über dieses Alter zweifellos hinaus. Das Wochenende endet unspektakulär vor dem Fernseher.


An einem dieser faulen Wochenenden im Spätsommer legte ich mich nach dem Einkaufen mit einer Extra-Portion Himbeereis und der neuesten Ausgabe meiner Lieblingszeitschrift in den Garten. Während ich mein Eis löffelte, ließ ich die Seiten lose durch die Finger fächern. Beim Überfliegen stach mir eine Geschichte ins Auge: Sie handelte von einer Frau, die eine Fastenkur ausprobiert hatte und damit sage und schreibe elf Kilogramm abgenommen hat. Kein Zweifel – diese Kur sprach mich an. Ich wollte auch elf Kilogramm weniger haben oder, na ja, wenigstens die Hälfte davon. Ich setzte mich gerade in den Liegestuhl, strich mir mit der linken Hand über den gewölbten Himbeereis-Bauch und las: „Der königliche Heilweg: Gesundheitsprobleme werden an den Wurzeln – den Verdauungsorganen – gepackt.“ Ich runzelte die Stirn: Was hatte mein Übergewicht denn mit meinen Verdauungsorganen zu tun? Viel eher hatten sie doch wohl mit meinem Essverhalten zu tun?

Doch die Frau lachte so glücklich und befreit von dem Foto, dass ich nicht umhin konnte und neugierig weiterlas: „Das große Interesse des österreichischen Arztes Dr. Franz Xaver Mayr galt vor allem dem grundlegenden Zusammenhang vom Zustand der Verdauungsorgane und der Gesundheit des Menschen. Mayr ging davon aus, dass aufgrund einer ungesunden Ernährungs- und Lebensweise der Darm krank wurde und nicht mehr zur Selbstreinigung fähig war. Die Beseitigung der verheerenden Auswirkungen einer gestörten Darmfunktion auf die Gesundheit und Lebensfreude wurden zu seiner Lebensaufgabe.“

Weiter unten erfuhr ich noch, dass Mayr schon lange verstorben war, sein Ansatz jedoch im Laufe der Zeit weiterentwickelt und verfeinert worden war. Die lachende Jutta Siebert – so hieß die strahlend schöne Frau, die sich mit neu gewonnener Lebensfreude für die Zeitschrift hatte ablichten lassen – erklärte: „Mein Aufenthalt in Tirol und meine Kur waren wie eine Heil- und Energietankstelle. Nach drei Wochen F.-X.-Mayr-Kur hab ich nicht nur elf Kilogramm abgenommen, sondern fühle mich auch wieder aktiver, vitaler und lebenslustiger.“

Nachdenklich kratzte ich die letzten Reste des in der Sonne geschmolzenen Himbeereises aus dem Glas. Als nichts mehr übrig war, klopfte ich mit dem Löffel rhythmisch gegen meine Schneidezähne: „F.-X.-Mayr-Kur. Das werde ich mir merken“, murmelte ich gedankenverloren vor mich hin. „Ja, warum eigentlich nicht mal auf diese Weise abnehmen?“

„Was sagst du da, Wollmäuschen?“, unterbrach mich Justus in meinen Grübeleien.

„Ach, ich überlege nur, ob ich nicht mal eine F.-X.-Mayr-Kur ausprobieren soll“, ich hielt ihm die Zeitschrift hin. „Diese Frau hier hat mit der Kur elf Kilogramm abgenommen. Das ist doch toll, oder?“

„Du brauchst doch nicht abzunehmen“, brummte Justus und machte sich an der Hecke zu schaffen. „Ich mag dich genau so, wie du bist. Du siehst doch eh immer gleich aus.“

„Du hast doch keine Ahnung“, fuhr ich aus dem Liegestuhl hoch. „Als wir uns kennen gelernt haben, wog ich 55 Kilogramm, inzwischen sind es 70 Kilogramm. So genau siehst du mich also an.“

„Wie auch immer“, brummte Justus weiter. „Ich mag jedes Pfund an dir und wehe du nimmst auch nur ein Kilogramm ab. Da hätte ich wirklich was dagegen.“

Resigniert sank ich in den Liegestuhl zurück. Vielleicht würden sich andere Frauen über einen Mann freuen, der sie genauso liebte, wie sie aussehen. Ich für meinen Teil fand Justus’ Aussage ignorant. Es interessierte ihn kein bisschen, wie ich mich fühlte und wonach ich mich sehnte. Schwerfällig erhob ich mich von der Liege, die Zeitschrift nahm ich mit.

Ich trat durch die Terrassentür ins Wohnzimmer, ging weiter in die Küche, stellte das Eisglas in die Spülmaschine und öffnete suchend die Schublade mit den Süßigkeiten. Voll Freude stellte ich fest, dass noch niemand meine Packung Schokodrops geplündert hatte. Ich griff in die Packung und holte eine große Hand voll süßer Teilchen raus. Als ich gerade das erste aus seiner Verpackung pulte, hörte ich Justus hinter mir: „Ja, Wollmäuschen, wenn du auch immer so viel naschst, wirst du ganz bestimmt nicht abnehmen.“

Ertappt wandte ich mich um und starrte ihn an. Wortlos schleuderte ich die Schokoladenteile auf die Anrichte und verließ die Küche.

Justus hatte ja Recht. Irgendwie. Warum nur bekam ich meinen ewigen Hunger auf Süßes nicht in den Griff? Jeden Tag ertappe ich mich bei meinen Streifzügen durch das Haus – immer auf der Suche nach etwas Süßem. Bin ich gerade im Wollladen, schicke ich sogar Nadine in den Supermarkt oder in die Bäckerei, damit sie uns Kekse oder Kirschtaschen besorgt. Nadine ist meine liebste und einzige Mitarbeiterin, die ich in meinem Strickladen beschäftige. Sie ist auch die Einzige, die ich mit dem Umsatz bezahlen kann.

Ich liebe diese Pausen, die wir hinten eingequetscht in dem kleinen Kämmerchen neben dem Lager verbringen. Hier hinten naschen wir, ohne auch nur einen Gedanken an Übergewicht oder Diäten zu vergeuden. Mit dem einen Unterschied, dass Nadine gertenschlank ist und nie auch nur annähernd Probleme mit ihrem Gewicht hatte. Die Kalorien ihrer Kirschtasche scheinen sich geradewegs auf meinen Hüften festzusetzen.

Ich nahm zwei Stufen auf einmal und schlich mich in Aennes Zimmer. Sie war mal wieder bei einer Freundin und hatte fest versprochen, am Sonntag zum Nachmittagskaffee zu Hause zu sein. Ich setzte mich an ihren Schreibtisch, drückte den kleinen grauen Knopf an ihrem Computer und wartete, bis mich das „Willkommen“ auf dem Bildschirm begrüßte.

Stolz auf meine EDV-Kenntnisse, öffnete ich den Internet-Explorer und gab in der Suchmaschine F. X. Mayr ein: 75.900 Treffer. So verbrachte ich den Nachmittag damit, mich intensiver mit der F.-X.-Mayr-Kur auseinanderzusetzen und bestellte mir am Ende noch das Buch „Die neue F.-X.-Mayr-Kur“ von Dr. Martin Winkler. Ich hatte einen Plan: Irgendwann in meinem Leben würde ich diese Kur am eigenen Leib ausprobieren.


