Excerpt for Das Rätsel Mensch by Osman Nuri Topbas, available in its entirety at Smashwords

Aus den Garten des Mathnawī

DAS RÄTSEL MENSCH

by Osman NuriTopbas

Published by Erkam Publications at Smashwords

Copyright 2012, Osman NuriTopbas

Smashwords Edition, License Notes



All rights reserved. No part of this publication may be reproduced, stored in a retrieval system, or transmitted in any form or by any means, electronic, mechanical, photocopying, recording or otherwise, without the prior permission of the copyright owner.



E-mail:english@islamicpublishing.net

Web site: http://www.islamicpublishing.net

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

Vorwort

Das Rätsel Mensch

Sei wie der Regen! Versprühe Segen!

Die Erziehung der Generationen

Die mangelhafte Verwendung der Mittel

Das Herz zu den heiligen Stätten tragen

Bevor die Zeit vergeht, bevor die Sonne untergeht

Sich mit der Reue beeilen

Die Undankbarkeit des Menschen

Der Dolch der Zunge: Die üble Nachrede

Die Wichtigkeit aufrichtigen guten Rates

Das Geheimnis des Bittgebets

Nicht Hetzen

Habsucht

Hunger

Gerechtigkeit und Unrecht

Liebe und Schmerz

Über Allāh sprechen

Verstand und Nachdenken

Ignoranz

Kummer, Trost und Geduld

Freundschaft

Das Diesseits

Rechtes Benehmen

Die Notwendigkeıt der Unterschiede

Das Herz

Sünde und Reue

Seine Grenzen erkennen

Die Freunde Allāhs

Die Wahrheit sehen

Rechtmäßiger Erwerb

Aufrichtigkeit und Gottesdienst

Wissen und Erkenntnis

Glaube

Die Wirklichkeit des Menschen

Seine Aufgabe richtig erfüllen

Genügsamkeıt und Gier

Charakter und Begabung

Dienerschaft und Gotteserkenntnis

Spiritueller Aufstieg

Die Begierden des Egos

Vorbereitung auf den Tod

Seine Zeit sinnvoll nutzen

Wiedergabe und Umschrift des Arabischen

EINLEITUNG

Der ehrwürdige Maulānā Jalāl al-Dīn Rūmī – möge sein Geheimnis gesegnet sein – beschreibt sein Leben voller leidenschaftlicher Liebe, Verzückung und Versenkung mit drei Worten als drei Phasen:

Ich war roh, ich wurde gar, ich entflammte!

Die Phase vor der Erfahrung des Geschmacks der Nähe zu Allāh, dem Allwahren [al-Ḥaqq] beschreibt er mit den Worten „Ich war roh“, die Phase, in der er die gottgegebene Verzückung erlangte, mit „Ich wurde gar“ und die Phase, in der sich ihm die Manifestationen der Geheimnisse der Schöpfung wie ein Buch eröffneten und in Erscheinung traten, mit „Ich entflammte“.

Durch die Manifestation des Geheimnisses von „Sterbt, bevor ihr sterbt!“, also durch die Befreiung aus der Gefangenschaft weltlicher Begierden und des Verlangens des niederen Selbst [nafs], hat dieser Gottesfreund dem furchterregenden Angesicht des Todes Schönheit verliehen.

Auf diese Weise verwandelte er jenen vorbestimmten Augenblick des Todes, den er als Schab i-‘Arūs, das heißt als Hochzeitsnacht, bezeichnete, in eine Nacht der Ankunft bei Ḥusn al-Muṭlaq, dem „einzig Wahren, Schönen“.

Aus der Sehnsucht nach und der Vorfreude auf dieses heiß ersehnte Wiedersehen entsprangen seinem

Herzen die folgenden Verse:

Öffne nach meinem Tod mein Grab und schau, wie aus meinem Leichentuch Rauch aufsteigt infolge der Glut meines Herzens.

Wenn an meinem Todestag mein Sarg davongetragen wird, glaube nicht, in mir wären Kummer und Sorgen dieser Welt!

Glaube nicht, dass ich trauere, diese Welt zu verlassen!

Hüte dich davor, zu weinen, weil ich starb!

Sag nicht: „O weh!“, sag nicht: „Wie schade!“

Zu beklagen wäre nur, wenn ich zu Lebzeiten meinem Ego gefolgt und Schayṭān in die Falle gegangen wäre!

Wenn du meinen Leichnam siehst, dann klage nicht:

Trennung, O Trennung!“ wo doch meine Seele voller Entzücken ihre Flügel für die Ankunft ausbreitet.

Wisse dann, dass es für mich keine Zeit der Trennung ist, sondern die Zeit, da ich meinem Herrn begegne, also die Zeit der Ankunft!

Wenn sie mich dem Schoß der Erde übergeben, sag bloß nicht: „Abschied, O Abschied!“

Denn das Grab ist nur ein Schleier vor der anderen Welt, dem Ort der Gärten! Da du den Untergang, den Entzug vor den Blicken gesehen hast, sieh nun auch den Aufgang! Überlege doch: Wenn Sonne und Mond untergehen und den Blicken entschwinden, leidet darunter ihr Licht?

Auch wenn dir dieser Zustand wie ein Untergang, wie ein Entzug vorkommen mag, ist er doch eine Geburt, ein Wiedererlangen des Lebens; und zwar eines ewigen Lebens.

Selbst wenn dieses Grab (das äußerlich betrachtet nur eine Grube im dunklen Schoß der Erde ist) dem Menschen wie ein Gefängnis, wie ein Kerker erscheint, ist es in Wirklichkeit ein Ort, an dem jene Seelen, die nach der Ankunft dürsten, (davor, dem Weltlichen und seinen Verhängnissen verfallen zu sein) Rettung (und somit Frieden) finden!

Welcher Samen wurde in die Erde geworfen und keimte nicht zu seiner Zeit?

Warum also verfällst du, was den Samen Mensch betrifft, in unzutreffende Mutmaßungen?

Welcher Eimer wurde herabgelassen ins Wasser und kam leer zurück? Warum sollte der Yūsuf des Herzens vom Brunnen einen Schaden erleiden, warum sollte er wehklagen?

Ich war tot (als ich vom Käfig des Körpers befreit wurde), und wurde lebendig; ich weinte zuvor und lächele nun. Als ich das Geschenk der göttlichen Liebe erlangte, wurde mir die nie endende Gabe (ewigen Glücks) zuteil.


VORWORT

Niemals endendes Lob und ewiger Preis gebühren Allāh, dem Erhabenen, der uns unter allen Geschöpfen mit der Ehre des Menschseins gekrönt, uns den Segen des Glaubens gewährt und uns so den Weg zur immerwährenden Begegnung mit dem Göttlichen eröffnet hat!

Zahllose Segens- und Friedenswünsche seien auf dem Sultan der Propheten, dem ehrwürdigen Muḥammad al-Muṣṭafā, dem Höchstgepriesenen, dem Auserwählten, der auf unserem Weg in die Ewigkeit unser trefflichstes Vorbild und die beispielhafte Persönlichkeit bei der Verwirklichung der Würde unseres Menschseins entsprechend den hervorragendsten Maßstäben ist.

Das Leben des Menschen verstreicht zwischen der Freude am Leben und dem Erschauern vor dem Tod. Der Sinn dieses Prozesses besteht darin, dem Menschen in seinem Denken und Begreifen einen Zugang zum Unendlichen zu eröffnen. Denn der Sinn dieses Lebens ist es, das ewige Glück zu erlangen. Folglich ist für den Menschen das eigentlich Wichtige seine Befreiung vom Erschauern vor dem Augenblick des Todes und das Bemühen, sowohl seinem Leben als auch seinem Tod Schönheit zu verleihen. Wenn er dies verwirklicht, öffnen sich für ihn die Tore geistiger Reife und der Zugang zur göttlichen Gegenwart.

Doch der Weg dahin führt über die Läuterung des Egos [nafs] und die Reinigung des Herzens. In der Natur des Menschen liegen sowohl alle positiven als auch alle negative Eigenschaften, weil die Prüfung in der diesseitigen Welt [dunyā] dies so erfordert. Folglich ist es unerlässlich, negative Eigenschaften aus dem Weg zu räumen und positive Eigenschaften zu beleben, um die Prüfung in dieser Welt zu bestehen. Allāh, der Allwahre, sagt:1

{Bei dem Selbst [nafs] und Dem, der ihm seine Gestalt verliehen und ihm dann Sittenlosigkeit oder Gottesfurcht eingegeben hat: Erfolgreich wird gewiss der sein, der es läutert, und verloren ist gewiss jener, der es verkom men lässt.}2

Diese Läuterung wiederum geschieht nur durch wirkliche Selbsterkenntnis. Wer die Schlange des Nafs in sich nicht sieht, kann keine Vorkehrungen gegen sie treffen und fällt ihrem Gift zum Opfer. Aus diesem Grunde heißt es: „Wer sich selbst, also sein Nafs, kennt, erkennt seinen Herrn.“

Im Lichte dieser Wahrheit hält uns der ehrwürdige Maulānā folgende Aussagen als einen Spiegel vor, auf dass der Mensch sich selbst besser erkenne:

Der Mensch gleicht einem Wald. So, wie in einem Wald Tausende von Tieren mit Eigenschaften wie denen des Schweins oder des Wolfs, sowohl mit guten als auch schlechten Qualitäten existieren, gibt es auch in der Innenwelt des Menschen sämtliche Arten von Schönheit und Hässlichkeit.

O Sālik3! In dir gibt es einen Mūsā und auch einen Pharao. Diese beiden Widersacher in dir musst du finden.

Erstrahle im Lichte der Offenbarung, so dass der Mūsā in dir den Pharao in dir besiegt!

Diese Angelegenheit ist von solcher Wichtigkeit, dass der Gesandte Allāhs – möge Allāh ihn segnen und ihm Frieden schenken – während seiner Rückkehr vom Feldzug nach Tabūk, den er als Ghazwat al-‘Usra, das heißt, als „die schwierigste Schlacht“ bezeichnete, folgende Aussage machte:

„Nun kehren wir vom kleineren Jihād zum größeren Jihād zurück.“

Die edlen Gefährten waren über diese Aussage sehr erstaunt und fragten:

„Gibt es denn einen größeren Jihād als diesen, O Gesandter Allāhs?“

Und der Prophet, unser Meister – möge Allāh ihn segnen und ihm Frieden schenken –, erklärte:

„In der Tat! Nun kehren wir vom kleineren Jihād zum größeren Jihād, dem Kampf gegen das Ego [nafs] zurück.“4

Ausgehend von dieser Wahrheit wies der ehrwürdige Edeb ‘Alī den ersten Sultan des Osmanischen Reiches, das über Jahrhunderte die Welt beherrschte, Osman Ghāzī, in seinen Ratschlägen folgendermaßen auf den größten aller Siege hin:

O mein Sohn! Der größte Sieg besteht darin, dein Ego zu kennen. Der größte Feind des Menschen ist er selbst. Ein Freund hingegen ist der Mensch, der sich selbst kennt.“

Wer diesen Sieg in seinem Inneren nicht zu erringen vermag, wird sich selbst stets ein Rätsel bleiben. Das bedeutet, dass wer sich selbst nicht kennt, auch das Rätsel Mensch nicht zu lösen vermag. Ohne die Lösung dieses Rätsels ist es jedoch unmöglich, das Geheimnis von Leben und Tod zu lüften und die Welt der Ewigkeit zu begreifen.

Im Lichte dieser Wahrheiten ist also das Rätsel Mensch unser größtes Anliegen. Dass der Mensch die richtige Lösung dieses Rätsels in sich selbst findet, bedeutet, dass er mit Hilfe des Allwahren die in seinem Kern verborgenen Weisheiten und Geheimnisse sammelt und so zum Tor der Ankunft gelangt. Der Weg dorthin besteht darin, den Spuren der Propheten und Gottesfreunde zu folgen, denn sie sind gleichermaßen die passenden geistigen Schlüssel zur Lösung dieses Rätsels. Somit werden unsere Würde und Ehre als Menschen an dem Tag, an dem wir mit Aufrichtigkeit [ikhlāṣ] in ihren Kreis eintreten, eine völlig andere Qualität gewinnen. Doch wenn wir diesen Kreis verlassen und unter die Übertreter und die Ungehorsamen gehen, warden sich selbst unsere Gewissheiten in Rätsel verwandeln. Dies – möge Allāh uns davor bewahren – wäre unser Untergang.