An diesem Abend im Pyjama am Rande meines Bett sitzend, wusste ich: Nun war meine Zeit gekommen.


15.00 Uhr

Der Blick auf die Uhr bestätigt mir, dass die Hälfte meiner Fahrtstrecke hinter mir liegt. Noch immer hat sich der Himmel nicht gelichtet. Ganz im Gegenteil: Die Wolken scheinen noch tiefer gerückt zu sein, draußen unternehmen dick vermummte Gestalten einen Sonntagsspaziergang über die weiten Felder.

Es klopft an der Tür und der nette Herr mit dem Bistrowagen schiebt seinen Kopf durch den Spalt: „Kaffee? Sandwich? Süßes?“ Ich lächle zurück. Ja, warum eigentlich nicht. „Ich nehme einen Cappuccino und ein kleines Quarktäschchen, bitte.“ Während er den dampfenden Kaffee in den Plastikbecher füllt, angle ich nach meiner Tasche und krame das Kleingeld heraus.

„Fünf Euro sechzig und weiterhin eine gute Reise.“

Ich bezahle und kann mich nun endlich dazu entschließen, den Blick nach vorn zu richten. Nachdem ich noch immer alleine in dem Abteil sitze und Platz genug habe, setze ich mich in Fahrtrichtung, streue mir den Zucker in den Cappuccino und probiere vorsichtig.

Geräuschvoll schlürfe ich das dunkle Automatengebräu und kaue genüsslich an der Quarktasche. Ich strecke meine Beine von mir und lasse noch einmal die letzten Wochen zu Hause Revue passieren. Es war eine merkwürdige Zeit, in der ich regelmäßig von schier unkontrollierbaren Gefühlskapriolen überrollt worden war.

Nachdem ich gleich am nächsten Morgen des besagten Abends die Notizen zu meinen Internetrecherchen hervorgeholt, erzählte ich am Nachmittag Nadine von meinem Vorhaben: „Ich werde im nächsten Jahr eine Fastenkur machen. Ich weiß zwar noch keinen genauen Zeitpunkt, aber stell dich mal drauf ein, dass du zwei Wochen ohne mich auskommen musst.“

Nadine blickte mich erstaunt an: „Ehrlich? Willst du das wirklich machen? Was sagt denn dein Mann dazu?“

Unwirsch sortierte ich die neusten Ausgaben der Strickmagazine. „Justus ist natürlich damit einverstanden. Er hat kein Problem damit“, schummelte ich. Zum Glück bimmelte in diesem Augenblick die kleine Glocke über der Eingangstür. Die grauhaarige Frau Fadenschein kam zur Tür herein und ich deutete Nadine mit einem Blick, sie solle sich um sie kümmern. Ich zog mich in der Zwischenzeit in das kleine Kämmerchen zurück und wählte die Nummer des Parkhotels in Igls. Auf dieses Hotel war ich bei meinen Recherchen gestoßen und es war mir auf Anhieb sympathisch gewesen: nicht zu extravagant, nicht zu überheblich, nicht zu überladen, dafür seriös, ansprechend, klar und erfrischend, einladend. Schon nach dem zweiten Läuten meldete sich eine Stimme mit unüberhörbarem Tiroler Dialekt: „Parkhotel Igls, schönen guten Tag.“

„Ja, hallo, Elisabeth Heldenstein, hier“, stammelte ich in den Hörer. „Ich würde gerne für Januar einen Aufenthalt zur F.-X.-Mayr-Kur bei Ihnen buchen.“

„Ja, gerne, Frau Heldenstein“, antwortete die Stimme freundlich. „An welchen Zeitraum hätten Sie denn gedacht?“

„Vielleicht zwei Wochen. Ist das denn ausreichend?“, fragte ich leise. „Und so schnell wie möglich, bitte.“

„Zwei Wochen sind perfekt“, kam die Antwort prompt. „Ab 27. Januar hätten wir wieder Zimmer frei. Reisen Sie denn alleine?“

„Ja, ich komme allein“, meine Stimme wurde wieder fester. „Ich komme alleine und der 27. Januar ist perfekt. Bitte reservieren Sie für mich fix zwei Wochen.“

„Sehr gerne, Frau Heldenstein. Ich lasse Ihnen in jedem Fall noch unsere Unterlagen und Prospekte zukommen. So können Sie sich noch für die genauen Details Ihrer Kur und Zusatzanwendungen entscheiden.“

Ich diktierte der freundlichen Dame aus dem Parkhotel meine Anschrift, dann legte ich auf. Mit einem strahlenden Gesicht trat ich nach draußen.

„Na, was ist denn mit dir passiert?“ Nadine sortierte die Wollknäuel, die Frau Fadenschein nun doch nicht genommen hatte.

„Ich fahre am 27. Januar für zwei Wochen nach Tirol“, strahlte ich Nadine an. „In dieser Zeit wirst du den Laden schaukeln. Und ich vertraue darauf, dass du mindestens zwanzig Prozent Umsatzsteigerung erzielst. Und zur Feier des Tages trinken wir ein Glas Prosecco und du holst uns noch zwei kleine Nusstörtchen vom Bäcker Honigmond.“


Am Abend erzählte ich Justus von meinem Vorhaben. Diesmal hob er den Blick tatsächlich von der Abendzeitung und sah mir in die Augen. „Wie du meinst“, war allerdings alles, was er von sich gab. Ich glaubte ein „du wirst mir fehlen“ zu hören, doch ich war mir nicht sicher.

Ich schwebte auf Wolke sieben – endlich würde ich abnehmen. Endlich würde ich Abstand haben. Endlich würde ich wieder einen klaren Gedanken fassen können, wohin mein Leben in Zukunft führen soll. Ich tanzte in der Küche und naschte einen Elch nach dem anderen. Bald wäre dieses Leben für immer passé. Zum ersten Mal seit Langem fühlte ich mich frei und glücklich.


Die Vorbereitungen für die Kur verliefen abwechslungsreich. Schon drei Tage nach meinem Anruf bekam ich Post aus dem Parkhotel: eine modern gestaltete Imagebroschüre zu Therapieangebot, dem Haus und der Modernen Mayr-Medizin lag in unserem Briefkasten. Nach dem eingehenden Studium aller Unterlagen entschied ich mich für die Mayr-Intensiv-Kur mit der Modernen Mayr-Cuisine nach individuellem Diätplan, ärztlichen Kontrollterminen, manuellen Bauchbehandlungen, Bioimpedanzmessung und Kneippanwendungen.

Gemeinsam mit Nadine wälzte ich die Unterlagen und wir entschieden, dass ich meinen Aufenthalt unbedingt mit diesen wohlklingenden Zusatzanwendungen wie einem Body Wrap oder einer Salzmassage ergänzen sollte. Am Ende hatte ich ein hübsches Paket zusammen und freute mich riesig darauf.