Demzufolge kommt es darauf an, mit den Rechtschaffenen [ṣāliḥūn] zusammen zu sein. Denn diese Menschen, die eine Gnade sind, rufen die Menschen in ihrer Umgebung stets auf: „Sei wie der Regen! Versprühe Segen!“ Damit wird einerseits das Bestreben zum Ausdruck gebracht, ein guter Diener Allāhs zu sein, andererseits wird betont, dass der Weg dahin über die Unterweisung, die Erziehung, das Dienen und die Bemühung um Allāhs willen führt. Denn von diesen Dingen hängt die Erziehung der Generationen ab. Wenn wir darüber nachdenken, dass die schwierigste Aufgabe die Erziehung von Menschen ist, wird die Weisheit, die dieser Verantwortung zugrunde liegt, leichter verständlich. Aus diesem Grunde ist es eine Bedingung, den mangelhaften Einsatz der Mittel auf dem Weg zur Verwirklichung einer gefestigten Persönlichkeit sorgfältig zu vermeiden. Das bedeutet, sich zu bemühen, in seiner Gottesdienerschaft alle Handlungen vollkommen zu verrichten. Solch eine Vollkommenheit kann aber nur erreicht werden, wenn man das Herz zu den heiligen Stätten tragen kann. Denn die Rosen des Herzens können nur im Klima der Ḥaramayn5 gedeihen. In der Vorbereitung auf die Ewigkeit ist es unbedingt notwendig, auf diese Weise die Verwandlung in eine Paradiesrose zu verwirklichen, und zwar bevor die Zeit vergeht, bevor die Sonne untergeht. Denn nach Ablauf der Frist nützt keine Reue und kein Klagen. Aus diesem Grund muss der Mensch sich mit der Reue beeilen, denn der Tod vermag uns selbst in unserem gesündesten Atemzug zu ergreifen. Andererseits sind Menschen, die sich weigern zu bereuen, unfähig, die Undankbarkeit des Menschen zu erkennen. Ihr Leben endet am Tor der Jämmerlichkeit und des Ruins. Ihr ganzes Leben gleicht leerem Geschwätz. Tausende von negativen Eigenschaften überfluten ihre Herzen und ihr Begriffsvermögen. Besonders der Dolch der Zunge, die üble Nachrede, bohrt sich in das Wesen des Menschen und tötet sein Gewissen und sein Herz.

Es ist notwendig, die Wichtigkeit aufrichtigen guten Rates, der uns vor diesen Katastrophen und Klippen rettet, richtig zu verstehen. Denn der Prophet, unser Meister – möge Allāh ihn segnen und ihm Frieden schenken –, sagte: „Die Religion ist aufrichtiger guter Rat [nasīḥa].“6

Um all diesen Vorgaben gerecht zu werden, müssen wir, einhergehend mit allen unseren Bemühungen, das Geheimnis des Bittgebets begreifen und das Bittgebet zum Mittelpunkt unseres Daseins und unserer Gottesdienste machen.

Dann werden wir alle in uns verborgenen Rätsel lösen und zum Geheimnis des Lebens gelangen.

Verehrte Leser!

Die oben erwähnten Themen sind zugleich die Überschriften der Kapitel unseres vorliegenden Buches. Dieses Werk ist eine Zusammenstellung von Aufsätzen, die in Şebnem, einer Geschenkbeilage für die Leserschaft der Zeitschrift Altınoluk, veröffentlicht wurden. Außerdem haben wir zur Vervollständigung und Zier der Inhalte dieses Buches im letzten Teil einige Tropfen der Weisheit des ehrwürdigen Maulānā hinzugefügt und uns bemüht, diese kurz zu erläutern.

Möge Allāh unser aller Leben mit rechtschaffenen Taten auf Seinem Weg schmücken und uns in all unseren guten Bestrebungen Erfolg verleihen! Möge Er uns ermöglichen, die gottgegebene Verantwortung [amāna] und die Würde des Menschseins gebührend zu tragen und uns die Gnade gewähren, im Kreise der Rechtschaffenen und Gottesfürchtigen in Seine göttliche Gegenwart einzutreten!

Āmīn!


DAS RÄTSEL MENSCH

Subḥān Allāh! Das menschliche Ego vereint in sich die Überheblichkeit des Teufels, den Neid des Kain, die Zügellosigkeit des Stammes ’Ād, die Maßlosigkeit des Volkes Thamūd, Nimrods Dreistigkeit, Pharaos sündhaft alle Grenzen überschreitenden Anspruch auf Göttlichkeit, Qārūns Ungerechtigkeit und Boshaftigkeit, Hāmāns exzessive Unverschämtheit, die launische Willkür des Bileam, die Hinterlistigkeit der Asḥāb al-Sabt, die rebellische Verstocktheit des Walīd ibn al-Mughīra und die Ignoranz des Abū Jahl. [...] Allein die Riyāḍa, das Abhalten des Egos von all dem, woran es sich ergötzt, und die Mujāhada, das Zwingen des Egos zu dem, was ihm widerstrebt, können eine Besserung all dieser negativen Eigenschaften bewirken und den Menschen von seinen üblen Charakterzügen befreien. (Ibn al-Qayyim al-Jauziyya, al-Fawā’id, Beirut, 1986, S. 98)


Allāh, der Erhabene, hat das Dasein in der Welt des Diesseits [dunyā], das er zum Zweck der Prüfung erschuf, auf Gegensätze aufgebaut. Daher gibt es sowohl das Schöne als auch das Hässliche, das Gute ebenso wie das Schlechte. Der Mensch, der als Teil dieser Dunyā erschaffen wurde, wird in jedem Augenblick hinsichtlich der seinem Ego [nafs] innewohnenden Gottesfurcht [taqwa] und Lasterhaftigkeit, sowie in Hinblick auf sein Empfinden von Gut und Schlecht geprüft. So streben manche Menschen zur Vervollkommnung der Schönheit ihrer inneren geistigen Welt und wenden sich dem Guten zu, während andere ihre Innenwelt mit Hässlichkeit erfüllen und zu Sklaven des Schlechten werden.

Maulānā Jalāluddīn Rūmī beschreibt diese Eigenschaften, die in jedem Menschen zu finden sind, so:

Die Innenwelt des Menschen gleicht einem Wald, in welchem jede Art von Gutem und Schlechtem zu finden ist. Wenn du dir der Huld Allāhs bewusst bist, die in dem Qur’ānvers {Ich habe ihm von meinem Geiste [rūḥ] eingehaucht}7 zum Ausdruck kommt, wenn du von diesem göttlichen Hauch erleuchtet bist, dann sei Mensch – das heißt, sei wachsamangesichts all dieser mannigfachen seltsamen Gefühle und Empfindungen!

In der Gefühlswelt des Menschen gibt es Tausende von reinen und unreinen, schönen und hässlichen Charakterzügen, die den Wesen und Neigungen vieler Tiere entsprechen, wie beispielsweise denen des Schweins oder des Wolfs. Je nachdem welcher dieser Charakterzüge die Überhand gewinnt, schlägt der Mensch die entsprechende Richtung ein und wird davon geprägt. Welcher Charakterzug auch immer im Menschen vorherrschend ist, unter dessen Befehl steht er.Wenn in einer Legierung der Goldanteil größer ist als der Kupfergehalt, gilt dieses Gemisch als Gold.

Manchmal manifestiert sich im Menschen die Reißlust, wie bei einem Wolf, während es ein andermal sein kann, dass sich der Mensch in ein Abbild makelloser Schönheit mit einem dem vollen Mond gleichenden Antlitz, wie das des Propheten Yūsuf, verwandelt. Sowohl Güte als auch Groll fließen über einen verborgenen Weg von Herz zu Herz. Verständnis, Wissen und Fertigkeiten übertragen sich vom Menschen sogar auf Tiere, die unter seinem Befehl stehen.

Ein störrisches, widerspenstiges Pferd beugt sich so den Wünschen seines Besitzers und lernt den Passgang oder ein Bär gehorcht seinem Willen. Auf einen Hund kann der Mensch einen enthusiastischen Drang und Willen übertragen, der ihm diesen Hund dienstbar macht, so dass er Wild jagt, Schafe hütet oder Wache hält.

Der treue Hund der Siebenschläfer [asḥāb al-kahf] übernahm von seinen Gefährten einen Zustand, der ihm sogar die Erwähnung im Qur’ān einbrachte8. Dagegen gerieten die Ehefrauen der Propheten Lūṭ und des Nūḥ – Friede sei auf ihnen beiden – derart unter den Einfluss der Geisteshaltung gottloser Frevler, dass ihre Innenwelt sich verdunkelte, sich in einen Kerker verwandelte und sie schließlich dem Höllenfeuer anheim fielen.9

Im Herzen des Menschen treten zuweilen einander widersprechende Gefühle auf. So verwandelt sich der Mensch einmal in einen Schayṭān [Satan], ein andermal in dessen Gegenteil, in einen Engel! Mal wird er zu einer Bestie, ein andermal gleicht er einem Geborgenheit spendenden Mutterschoß oder einem Herzen, das sich fürsorglich Armen, Waisen und Hilflosen öffnet!

Auch unser Meister, Allāhs edelster Gesandter – möge Allāh ihn segnen und ihm Frieden schenken –, erklärte, dass die Verschiedenheit der Gemüter der Menschen mit der Erschaffung Ādams – Friede sei mit ihm – begann, und sagte in diesem Zusammenhang:

„Allāh, der Erhabene, erschuf Ādam aus einer Handvoll Erde, die Er aus allen Winkeln der Erde zusammenbrachte. Daher sind, entsprechend jenen verschiedenen Sorten Erde, ein Teil der Menschen rötlicher Hautfarbe, andere weiß oder schwarz, und wieder andere haben Farben, die ein Gemisch daraus sind; manche Menschen sind milde und andere grob, manche von gutem Charakter und andere von schlechtem.“10 Das heißt, sie kommen mit verschiedenen Kapazitäten, Eigenschaften und Charaktereigenschaften in diese Welt.

Einer der berühmten Ḥadīth-Wissenschaftler, Ibn al-Qayyim al-Jauziyya, erklärt die Wirklichkeit des Egos in seiner Erläuterung dieses Berichts folgendermaßen:

„Subḥān Allāh!11 Das menschliche Ego [nafs] vereint in sich die Überheblichkeit des Iblīs, den Neid des Qābīl, die Zügellosigkeit des Stammes ‘Ād, die Maßlosigkeit des Volkes Thamūd, Nimrods Dreistigkeit, Pharaos sündhaft alle Grenzen überschreitenden Anspruch auf Göttlichkeit, Qārūns Ungerechtigkeit und Boshaftigkeit, Hāmāns exzessive Unverschämtheit, die launische Willkür des Bileam, die Hinterlistigkeit der Asḥāb al-Sabt,12 die rebellische Verstocktheit des Walīd ibn al-Mughīra und die Ignoranz des Abū Jahl.

Daneben gibt es im menschlichen Ego zahlreiche Eigenschaften von Tieren, wie die Gier des Raben, die Gefräßigkeit des Hundes, die Selbstgefälligkeit des Pfaues, die Affinität des Maikäfers zum Unrat, den Ungehorsam der Eidechse, das nachtragende Wesen des Kamels, das Emporschnellen des Tigers, den Mut des Löwen, die Unverschämtheit der Maus, das Giftsprühen der Schlange, die unsinnigen, dreisten Gesten des Affen, die Sammelleidenschaft der Ameise, die Schläue des Fuchses, den trügerischen Schlaf der Hyäne und dergleichen mehr.

Allein die Riyāḍa, das Abhalten des Egos von all dem, woran es sich ergötzt, und die Mujāhada, das Zwingen des Egos zu dem, was ihm widerstrebt, können eine Besserung all dieser negativen Eigenschaften bewirken und den Menschen von seinen üblen Charakterzügen befreien.“13

Denn in einem Vers des edlen Qur’ān heißt es:

{Bei dem Selbst [nafs], und Dem, der ihm seine Gestalt verliehen und ihm dann Sittenlosigkeit oder Gottesfurcht eingegeben hat: Erfolgreich wird gewiss der sein, der es läutert, und verloren ist gewiss jener, der es verkom men lässt.}14

Wie schön besingt Yūnus Emre, der die feinsten Weisheiten des geistigen Weges der Sufis [taṣawwuf] mit großer Redegewandtheit und einem dennoch schlichten Stil in Worte fasst, das Hin-und-Herwogen in der Innenwelt des Menschen:

Der Allwahre verlieh mir ein Herz so verrückt, kaum regt es sich, schon ist es entzückt.