Bis auf Nadine erzählte ich niemandem von der Reise, abgesehen natürlich von Justus, Aenne und Simon. Nadine war hin und her gerissen von meinen Plänen: Zum einen fand sie, dass es mir tatsächlich nicht schaden würde, ein paar Pfund abzunehmen. Zum anderen fand sie es unglaublich, so viel Geld fürs Abnehmen auszugeben. Na ja, Nadine, die nur halbtags in der Wollstube arbeitet, hat wohl auch keine Ahnung, wie viel ein Beamter im höheren Dienst verdient. Und außerdem geht’s ja um meine Gesundheit.

Simon und Aenne fanden mein Vorhaben klasse und während der Weihnachtsfeiertage war meine bevorstehende Fastenkur in Igls das Hauptgesprächsthema am Tisch. Überall lagen die Unterlagen verstreut. Auch Justus hatte ich dabei ertappt, wie er gedankenverloren darin blätterte. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er nur: „Such dir aus, was du möchtest, und mach dir keine Gedanken wegen des Geldes. Ich will, dass es dir gut geht.“

In diesem Moment war ich ihm sehr dankbar: Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass er sehr wohl wusste, wie ich mich in meiner Haut fühlte. Ich setzte mich neben ihn, drückte seine Hand und legte meinen Kopf auf seine Schulter. So blieben wir ein Weilchen auf dem Sofa sitzen.


Vierzehn Tage vor der Abreise packte mich der Ehrgeiz. Noch einmal wollte ich mir beweisen, dass ich diese Kur gar nicht nötig hatte. Ich beschloss, schon vorher abzunehmen. Ich stellte mir vor, wie ich vor den Arzt treten würde, der mich ansehen und sagen würde: „Aber Frau Heldenstein. Warum sind Sie eigentlich hier? Sie sind ja ohnehin so schlank.“

Also erprobte ich mich an einem Montag im Januar im Fasten: Ich verzichtete aufs Frühstück und um 11 Uhr knurrte mein Magen so laut, dass die Kunden in meinem kleinen Laden meinten, ein bissiger Wachhund säße unter der Theke. Als Nadine um ein Uhr mit einem Sandwich den Laden betrat, riss ich ihr diesen wortlos aus der Hand und verschlang ihn gierig. Erst als ich Nadine mit schreckgeweiteten Augen vor mir wieder wahrnahm, wurde mir bewusst, was ich gerade getan hatte. Es war mir furchtbar peinlich.

„Oh Gott, oh Gott, oh Gott“, stammelte ich und bat Nadine um Entschuldigung. „Ich weiß nicht, was in mich gefahren ist. Ich dachte, ich komme um vor Hunger. Wie soll das nur in Tirol werden. Ich werde sterben vor Hunger. Ich kann mich nie und nimmer beherrschen. Ich werde den nächsten Supermarkt plündern oder soll ich mir vorsorglich einen Koffer voll Proviant mitnehmen?“

Nadine, die sich von ihrem ersten Schock erholt hatte, schüttelte den Kopf: „Nee, Elli, da musst du jetzt ganz alleine durch.“

Und damit hatte sie wohl Recht.


16.30 Uhr

Bei meiner Ankunft in Innsbruck ist es dämmrig. Das fahle Licht des Januars macht den Sonntagnachmittag schal und grau. Die mächtige Nordkette ist von schweren Wolken verhängt. Meine Stimmung hat sich die Zugfahrt über etwas gebessert.


Ich verlasse den Bahnhof und steure die Taxischlange an. „Grüß Gott. Ins Parkhotel nach Igls, bitte“, murmle ich, nachdem der Fahrer meinen Koffer verstaut hatte. Mit gehobenen Augenbrauen legt er den Gang ein und fährt los: „Gehen Sie zum Fasten?“, fragt er unumwunden. „Das haben Sie doch gar nicht nötig.“ Ich lächle unsicher zurück. Meint er das ernst oder war das der berühmte österreichische Schmäh? Wie auch immer – ich beschließe, nicht weiter nachzubohren, sondern für den Rest der Fahrt zu schweigen. Nervös streiche ich mir meine blonden Haare hinters Ohr.

In flottem Tempo lenkt er den Wagen durch die Stadt. Schon nach fünf Minuten verlassen wir Innsbruck und fahren am Stadion vorbei. In engen Serpentinen windet sich die Straße nach Igls hinauf. Rechts unter mir wird Innsbruck von abendlichen Lichtern erleuchtet. Die futuristisch anmutende Skisprungschanze taucht unvermutet hinter einer Rechtskurve auf. Nach einer Viertelstunde Fahrtzeit erreichen wir das Igler Plateau.


Ich bin neugierig auf das Hotel. Am Ortseingang von Igls entdecke ich am linken Straßenrand ein Parkhotel-Hinweisschild im selben Apfelgrün, das ich bereits von der Internetseite und den Werbematerialien kenne. In der Dunkelheit kann ich das Haus kaum sehen – es scheint sich hinter hohen Bäumen zu verstecken.

Langsam rollt der Wagen in die Einfahrt und hält vor dem hell erleuchteten Foyer. Zuvorkommend kommt ein Page – ganz im Tiroler Chic mit Fleecejacke – heraus und hievt meinen Koffer aus dem Auto. Ich steige aus dem Taxi und wende mich erstaunt zu allen Seiten: Wann hab ich das letzte Mal so viele große und teure Luxuswägen auf einmal gesehen?

Erste Zweifel steigen in mir hoch. Ich blicke an mir herab: schwarze Lederstiefel, eine dicke Strickstrumpfhose aus der neuesten Kollektion „Lucie“, grüner Cordrock und schwarzer Pullover. Nicht unbedingt ein Ensemble, das man als chic bezeichnen würde.

„Normalo-Look“ würde Aenne sagen. Na, nichts Besonderes halt. So bin ich nun mal: nichts Besonderes. Nicht besonders groß, nicht besonders blond, nicht besonders schlank, nicht besonders reich, nicht besonders intelligent, nicht besonders berühmt – eine ganz normale Mittvierzigerin ohne besondere Kennzeichen. Aber dennoch: Ich frage mich noch einmal, bin ich hier wirklich richtig? Justus würde mit seinem dunkelblauen BMW viel besser herpassen als ich. Ich hatte ja nicht einmal ein 1.-Klasse-Bahnticket. Doch mit diesen Gedanken kann ich mich nicht länger aufhalten, ich bezahle den Taxifahrer und folge dem sportlichen Mann, der meinen Koffer ins Hotel trägt, durch die Tür.

Mein Herz pocht. Mein linkes Lid zittert, ein sicheres Anzeichen für Nervosität: „Was, wenn die Atmosphäre steifer ist als meine geschlagene Sahne für die Obsttorte, die Justus so liebt?“


Gerade als ich auf die Rezeption zusteure, rauscht eine Frau an mir vorbei: An ihrem Armgelenk baumeln goldene Klunker, die Louis-Vuitton-Tasche wippt über der Schulter. Ich schlucke erneut, doch ich gebe mir einen Schubs: „Elisabeth, du wolltest es so und nun mach das Beste draus“, schwirrt es mir durch den Kopf. Ich höre meine Absätze über den hellen Marmorboden klappern. Auf der linken Seite des Eingangs ist ein kleiner Hotel-Shop. Sonntagabend ist er jedoch dunkel – nicht die richtige Zeit für Einkäufe. Rechts entdecke ich gemütliche Ledersofas, auf allen Tischen blühen Orchideen und sogar ein eindrucksvoller, echter Baum streckt seine grünen Blätter in die Lobby.