Mal singt es hymnisch, mal ist es mit Tränen gefüllt und bedrückt.

Mal glaubst du, es wohnt der Winter darin, der strenger nicht sein könnte.

Dann wieder verkündet es Freude und wird zum Weinberg, zu einer frischen, duftenden Wiese.

Mal steigt es auf, herauf bis zum Thron, dann wieder stürzt es hinab in den tiefsten Abgrund.

Mal glaubst du es sei ein Tropfen bloß, mal schäumt es über und wird zum Meer.

Mal versinkt es in Ignoranz und begreift nicht das Geringste.

Mal durchdringt es alle Weisheit, wird zum Galenos15, wird zum Luqmān.16

Mal kommt es wie ‘Īsā daher und belebt die Toten.

Mal zieht es in das Haus des Übermuts ein, wird zum Pharao, wird zum Hāmān.

Die Widersprüche, denen der Mensch bis in die Tiefen seiner Innenwelt hinein ausgesetzt ist, zeigen sich auch im gesellschaftlichen Leben. Auf der einen Seite gibt es die Ritter des Herzens, die in der Vollkommenheit und der Ruhe eines fest gegründeten Glaubens [īmān] leben, auf der anderen Seite jene, die im Gewirr der Strudel ihres Unglaubens [kufr] untergehen – und beide leben in ein und derselben Gesellschaft.

Dieses gesellschaftliche Leben, in dem Menschen der unterschiedlichsten Stufen und jeglichen Charakters, angesiedelt zwischen den beiden oben genannten Polen, ihren jeweiligen Platz einnehmen, gleicht ebenfalls einem Wald, in dem alle erdenklichen Arten von Tieren anzutreffen sind. Manche der Menschen, die man darin antrifft, sind schlau wie ein Fuchs oder bissig wie eine Hyäne oder sie häufen Güter an, wie die Ameise, während manche Gift versprühen wie Schlangen. Manche Kreaturen dieses Waldes beißen mit einem Lächeln auf den Lippen zu, manche saugen Blut wie Egel, andere wieder lichen einem ins Gesicht während sie hinterrücks eine Falle vorbereitet haben. Wieder andere kümmern sich nur um sich selbst, wie der Hase, der Schmetterling und ähnliche Tiere, und fügen keinem anderen Schaden zu.

Der Mensch, der sich nicht durch geistige Erziehung aus der Gefangenschaft seines Nafs befreit hat und daher keinen gefestigten Charakter besitzt, bleibt ein Gefangener jener lasterhaften Gewohnheiten, in deren Bann er sich befindet. In manchen Menschen herrscht der Charakter eines einzigen Tieres vor, in anderen der Charakter verschiedener Tiere gleichzeitig. Für die Leute des Herzens ist es nicht schwer, solche typischen Charaktere auszumachen, da sich deren Innenwelt sowohl in ihrem Äußeren als auch in ihren Taten widerspiegelt.

In der Tat stellt das Leben in einer von derartig gegensätzlichen Charaktereigenschaften bestimmten Welt eine schwere Prüfung dar. Der Lohn für ein Bestehen dieser Prüfung ist der Paradiesgarten und die Schau des göttlichen Antlitzes Allāhs. Daher ist es für den Menschen unerlässlich, diese Prüfung zu bestehen. Denn das Bestehen dieser Prüfung in der Welt des Diesseits [dunyā] und das Erreichen der göttlichen Gegenwart sind zugleich auch der Daseinszweck und Schöpfungsgrund des Menschen. Darum ist es notwendig, dass der Mensch schlechte Charakterzüge ablegt und sich erhabene Eigenschaften und Tugenden aneignet, das heißt, ein seiner menschlichen Würde angemessenes ehrbares Leben führt.

Menschen, die in einer Gesellschaft leben, in der fast jedes Individuum von den Charaktereigenschaften eines Tieres geprägt ist, müssen ständig vorsichtig und wachsam sein. Denn es ist dem Menschen nicht zu jeder Zeit möglich, mit rechtschaffenen und wahrhaftigen Menschen zusammen zu sein, die ihm nahe stehen und nur sein Wohl und Bestes wünschen. Auch wenn es gelegentlich glückliche Menschen gibt, die häufig die Gesellschaft der Rechtschaffenen genießen, sind diesem Zusammensein, bedingt durch Raum und Zeit, doch Grenzen gesetzt. Da einerseits solche heilbringenden Menschen äußerst selten sind und andererseits das usammensein mit ihnen nur in begrenztem Maße möglich ist, muss der Mensch wohl oder übel lernen, auch mit solchen Menschen, die einen schlechten Charakter besitzen, zusammenzuleben. Schließlich ist es eine historische Tatsache, dass sowohl Mūsā – Friede sei mit ihm – der im Palast des Pharao aufwuchs, als auch die gläubige Ehefrau des Pharao, die ehrwürdige Āsiya, durch ihren hohen Grad an Gottesfurcht [taqwā] ihre ursprüngliche Identität und ihren Glauben [īmān] bewahren konnten. Dabei haben die vielen Bedrängnisse und Beschwerlichkeiten, die sie durchzustehen hatten, ihren Glauben keinesfalls geschwächt, sondern sie ganz im Gegenteil noch darin bestärkt.

Menschen, die ständig im Inneren und Äußeren negativen Einwirkungen und Einflüssen ausgesetzt sind, müssen in einem Zustand steter Wachsamkeit sein. Ansonsten kann ein einziger Augenblick der Achtlosigkeit oder Unaufmerksamkeit gewaltige materielle und geistige Katastrophen zur Folge haben. Da es ungewiss ist, aufgrund welcher der Handlungen des Menschen sich der Zorn oder das Wohlwollen Allāhs manifestieren, sollten wir bei jeder unserer Bewegungen auf diese Feinheit achten.

Unser ehrwürdiger Prophet – möge Allāh ihn segnen und ihm Frieden schenken – berichtete, dass einer Frau, die ihre Hauskatze vernachlässigte und dadurch deren Tod herbeiführte, das Höllenfeuer bestimmt sei, obwohl sie sich Tag und Nacht mit Gottesdienst [‘ibāda]

zu beschäftigen pflegte. Wie dieses Beispiel zeigt, führte ein eher geringfügig erscheinendes Verhalten, welches jedoch ein Abstumpfen der Empfindung der Barmherzigkeit gegenüber den Geschöpfen beinhaltete, dazu, dass ein Mensch, der sich dem Gottesdienst hingab, dennoch strauchelte. Daher ist es notwendig, dass der Mensch die Möglichkeiten und Gaben, die Allāh ihm gewährt hat, allen Geschöpfen, vom kleinsten bis zum größten, in gebührendem Maße zugute kommen lässt.

Das Durchleben der verschiedenen Lebensabschnitte bis hin zum letzten Atemzug gleicht einer riskanten Fahrt auf glatter, rutschiger Fahrbahn. Manchmal können Augenblicke der Achtlosigkeit den Menschen in entsetzliches Leid stürzen, obwohl er vom Paradiesgarten nur eine Spanne weit entfernt schien. Die Geschichte ist voller Beispiele hierfür. So wurde Qārūn, der anfänglich ein rechtschaffener

Diener Allāhs gewesen war, mit der Zeit immer reicher. Im Qur’ān heißt es über ihn sogar:

{Wir gaben ihm so viele Schätze, dass eine Schar kräftiger Männer die Schlüssel dazu nur mit Mühe hätte tragen können.}17

Doch diese Güter und dieses Vermögen brachten ihm nichts Gutes und keinen Frieden. Anstatt sich für diese Gaben in gebührender Weise dankbar zu zeigen, vertraute er auf seinen Besitz, verließ sich auf seinen Reichtum und erdreistete sich in der Folge sogar, Mūsā – Friede sei mit ihm – herauszufordern. Sein Hochmut und seine Unverfrorenheit wurden ihm schließlich zum Verhängnis.18

Auch Bileam, der zur Zeit Mūsās – Friede sei mit ihm – lebte, zerstörte sich selbst, obwohl er die höchsten Stufen der Spiritualität erreicht hatte, weil er schließlich doch seinen Begierden verfiel.19

Sowohl Qārūn, der sich durch seine Habsucht verging, als auch Bileam, der, obwohl er viele spirituelle Gaben erhalten hatte, trunken vor Begierde war, fügten sich selbst größten Schaden zu. Deshalb sollte der Mensch sich bemühen, sein ganzes Leben lang wachsam zu sein und sich niemals als ein Geschöpf, dem Sicherheit garantiert ist, oder als ganz gewiss gerettet betrachten. Denn diese Garantie wurde außer den Propheten niemandem gegeben. Der Mensch sollte sein ganzes Leben in Gottesfurcht verbringen und so sorgfältig, vor- und umsichtig sein, als liefe er über ein Minenfeld.

Alle Geschöpfe führen ein Leben entsprechend den ihnen gewährten Anlagen und Fähigkeiten und auch der Mensch stellt keine Ausnahme von dieser Regel dar. Genau so, wie es unmöglich wäre, eine Biene, deren Nahrungsquelle und Lebensraum die Welt der Blüten ist, außerhalb ihrer gewohnten Umgebung anzusiedeln, ist es unmöglich, eine Maus, deren Charakter durch die Ernährung mit Unreinem geprägt wird, in einem Rosengarten zu beherbergen. So, wie erhabene Seelen ihre Nahrung aus dem unerschöpflich fließenden Strömen des Lichts der Wirklichkeit des Propheten Muḥammad [ḥaqīqat al-Muḥammadiyya] ziehen, so sind schlechte und ungehorsame Seelen mit Unreinem und Schlechtem zufrieden. Sie bilden sich ein, ihr Glück läge in der Nichtswürdigkeit der Gosse.

Ausgehend von dieser Wirklichkeit können wir sagen, dass eine Gesellschaft, die von krötenartigen Charakteren dominiert wird, sich in einen Sumpf verwandelt. Sind in ihr schlangen- oder wurmartige Charaktere dominant, wird ein ganzes Volk vergiftet und Terror und Anarchie nehmen ihren Lauf. Sind in ihr jedoch Menschen des Herzens vorherrschend, die in ihrem Wesen Rosen gleichen und die voller Barmherzigkeit und Fürsorge sind, verwandelt sich das ganze Land in einen Rosengarten und die Gesellschaft erreicht einen Zustand echten Friedens und wahren Glücks.

In unserer Zeit, in der negative Einflüsse die Gesellschaft verwüsten und als Ergebnis dieser Verwüstung die Zahl der Menschen mit schlechtem Charakter immer weiter zunimmt, ist es ein Muss für die Menschen, sich noch mehr anzustrengen, um sich selbst, ihre Nächsten und ihr Umfeld zu retten. Wie das Beispiel der Siebenschläfer [asḥāb al-kahf] im Qur’ān zeigt, dürfen wir nicht in die Verirrungen der uns umgebenden Gesellschaft abgleiten, sondern müssen bestrebt sein, dem Verlauf der schädlichen Ereignisse mit einem klaren „Halt!“ Einhalt zu gebieten. Beginnend mit uns selbst müssen wir versuchen, in sich standing erweiternden Kreisen unser direktes Umfeld zu heilen. Der ehrwürdige Imām al-Ghazālī beschreibt mit den folgenden Worten, wie Menschen, wenn sie unachtsam sind, durch das Leben in einer gemischten Gesellschaft langsam aber sicher vom Weg abkommen:

„Geistige Verbundenheit mit den Achtlosen verwandelt sich mit der Zeit in eine Herzensverbundenheit. Diese Art von Herzensverbundenheit wird zur Ursache für den Untergang der Person. Wisse wohl, dass die Trunkenheit, welche die Achtlosigkeit mit sich bringt, schlimmer ist als die vom Wein.“ Angefangen mit dem Menschen werden alle Geschöpfe mehr oder weniger durch die sie umgebende Welt beeinflusst. Dass die Umwelt auf die Geschöpfe einwirkt, ist eine seit alters her bekannte Tatsache und in letzter Zeit durchgeführte Versuche belegen, dass spirituelle Zustände wiederum in starkem Maße auf die Umgebung einwirken.

Ein konkretes Beispiel hierfür ist das Phänomen der Wasserkristalle, das vor einiger Zeit in Zeitungen und Zeitschriften große Beachtung fand. Eine andere Manifestation dieser Tatsache zeigte sich bei einem Experiment in der Qur’ān-Schule für Mädchen in unserer ‘Azīz- Maḥmūd-Hudāyī-Stiftung. Zwei Exemplare der gleichen Pflanze wurden in zwei nebeneinander liegenden Räumen aufgestellt. Über einer wurden die Schönsten Namen Allāhs aufgehängt, in diesem Zimmer wurde Qur’ān rezitiert und dieser Pflanze wurden bei jeder Gelegenheit schöne Worte zugesprochen.