Ich trete an die Rezeption und warte geduldig. Außer der Dame – die offensichtlich nicht das erste Mal hier ist – scheint es ruhig zu sein an diesem Sonntagabend. Möglichst unauffällig mustere ich sie von der Seite: Sie ist teuer gekleidet und forsch im Auftritt. Endlich hat sie ihren Therapieplan in Händen und wendet sich ab. Erwartungsvoll lächle ich der jungen Frau an der Rezeption zu und tatsächlich – ich werde schon erwartet.

Mit einem freundlichen Händedruck und einem herzlichen „Guten Abend, Frau Heldenstein“ werde ich von Monika empfangen. Mein Koffer steht bereit. Alex, der freundliche Kofferträger, wartet auf Anweisungen.

Ich erhalte eine dicke Mappe mit meinem vorläufigen Therapieplan, der alle bereits gebuchten Termine für die nächsten Wochen enthält. Sie erklärt mir geduldig und ohne Hektik, was ich für den Moment und für die erste Nacht wissen muss und lädt mich zum anschließenden Begrüßungscocktail samt Hausführung ein. Ich nehme dankend an. Warum eigentlich nicht?


Alex geleitet mich zum modernen Lift und weiter in das vierte Stockwerk, das im Zuge des Umbaus 2009 neu hinzugekommen ist. Die im sanften Grün gestrichenen Wände zieren wunderbare Fotografien und von Lindenblüten umrankte Zimmernummern neben den Türen.

Das Zimmer ist schlicht, puristisch und modern. Direkt unter dem Dach fühle ich mich auf Anhieb wohl – wie in einem kuscheligen Adlerhorst mit überwältigendem Blick auf die Nordkette. Doch die allerschönste Erkenntnis für mich: Das Zimmer gehört mir ganz allein. Mein Reich für die nächsten vierzehn Tage und keiner, der mich stört. Das Einzelbett ist breiter als gedacht, die schlichten Möbel sind modern, ohne kühl zu wirken, der Schrank hat eine integrierte Innenbeleuchtung und das großzügige Bad mit Badewanne und Dusche ist mit edlem graugrünen Splügengranit ausgestattet.

In diesem Zimmer werde ich also in den nächsten vierzehn Tagen den Abstand bekommen, den ich mir gewünscht habe. Während ich mich umsehe, hat Alex meinen Koffer auf die Ablage gehievt. Ich drücke ihm Trinkgeld in die Hand und er verabschiedet sich freundlich.

Bevor ich wieder nach unten gehe, mache ich mich im Bad zurecht. Hier erinnern ein paar unverkennbare Utensilien an den Grund meines Aufenthalts: Eine rote Wärmflasche liegt bereit, daneben ein Stofftuch, ein kleines Handtuch. Auf dem Bidet im WC nebenan liegt ein großes Stück Honigseife.

Argwöhnisch sehe ich mich um. „Wird schon alles gut gehen.“ Ich streiche mir die Haare zurecht, taste über meinen Bauch und bin mir sicher: Hier bin ich richtig.


18.00 Uhr

An dem Rundgang durchs Hotel, der von der netten Hoteldirektorin geführt wird, nehmen sechs Frauen und ein Paar teil: Ich atme erleichtert auf. Überrascht stelle ich fest, dass die meisten alleine hier sind und dass es sich beim Großteil der Gäste um Frauen ab fünfzig handelt.

Ich werde nicht alleine im Restaurant sitzen und Löcher in die Luft starren. Dennoch habe ich ein mulmiges Gefühl. Gibt es Schlimmeres, als alleine essen zu gehen? Ich finde nicht: Man hat beständig das Gefühl, angestarrt zu werden. Weiß nicht, wird man beobachtet oder soll man beobachten. Kaum traut man sich den Kopf zu heben, ruht schon der nächste Blick auf einem. Unangenehm!

Doch die freundliche Hoteldirektorin lässt uns keine Zeit für derartige Überlegungen. Sie führt uns durch das Haus, zeigt dort und erklärt hier. Trotz des vorgeführten Luxus scheint die Atmosphäre entspannt. Das völlig neu renovierte Hotel ist nicht überladen. Unterschiedliche Stilrichtungen und Epochen gehen eine anmutige Symbiose ein. Die Bibliothek wird durch einen prachtvollen Holzparavent abgetrennt, Klavier und Billardtisch sorgen für eine lockere Wohlfühl-Atmosphäre. Das Feuer knistert an diesem Winterabend im Kamin, an der Teebar stehen die Tassen und Kannen zur freien Entnahme bereit. Das Haus ist nostalgisch und hochmodern zugleich: die lichte Fassade und die dunklen Bäume im Park, die ruhige Atmosphäre in der Lobby, der aquamarinfarbene Pool mit Blick auf den verschneiten Garten. Alles wirkt einladend und stilvoll.

Auch die Teilnehmer des Rundganges sind leger und höflich – allesamt im „Normalo-Look“. Vielleicht war die Dame in Louis Vuitton auch nur eine Ausnahme. Ich falle nicht weiter auf.

Dass ich allerdings nicht auf dem neuesten Stand der Dinge bin, erfahre ich schon bei der Hausführung: Es werden Pilates und Kybun angeboten. Unwissend, ob es sich um eine Algensuppe oder eine asiatische Kampfsportart handelt, lächle ich einfach freundlich und nicke wissend – bloß nichts anmerken lassen.

Wenn mich Justus so sehen würde. Er würde wohl nur seufzen und sich wünschen, dass seine Elli ihm eine Tasse Kaffee und seine Zeitung reicht und an seiner Seite darauf wartet, bis er sie zu Ende gelesen hat.


18.45 Uhr

Ich hingegen sitze nach dem Rundgang in dem hell erleuchteten Restaurant und genieße mein letztes Abendmahl. Es schmeckt vorzüglich: Die Ruccola-Suppe ist schaumig, weich und warm. Das Rehragout wird von einem Potpourri aus feinstem Frühlingsgemüse begleitet. Die ältere Dame neben mir kaut derweilen am Knäckebrot. Fast beschämt stecke ich mir die vollgeladene Gabel in den Mund. Auch wenn die Portion mich eher an einen Kinderteller erinnert, lasse ich es mir schmecken. Während ich Vor- und Hauptspeise zu mir nehme, wird mir klar: Hier brauche ich mich weder einsam noch beobachtet fühlen. Die Dame neben mir bleibt nicht lange alleine, bald schon entspinnt sich ein Gespräch von Tisch zu Tisch. Die Kellnerin wünscht verschmitzt einen „guten Appetit“ und stellt einem älteren Paar eine Kanne Tee und zwei Scheiben Brot auf den Tisch. Entspannt lehne ich mich zurück. Niemand starrt mich an. Ich komme mir weder komisch noch einsam vor. Freundlich nickt mir meine Tischnachbarin zu. Hier in diesem Raum sollen also meine Essgewohnheiten nachhaltig verändert werden. Vorstellbar wäre das – die Atmosphäre ist gut. Ich fühle mich wohl. Noch bin ich ja satt.

Mit einem beruhigten Gefühl im Bauch verlasse ich den Speisesaal und bin gespannt auf den Vortrag, nur einen Raum weiter.