Bei dem anderen Exemplar wurden negative Sprüche aufgehängt und in diesem Raum wurde ständig aggressive Musik gespielt. Innerhalb eines kurzen Zeitraums von ein bis zwei Monaten blühte die Pflanze, welche erhabenen Worten ausgesetzt war, auf und gedieh, während die Pflanze, die nur aggressive Musik zu hören bekam, vertrocknete und verwelkte.

Dieser Umstand zeigt, dass selbst scheinbar leblose Gegenstände aus ihrer Umgebung strahlenähnliche Einflüsse aufnehmen. Beim Menschen, der hinsichtlich seiner Innenwelt, seiner geistigen Tiefe und seiner Wahrnehmungskräfte den meisten Geschöpfen überlegen erschaffen wurde, ist dieses den Einflüssen der ihn umgebenden Welt Ausgesetztsein um ein Vielfaches stärker. Aus diesem Grund sollte der Mensch bei der Auswahl seines Umfeldes und seiner Freunde äußerst sorgfältig und achtsam vorgehen, damit er innerhalb dieser gemischten Gesellschaft ein Leben in Frieden, erfüllt von Spiritualität und Freude, führen kann. In den Versen des edlen Qur’ān heißt es:

{O ihr, die ihr glaubt, fürchtet Allāh und seid mit den Wahrhaftigen!}20

{Und wenn du jenen begegnest, die über unsere Zeichen spotten, dann wende dich von ihnen ab, bis sie das Thema wechseln. Und wenn Schayṭān dich dies vergessen lässt, dann verweile nicht länger mit den Ungerechten, nachdem du dich erinnert hast.}21

{Wenn ihr vernehmt, dass man die Zeichen Allāhs verleugnet oder sich über sie lustig macht, dann verweilt nicht bei den Leugnern, bis sie das Thema wechseln – sonst seid ihr fürwahr genau wie sie.}22

O Allāh! Wir suchen Zuflucht bei Dir vor dem Übel unseres Egos, welches stets Schlechtes gebietet! Lass uns mit guten und getreuen Freunden sein, die uns nicht zur Übertretung sondern zur Gottesfurcht aufrufen! Vergönne uns, zu jenen zu gehören, die sich in der Welt des Diesseits nicht verunreinigen sondern rein, wie am Tag ihrer Geburt, in Deine Gegenwart gelangen!

Āmīn!


SEI WIE DER REGEN! VERSPRÜHE SEGEN!

Gleich Bäumen, die mit bis auf die Erde herabhängenden Ästen den Menschenkindern freigiebig ihre reifen Früchte entgegenstrecken, sind auch jene Menschen, die über Verstand, Wissen und Weisheit verfügen, stets demütig und bereit zu geben. Deshalb sollte der Mensch das nur auf schönen Schein und Angeberei ausgerichtete Verlangen seines Egos nach Größe und Ruhm aufgeben und stattdessen danach streben, seine Herzenswelt in eine allen Geschöpfen Nutzen und inneren Frieden darbietende Schatzkammer zu verwandeln.


Dieses unendliche, grenzenlos weite Universum zeigt aufs Vortrefflichste in höchst bedeutungsvoller Weise mit welchen edlen Eigenschaften der Mensch ausgestattet sein sollte. Gleichzeitig tut es kund, von welchen negativen Charaktereigenschaften er sich fernhalten sollte. Denn das Buch der Schöpfung breitet mit all den darin enthaltenen positiven und negativen Erscheinungen eine anschauliche Ausstellung von Weisheiten und Lehren vor uns aus, in der sich zahllose, von den tiefsten Abgründen bis zu den erhabensten Höhen reichende Beispiele finden, welche Hinweise auf die unterschiedlichsten negativen und positive Zustände enthalten. Wäre der Mensch in der Lage, Erde und Himmel nur mit den Augen des Herzens zu betrachten – was könnte er aus ihnen alles lesen und Welch zahllose Lehren könnte er daraus ziehen! Er könnte in der Tat auf diese Weise die Richtung seines Lebenswegs bestimmen! Selbst viele Seiten umfangreicher Bücher würden nicht ausreichen, um all die Geschichten wiederzugeben, die uns gelegentlich ein Baum, der traurige Blick eines Rehs, eine Biene, ein Vogel, die fruchtbare, schier unzählige Früchte hervorbringende Erde, die alles mit ihrem strahlenden Licht erhellende Sonne oder der den Erdboden mit seinem ergiebigen Regen bewässernde Himmel erzählen. Wer all dem Gehör schenkt, entdeckt eine Schönheit von vollkommen anderer Art.

Denn für Menschen mit lebendigen Herzen erfüllt die Schöpfung mit ihren lautlosen Gedichten die Aufgabe eines Lehrers, der jenen Augen, die zu sehen vermögen, und jenen Herzen, welche die entsprechende Empfindsamkeit besitzen, die unendlichen Weiten der Selbstlosigkeit und Großzügigkeit auf derart wunderbare Weise darlegt, dass es praktisch keiner weiteren Belehrung mehr bedarf. Dieser Tatsache sollte sich der Mensch stets bewusst sein, so dass er bei jeder seiner Handlungen auch an den Nutzen anderer denkt und in selbstloser Weise die Gnadengaben, die ihm sein Herr gewährt hat, an jene, die ihrer bedürfen, weitergibt.

Wer dieses Universum, vom Mikro- bis zum Makrokosmos, mit offenen Augen für die darin verborgenen Gleichnisse betrachtet, wird in ihm zahllose Manifestationen des Göttlichen und Schatzkammern voller Geheimnisse entdecken. Ihm raunt die Schöpfung ihre lautlosen göttlichen Gedichte zu. Dies ist der Wunsch und Wille des Allgnädigen, Allwahren, denn Allāh, der Erhabene, breitet uns diese Schatzkammern voller Geheimnisse aus, damit wir Seine majestätische göttliche Erhabenheit erkennen und unsere Nichtigkeit begreifen. In der Tat sind diese göttlichen Geheimnisse schon im ersten aller Gebote, dem Befehl „Lies!“, enthalten. Denn die aus diesem Lesen mit dem Herzen resultierenden Erkenntnisse und Lehren vermitteln dem Menschen ein tiefergehendes Verständnis seines Schöpfungsgrundes, so dass er sich auf der segensreichen Grundlage staunender Verwunderung im Bewusstsein seiner eigenen Hilflosigkeit zu einem demütigen Gottesdiener entwickelt. Dies ist so, weil der Diener zuerst seine eigene Hilflosigkeit erkennen muss, um die majestätische Erhabenheit Allāhs wirklich zu begreifen. Ebenso bedarf er der vollen Erkenntnis der majestätischen göttlichen Erhabenheit, um die Hilflosigkeit des eigenen Egos zu begreifen.