20.30 Uhr

Der medizinische Vortrag wird von Dr. Kogelnig gehalten und gleicht einem Wirbelsturm: Er referiert darüber, wie der Mensch gesund altern kann. Wie wir alle unsere Potenziale und die Gaben, die in uns angelegt sind, am besten nutzen können. Als ich nach oben in mein Zimmer schlendere, geht mir ein Satz durch den Kopf: „Die meisten Menschen leben unter ihren Möglichkeiten.“

Ich fühle mich angesprochen. Ja, so ist es. Ich nutze schon lange nicht mehr meine Potenziale. Ich lebe vor mich hin, ohne tatsächlich die Intensität des Lebens zu spüren. Ich bin abgestumpft – eine Frau im mittleren Alter. Nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Ich muss mich erneut auf die Suche nach mir machen.


Im Erdgeschoss direkt neben der Treppe stehen die Gläser mit Bittersalz aufgereiht. Was bleibt mir anderes übrig? Bestimmt sind die Gläser abgezählt und eines davon ist definitiv das meine.

Nach einer ausgiebigen Dusche kuschle ich mich in mein Bett und studiere alle Unterlagen: Oh Gott, ich bin heillos überfordert. Auf meinem Therapieplan steht TM mit Markus sowie eine Vielzahl sonderbarer Kürzel wie EU, DBR, INF MED, WRAP.


21.30 Uhr

Bevor ich das Licht ausmache, schalte ich noch mein Handy ein. Ich schreibe Justus eine SMS: „Bin gut angekommen. Hotel ist sehr schön. Ich vermisse dich.“

Justus meldet sich nicht. Er sitzt wohl an unserem Esstisch und kaut ein trockenes Stück Brot. Ob er wohl auch abnehmen wird während meiner Abwesenheit? Ich knipse das Licht aus. Das Abenteuer F. X. Mayr beginnt.


Meine Fasten-Erkenntnis:

Ich will nicht mehr unter meinen Möglichkeiten leben.


Mein Ziel für zu Hause:

Kleinere Portionen auf den Teller – macht auch satt.


Mein Highlight des Tages:

Die richtige Entscheidung getroffen zu haben.





Tag 2 – Montag, 28. Januar


Gewicht: 72,3 Kilogramm, davon 21 Kilogramm Fett

Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 1: 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Milch zum Frühstück, 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Milch zu Mittag, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben

Bewegung: 1 Stunde Spaziergang am Igler Plateau, 1 Stunde Pilates


5.45 Uhr

Eine unruhige Nacht liegt hinter mir, die Aufregung vor dem ersten Fastentag raubte mir die Nachtruhe. Ich weiß nicht, was nun mit mir und meinem Körper passieren wird. Will ich tatsächlich abnehmen? Haben die überflüssigen Pfunde auf meinen Hüften und an meinen Oberschenkeln nicht ihre Bedeutung, ja, sogar ihre Berechtigung?

Das Wochenprogramm gibt vor, dass ich um 6.45 Uhr mein Glas Bittersalz trinken soll. Doch es ist erst 5.45 Uhr, vor dem Fenster ist es stockdunkel. Ich kann kein Auge mehr zumachen. Benommen tapse ich ins Bad. Ah, da steht es ja, das Glas mit dem hübschen Deckel aus Pappe mit der Aufschrift „bitter“. Ich fülle das Glas mit Wasser auf und leere es in kleinen Schlucken. Der Viertelliter trinkt sich leichter als gedacht. Schmeckt zwar nicht wie Champagner, aber wer weiß, wie übel der auf nüchternen Magen wirken würde. Der Geschmack ist erträglich. Mal sehen, wie sich die Wirkung anlässt.


7.00 Uhr

Im Schutz meines warmen Bettes kreisen die Gedanken um meinen Körper. Eigentlich sollte ich mich nicht mehr hinlegen, aber noch ist mir nicht zum Aufstehen zumute. Ich lege die Hände auf meinen gewölbten Bauch, ertaste die kleinen Ringe an meinen Hüften. Wie nannte Justus diese Speckröllchen im letzten Urlaub: „Love Handles“. Nach unserer Rückkehr musste ich erst in Simons Schullexikon nachschlagen, was damit gemeint war: „Rettungsringe“ stand da. Ich war erleichtert und auch wieder nicht – im ersten Moment hatte ich gedacht, dass man „Love Handles“ beim Sex benützen würde, um sich besser festhalten zu können. Wobei? Beim Schaukeln? Unwirsch drehe ich mich zur Seite – Sex am Morgen oder auch nur der Gedanke daran waren noch nie mein Ding. Doch ich bin ja alleine – also keine Gefahr in Verzug.

Ich widme mich wieder meiner Ursachenforschung: Ist meine Fettschicht ein Schutzschild vor der Außenwelt? Kann ich mich nicht bestens dahinter verstecken? Ist Essen nicht an vielen Tagen die einzig schöne Unterbrechung meines sonst so leeren Alltags?

Die Gedankenmaschinerie setzt sich in Gang: Ja, immer wenn ich frisch verliebt war, hatte ich eine Traumfigur. Als ich Justus kennen lernte, konnte ich tagelang nichts essen. Wir lebten von Luft und Liebe und strahlten das auch aus. Wir waren jung und aktiv. Denke ich an diese wunderbare Zeit zurück, sehe ich uns lachend Hand in Hand über blühende Wiesen wandern oder im Zug nach Italien sitzend, voll Vorfreude auf unseren ersten Cappuccino am Markusplatz in Venedig. Dieses Lachen, diese Unbeschwertheit scheinen ewig her zu sein. Dabei liegen zwischen dem Damals und dem Jetzt nicht einmal zwanzig Jahre.

Ich aber liege im Bett – am frühen Morgen, alleine, mollig, warm, beleibt. Bin ich überhaupt bereit, das alles aufzugeben? Bin ich stark genug, auch wenn ich fünf Kilo weniger wiege? Wovor schütze ich mich? Und warum gibt es nichts Schönes in meinem Leben außer essen?

Im gestrigen Vortrag habe ich erfahren, dass Essen ein wahres Serotonin-Feuerwerk im Körper verursacht. Tausende von Glückshormonen werden ausgeschüttet – dem Körper geht es gut. Mein täglicher Angriff auf Süßigkeiten – auch nur die tiefe Sehnsucht, glücklich zu sein? Mit dem Serotonin-Feuerwerk ist es im Übrigen vorbei, sobald ein Völlegefühl auftritt.

Der kluge österreichische Arzt aus der Steiermark, Franz Xaver Mayr, stellte schon vor über sechzig Jahren die These auf, dass man nie bis zum Eintreten des Völlegefühls weiteressen sollte. Er schwor darauf, leicht hungrig vom Tisch aufzustehen. Der Körper – so Dr. Kogelnig gestern Abend – braucht täglich eine zwölfstündige Fastenpause.

Wer sich also um 8 Uhr abends noch ein Paar Wiener Würstchen und einen Erdbeer-Sahne-Joghurt einverleibt und, weil’s so schön ist, den Schokoriegel zum Tatort mit aufs Sofa nimmt (und nicht nur nimmt, sondern auch isst), der hat diese Fastenpause schon versemmelt.

Apropos Semmel: Heute Morgen werde ich also meine erste Dinkelsemmel zu mir nehmen und dazu – nach dreißigmaligem Kauen – ein Löffelchen frischer Tiroler Alpenmilch sippeln. Jahrelang versuchte ich meinen Kindern abzugewöhnen, die Suppe zu schlürfen, nun würde ich also in einem Restaurant sitzen, die weiße Stoffserviette auf dem Schoß und Milch sippeln.

Während ich noch halb beängstigt, halb belustigt dem ersten Fastentag entgegenschaue, dringen aus meinem Bauch heftige Geräusche durch die Bettdecke: Das Bitterwasser tut seine Wirkung. Also nichts wie auf die Toilette.



8.00 Uhr

Ich bringe es nicht übers Herz, mein Zimmer mit Hotelschlappen und Bademantel zu verlassen. Also hab ich mich nach dem Toilettengang und einer ausgiebigen Dusche vollständig angekleidet. So sitze ich nun mit Rock, Strumpfhose, Pullover und Straßenschuhen im medizinischen Bereich im Erdgeschoss und warte auf meine Erstuntersuchung. Ein bisschen nervös – was, wenn das Bittersalz gleich wieder meinen Darm in Bewegung versetzt? Ein bisschen auffällig – ich bin die Einzige, die keinen Hotelbademantel trägt.

Ich studiere noch einmal meinen Therapieplan: BARTH wird eine EU durchführen. Was mich da wohl erwartet? Alle anderen Gäste scheinen bereits sehr viel routinierter zu sein als ich. Nur eine Frau, die gestern Abend auch am Hotelrundgang teilgenommen hat, steht ebenso verloren im Gang und hat sich in ihren Therapieplan vertieft. Allerdings bereits in der Einheitsuniform des Hotelbademantels. Ich beginne langsam zu schwitzen: Der Rollkragenpullover war wohl doch ein bisschen übertrieben. Ich überlege, ob ich noch einmal kurz in mein Zimmer gehen könnte, um mich umzuziehen, und schiele auf die Uhr, die der Mann neben mir am Armgelenk trägt. Da öffnet sich eine Tür und ein gut aussehender Mann schaut fragend in die Runde: „Frau Heldenstein?“

„Ja, ich bin das“, antworte ich zögernd und springe aus dem Stuhl hoch. Ein bisschen übertrieben vielleicht, aber das freundliche „Guten Morgen“ von Dr. Barth holt mich wieder auf den Marmorboden zurück.

Die Untersuchung dauert nicht lange, ist weder schmerzvoll noch unangenehm: Dr. Barth begutachtet meine Augen, die Zunge, die Form des Bauches und misst meinen Blutdruck. „120 zu 80“, verkündet er und ergänzt: „Wie im Bilderbuch.“

Na, wenn das kein guter Anfang ist? Das dicke Ende kommt gleich hinterher, obwohl ich mit zahlreichen Ausflüchten – „Oh, die Nordkette im Sonnenlicht“, „Oh, Sie stammen aus Salzburg, wunderschöne Stadt“, „Ach, Sie haben zwei Söhne?“ – versucht habe, den Weg auf die Waage zu umgehen, komme ich nicht drum rum. Und sie zeigt sich gnadenlos: 72,3 Kilogramm.

Meine Güte – so viele Elche waren das doch gar nicht? Dr. Barth versucht mich zu beruhigen, indem er darauf hinweist, dass unsere Welt viel zu sehr auf Äußerlichkeiten fixiert ist. Ich lächle ihn müde an: bei 72,3 Kilogramm kann ich nur noch auf Äußerlichkeiten fixiert sein.

Und dementsprechend sehen auch meine Diätpläne aus: zwei Tage klassische F.-X.-Mayr-Diät Kurstufe 1, danach drei Tage Kurstufe 2, weitere drei Tage Kurstufe 3 und bis zum Ende des Aufenthalts dann Ergänzung durch Trennkostdiät.

225 bis 500 Kalorien werde ich die ersten Tage zu mir nehmen. Das entspricht ungefähr der Anzahl an Kalorien, die ich üblicherweise während eines normalen Frühstücks konsumiere. Dazu gibt es dreimal täglich Legalman-Tropfen zur Entgiftung sowie Basenpulver und Basen-Infusionen.

Mit wackeligen Knien und schweißnassen Händen verabschiede ich mich von Dr. Barth: Er hat’s ja gut gemeint. Wirkung verfehlt!


Mir wird schwummrig vor den Augen. Doch es bleibt mir nicht viel Zeit, an der medizinischen Rezeption erhalte ich von Maria einen neuen Therapieplan mit allen besprochenen Details. Und nun haben wir es schwarz auf weiß: Bewegung, Sport, Massagen und Anwendungen werden meine Tage hier in Igls füllen.

Als Nächstes erwartet mich bereits Silvia zur TM, eine von den acht Masseuren und Masseurinnen, die Hotelgäste mit entgiftenden und ausleitenden Massagen während ihres Aufenthalts verwöhnen. Silvia ist eine resche Person und sie hat sich anscheinend fest vorgenommen, mich im Rahmen dieser ersten Teilmassage so richtig zu quälen. Dabei scheint sie ganz offensichtlich auch ganz genau zu wissen, wo es bei mir hapert.

Sie verpasst mir eine Abreibung, die sich gewaschen hat. Auf dem Bauch liegend, das Gesicht in ein kleines Kissen gesteckt, bin ich einer Gegenwehr nicht fähig. Ich lasse sie rubbeln und beiße die Zähne zusammen.

„Halten das denn eigentlich alle aus?“, frage ich sie zähneknirschend, während sie meine Rückseite mit einem Sisal-Handschuh bearbeitet.

„Natürlich“, antwortet Silvia lachend. „Wir müssen doch die Durchblutung anregen. Mann, Sie sind ja kalt wie ein Kühlschrank.“

„Ist meine Haut denn nicht so rot, wie sie sich anfühlt“, flüstere ich weiter. Meine Waden werden geschrubbt wie Großmutters alter Holzdielenboden.

„Keine Spur von rot“, erklärt mir Silvia. „In Ihren Beinen ist echt tote Hose.“

Ich schlucke. Woher weiß Silvia von der toten Hose in meinen Beinen. Dass ich schon lange keine Lust mehr auf Sex habe, liegt doch nicht an meinen eiskalten Füßen. Männer sind doch dazu da, ihren Frauen die eiskalten Füße zu wärmen. Oder etwa nicht?

Justus und mein Sexleben sind irgendwann zwischen der 78. und 131. Folge von Tatort eingeschlafen. Hat er Lust, fühle ich mich gestresst. Beginne ich an seinem Körper zu knabbern und hinterm Ohr zu küssen, wendet er sich meist stöhnend ab und erklärt mir, dass er diesen einen Bericht unbedingt heute Abend noch fertiglesen muss. Später, später könnten wir dann drüber reden. Später habe ich meistens noch ein Stück Schokolade eingeworfen und träume von meiner Wunschfigur.

„Ach Justus, wann geht’s bei uns eigentlich mal wieder so richtig ab“, murmle ich ins Kissen.

„Na, vielleicht schon bald“, reißt mich Silvia aus meinen Träumereien. „Für heute sind wir aber erstmal fertig.“


Langsam ziehe ich mich wieder vollständig an und ignoriere einfach das verschmitzte Grinsen von Silvia. Kann ja sein, dass ich ein bisschen verklemmt bin. So bin ich nun mal.

Wieder zurück im hellen Foyer der medizinischen Abteilung, die sich inzwischen mit noch mehr Bademänteln und weißen Schlappen tragenden Hotelgästen gefüllt hat, komme ich mir immer blöder vor. Ich sehe aus wie die Hausdame: die trägt auch Kleidung und Straßenschuhe. Gleich fragt mich ein Hotelgast, wo hier die Toilette ist. Also nichts wie weg hier.

Mein Therapieplan gibt vor, dass ich mich nun ins Labor zur Untersuchung begeben soll. Die sympathische Brigitte erwartet mich: Ich soll mich entkleiden. Na, ganz was Neues! Zum dritten Mal innerhalb von einer Stunde schäle ich mich aus Strumpfhose, Rock und Pullover.

Dann werde ich verkabelt: Brigitte knipst mir am rechten Fuß und an der rechten Hand vier Elektroden an und hat in Sekundenschnelle ein lupenreines Ergebnis auf dem Bildschirm.

Und ich erhalte die nächste Abreibung: von den 72,3 Kilogramm meines Körpergewichtes sind 21 Kilogramm Fett. Der BMI – der Body-Mass-Index – liegt an der oberen Grenze, meine Wassereinlagerungen haben die Normwerte längst überschritten.

Mir wird schwindelig, ich halte mich mit beiden Händen an der Theke fest. Brigitte lächelt mich an: „Alles halb so schlimm. Das wird schon wieder. Die Welt ist viel zu sehr auf Äußerlichkeiten fixiert“, meint sie und nickt mir dabei freundlich zu. „Ich danke Ihnen für Ihr Mitgefühl“, hauche ich erschöpft und habe das merkwürdige Gefühl, diesen Satz heute schon einmal gehört zu haben.

Jetzt würde ich zuallererst einen Drink brauchen.


9.30 Uhr

Serviert bekomme ich von der netten Jasmine im ebenso netten Dirndlkleid eine zwei Tage alte Dinkel-Semmel und ein Kännchen lauwarmer Milch. Beinahe kommen mir die Tränen. Der Brei in meinem Mund wird immer mehr. Er nimmt einen Umfang an, dass ich ihn kaum noch im Mund behalten kann. Was, wenn ich ihn einfach ausspucke und mein Frühstück sich in einer Flut von lauwarmer Milch mit Dinkelbröckchen über das rosafarbene Tischtuch ergießt?

Nichts dergleichen passiert. Ich kaue tapfer weiter – zum Glück befindet sich niemand im Speisesaal. In mir steigt ein kleines bisschen Wut auf: Bin ich eigentlich verrückt, mir das hier alles anzutun? Und dann auch noch freiwillig? Wer kann mir vorschreiben, dass ich jeden Bissen dreißig Mal kauen soll? Der alte Mayr ist doch schon längst hinüber. Seine Semmeln und sein Milch-Gesippel haben ihn auch nicht davor gerettet, über den Jordan zu gehen. Löffelchenweise soll ich die Milch zu mir nehmen. Paaah! In einer arg revolutionären Haltung trinke ich frech aus der Tasse anstatt zu löffeln.

In der halben Stunde, die fürs Essen vorgesehen ist, schaffe ich knapp ein halbes Brötchen und eine halbe Tasse Milch. Mir ist der Appetit vergangen. Müsste ich jeden Tag so essen, wäre ich gertenschlank. So macht Essen keinen Spaß. Wo bleibt die Sinnlichkeit? Wo der Genuss? Schon beginne ich mich selbst zu bemitleiden. Und wo bitte schön bleibt das Serotonin-Feuerwerk?

Wer hätte gedacht, dass mich Fasten so wütend macht? Reagiere ich so, wenn ich nicht bekomme, was ich will? Anstatt mich auf das Abenteuer einzulassen, beginne ich in eine Trotzhaltung zu verfallen.


11.30 Uhr

Missmutig schlurfe ich aus dem Speisesaal. Heute stehen keine Termine mehr an. Ich überlege kurz, ob ich Justus anrufen soll. Ihn fragen, wie es ihm geht. Was er gestern zu Abend gegessen hat. Doch mein Handy am Zimmer zeigt deutlich, dass bisher noch keiner nach mir verlangt hat, keiner scheint mich zu brauchen oder gar zu vermissen.

Es ist halb elf Uhr morgens und die Sonne scheint vom Himmel. Ich entscheide mich für einen ausgiebigen Spaziergang, ziehe mir meinen dicken Mantel über und verlasse das Hotel in Richtung Lanser See. Das Igler Plateau entpuppt sich als wunderbares Naturparadies mit gigantischem Blick in die Berge. Während ich durch das Viller Moor marschiere, hebt sich auch meine Stimmung wieder: Ich fühle mich glücklich und entscheide, weiter bis zum Lanser See zu wandern und erreiche sogar den Seerosenweiher. Eine dicke Eisschicht hat das Schilf unbeweglich gemacht. Die Januarsonne zaubert einen mystischen Schimmer auf die Oberfläche. Alles ist ruhig. Ich spüre meinen Atem und kann endlich wieder lächeln.

Auf dem Rückweg ziept meine Wade verdächtig: Leide ich etwa schon nach einem halben Tag an Magnesiummangel? Ein bisschen schwummrig ist mir im Kopf. Der Wind? Der Hunger? Mein Körper scheint mehr zu wissen als ich.

Ein älterer Mann mit Hut und Gamsbart bleibt stehen, grüßt mich und weist mich darauf hin, dass ich einen wirklich unpraktischen Mantel trage. Ich nicke und sehe zu, dass ich zurück ins Hotel komme. Die ersten fastenbedingten Wahnvorstellungen scheinen sich einzustellen.


14.00 Uhr

Ich bin definitiv noch keine routinierte Fastenfrau. Während alle anderen Gäste im Einklang von Anwendung zu Anwendung schweben, scheine ich aus dem Rhythmus. Um mehr als eine Stunde verspätet tauche ich im Restaurant auf.

Aber in der Küche macht das keine Probleme: Mein Dinkelbrötchen liegt für mich bereit. Hm, diesmal bleibt die Wut aus.

Ich kaue und versuche zu genießen oder wie F. X. Mayr es beschreibt: den Eigengeschmack der Lebensmittel zu erschmecken. Anstatt des halben esse ich das ganze Brötchen auf und löffle Tiroler Joghurt dazu. Der Ergebnis ist besser: kein Würgereiz, kein Trotz.

Randsatt erhebe ich mich, wohl wissend, dass F. X. Mayr vorschreibt, man solle beim ersten Sättigungsgefühl mit dem Essen aufhören. „Mein lieber Mayr. Die Vorstellung, nun siebzehn Stunden fast nichts zu essen, macht mir ungeheuer Angst. Ich hoffe, Sie verstehen.“


15.00 Uhr

Heute Nachmittag nehme ich am Pilates-Kurs teil. Auf den Spuren meiner schlanken Tochter Aenne sozusagen. Hochmotiviert steige ich in den Lift in Richtung Keller. Hanni hat bereits die Matten im Gymnastikraum ausgelegt.

Wir sind zu dritt, ich bin mit Abstand die Jüngste, aber nicht unbedingt die Sportlichste oder gar Schlankste. Macht aber nix, den Schneidersitz krieg ich hin. Doch dann geht’s los – furchtbar komplizierte Namen haben die Übungen: einen Table Top machen wir, einen Cat Stretch, einen Leg Curl und einen Hundred. Das sind einhundert kleine Sit-ups. Klar, warum bin ich nicht früher draufgekommen, einfach mal so zwischendurch hundert kleine Sit-ups zu machen? Verzweifelt blicke ich um mich: Den anderen scheint’s nicht besser zu gehen. Dann erklärt uns Hanni noch die richtige Atemtechnik.

Beim Einatmen soll ich den Brustkorb zur Seite ausdehnen, beim Ausatmen den Beckenbodenmuskel anspannen, den Nabel in Richtung Wirbelsäule fallen lassen und dann den Reißverschluss von unten nach oben zuziehen, als ob ich in einem Korsett stecken würde.

Ich atme, dehne und schwitze vor mich hin. Die Dame neben mir auf der Matte jammert immerzu über ihre Steifheit. Wenn sie den Mund halten würde, ginge es bestimmt leichter, denke ich schon wieder arg trotzig. Aber ich atme zur Seite und ziehe den Reißverschluss hoch. Atme zur Seite, ziehe den Reißverschluss zu. Atme zur Seite, ziehe den Reißverschluss zu. Na bitte, geht doch.

Kein Wunder, dass meine Tochter so gelenkig ist und dabei auch noch so gut aussieht. Dieser Pilates wusste schon, was er tat: Ein bisschen Yoga hier, ein bisschen Atmen da und schon hat man den Traumkörper perfekt. Und schon geht der Reißverschluss zu, auch an den Jeans!


18.30 Uhr

Die Zeit bis zum Abendessen verbringe ich im Bett, glücklich über die Bewegung heute Nachmittag. Glücklich, immer noch nicht vor Hunger umgekommen zu sein. Glücklich hier zu sein.

Justus hat mir eine SMS zurückgeschrieben: „Vermisse dich auch. Kuss, J.“

Ich freu mich ein bisschen drüber. Vielleicht war der Abschiedsschmerz doch größer? Vielleicht hab ich in meiner fürsorglichen Art einfach mal wieder übertrieben?

Ich gönne mir zwei Stündchen Zeit für einen Leberwickel und blättere in den Hotelunterlagen. So ein Montagnachmittag lässt sich aushalten.

Vor dem Abendessen kommt noch mein großer Moment. Ich habe eine Jeans eingepackt, die ich seit mehr als fünfzehn Jahren nicht mehr tragen kann. Sie stammt aus meiner „Lisa-Zeit“. Während meines Studiums hatten mich alle Lisa genannt, Elli kam erst, als ich verheiratet war, Mutter und irgendwie spießig wurde. Elli war eindeutig spießig. Bedächtig hole ich das alte Ding aus meinem Koffer. „Mal sehen“, denke ich. „Wie weit der Reißverschluss wohl zugeht?“ Bedächtig steige ich in die Jeans, ziehe sie erwartungsfroh über die Knie. Und das war’s dann auch: Rund zehn Zentimeter über den Knien ist Schluss. Verzweifelt betrachte ich mich in dem großen Spiegel. Ich habe mich eindeutig selbst überschätzt. Missmutig steige ich wieder aus den Jeans und knülle sie zusammen, um sie im hintersten Eck des beleuchteten Schranks zu verstecken.


Das Abendessen besteht aus zwei kleinen harten Knäckebrotscheiben und einem Kännchen Tee mit etwas Orangensaft. Ich bemerke, das Fasten tut mir gut. Ich hab keinerlei Beschwerden, hatte den ganzen Tag keinen Hunger und meine Laune hat sich gebessert. Obwohl ich das Gefühl habe, in einen „geschützten“ Bereich eingekehrt zu sein. Die Atmosphäre hier im Hotel ist unglaublich entspannt: Die nette Hoteldirektorin huscht durch die Gänge und Hallen, plaudert hier, erklärt dort. Diese gute Laune überträgt sich scheinbar auf alle Mitarbeiter. Bisher bin ich noch niemandem begegnet, den ich nicht sympathisch gefunden hätte.

„Heute könnte ich Ihnen Eisenkrauttee zum Abendessen anbieten“, reißt mich die Kellnerin aus meinen Gedanken. Doch sie fragt nicht mich, sondern meinen Tischnachbarn, der mit seiner Ehefrau Platz genommen hat und mir nun freundlich grüßend zunickt.

„Eisenkraut?“, fragt er nach. „Ja, Eisenkraut ist gut. Schmeckt eh alles gleich.“ Schmunzelnd nippe ich an meiner Tasse. Nachdem ich zwanzig Minuten an meinem Abendessen geknabbert habe, schiebe ich den Teller von mir weg.

„Na, haben Sie Ihr opulentes Mahl beendet?“, will mein Tischnachbar von mir wissen. Seine Frau strahlt mich an.

„Ja, unglaublich. Zu Hause hätte ich diese Portion wohl nebenbei und ohne es zu merken, gegessen“, lache ich zurück.

Ich erfahre, dass das Ehepaar bereits zum sechsten Mal nach Igls kommt, immer im Winter für zwei Wochen. Worauf der liebenswürdige Mann darauf besteht, dass er das eigentlich nicht nötig hätte. „Aber die Frauen“, nickt er mit einem Augenzwinkern. „Die müssen von Natur aus mehr entgiften.“


21.30 Uhr

Licht aus! Gute Nacht, F. X. Mayr! Gute Nacht, Justus!


Mein Highlight des Tages:

Keinen Hunger zu verspüren.


Meine Fasten-Erkenntnis:

Mein Körper braucht weniger als gedacht.


Mein Ziel für zu Hause:

Wöchentlich einen Fastentag einzulegen. Das kann doch nicht so schwer sein. Oder?





Tag 3 – Dienstag, 29. Januar


Gewicht: 72,1 Kilogramm

Ernährung: 1 Glas Bittersalz, F.-X.-Mayr-Kurstufe 1: 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt zum Frühstück, 1 Dinkelbrötchen + 200 ml Joghurt zu Mittag, 2,5 Tassen Gemüsebrühe, 2 Scheiben Dinkelknäckebrot, Tee nach Belieben

Bewegung: 1 Stunde Kybun-Personal-Training, 1 Stunde Spaziergang

Zeitung: Süddeutsche Zeitung


6.30 Uhr

„Ich bin ein Wunder der Schöpfung.“ Jawohl, so bezeichnete Dr. Barth den menschlichen Körper gestern nach dem Abendessen in seinem Vortrag „Der kluge Bauch – das zweite Gehirn“. Obwohl mir die Augen vor Müdigkeit tränten und meine Blase vehement nach Entleerung rief, blieb ich eisern sitzen. Und ich musste erneut feststellen: Ich habe keine Ahnung von der Welt, von meinem Körper, von all den wichtigen Dingen, die in der Zeitung stehen.



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