Die Vollkommenheit, Pracht und göttliche Macht, die Allāh, der Allwahre, in der Schöpfung ausgebreitet hat, um Seine Diener zu einer derartigen Beschaffenheit und zu solch einem Rang zu erheben, legt Er den Augen und den Herzen auf folgende Weise dar:

{Er ist es, der übereinander sieben Himmel erschaffen hat, in der Schöpfung des Allbarmherzigen wirst du keine Ungleichgewichte sehen. So wende den Blick noch einmal (darauf) zurück: Siehst du einen Fehler? Dann wende den Blick ein weiteres Mal (darauf) zurück, bis der Blick, müde und abgestumpft, umkehrt.}23

Welch Wunderwerke göttlicher Kunst sind in der Tat die unzähligen und zugleich tausenderlei verschiedenartigen Sterne, die im Himmel ihren Reigen tanzen, sowie die mit ihrer unerschöpflichen Energie allem auf der Erde Leben spendende Sonne und ihr Spiegel, der Mond, die gemeinsam als göttlicher Kalender dienen und seit Jahrtausenden in glänzender Schönheit erstrahlen, ohne auch nur einen Millimeter von der ihnen vorgegebenen Bahn abzuweichen! Und welch eine gewaltige Manifestation von Macht ist die Erde, die unzählige, in Geschmack, Geruch, Farbgebung und deren Zusammenspiel vollkommen verschiedene Früchte und Gemüsesorten hervorbringt und heranreifen lässt. Und erst das Wasser, das durch sein Herniederkommen auf die Erde die ausgetrockneten Böden von Neuem ergrünen lässt – welch einmaliges göttliches Elixier, welch einzigartiger Quell des Lebens, vitaler Energie und dynamischer Lebenskraft!

All diese erhabene, unvergleichliche Pracht und all diese wunderbaren Erscheinungen stellen im Grunde eine Einladung an den Menschen dar, in jedem Augenblick über Allāh, den Erhabenen, nachzudenken. Doch meist bemerkt der Mensch in seiner Achtlosigkeit, geblendet von der abstumpfenden Gewohnheit ihres ständigen Vorhandenseins, all diese Herrlichkeit gar nicht, so dass viele lehrreiche Manifestationen von Weisheit gleich Regentropfen, die auf Felsen treffen, nutzlos unter den Blicken der Achtlosen vorbeiströmen, ohne in deren Verstand oder Bewusstsein den geringsten Eindruck zu hinterlassen.

Dabei würde es schon ausreichen, nur ein wenig nachzudenken, um großen Nutzen zu ziehen. Denn das Elixier, welches im Gottesdienst die Aufrichtigkeit [ikhlāṣ] und Gottesfurcht nährt, ist das Nachdenken. So wird unser Gottesdienst erst dadurch zu wahrem Gottesdienst, dass wir beispielsweise im Gebet jeden Qur’ān-Vers –über das Aussprechen bloßer Worte hinaus – im vollen Bewusstsein seiner Bedeutungen rezitieren. Allāh, der Erhabene, spricht: {Und wirf dich (in Anbetung) nieder und nähere dich!}24

Was hier den Diener dem Allwahren näher bringt, ist ein tiefes Nachdenken im Innern des Herzens, das heißt, dessen innere Empfindungen.

Für jene, die ihr Leben derart mit tiefer Reflektion [tafakkur] verbringen, gleicht die gesamte Schöpfung einer Schule. Selbst ein ungebildeter, des Lesens und Schreibens unkundiger Mensch kann in dieser Schule die Fähigkeiten erwerben, das Leben und seine Geschehnisse in umfassender Weise zu verstehen und so seinen Anteil an Geheimnissen, Weisheiten und göttlichen Wahrheiten erlangen.

Für ihn werden jedes Blatt, jede Blume und jede Frucht zu einem Buch. Meister Sa‘dī al-Schirāzī sagt:

Für reife Menschen gleicht ein einziges Blatt an einem Baum einem ganzen Band spiritueller Dichtkunst [dīwān], der von der Erkenntnis des Allmächtigen [ma‘rifat Allāh] kündet. Für die Achtlosen hingegen sind alle Bäume zusammen nicht einmal so viel wie ein einziges Blatt.

Kurz gesagt verwandeln sich die zahllosen Wesen in der Schöpfung einzig für jene, die Gotteserkenntnis besitzen, in sprechende Zungen, die ohne Unterlass erzählen. In der Tat wurden all die vielen Welten ohnehin dazu erschaffen, um auf diese oder ähnliche Weise dem Menschen dienstbar zu sein. So bringen viele Geschöpfe von dem, was sie für sich erzeugen, stets über ihren eigenen Bedarf hinausgehende Mengen hervor. Der Grund dafür besteht darin, auch den Bedarf anderer Geschöpfe, speziell den des Menschen, zu stillen. Welch gewaltige Weisheit steckt doch darin für Menschen, die Verstand und Herz besitzen. Hier einige Beispiele dafür:

Das Leben einer Honigbiene dauert in der Regel 45 Tage. Diese kurze Zeit verbringt sie damit, für sich und ihre Nachkommen Honig zu produzieren. Dabei stellt sie wesentlich mehr Honig her, als für den eigenen Bedarf notwendig wäre, wovon der Mensch den größten Nutzen hat. Ebenso gibt eine Kuh ein Vielfaches der Milch, die ihre Kälber brauchen, und stellt sie dem Menschen für seinen Verbrauch zur Verfügung. Das Gleiche gilt für den Apfelbaum: Obwohl ein einziger Apfelkern ausreichend wäre, einen neuen Baum hervorzubringen, wachsen auf dem Baum so viele Äpfel, dass sich seine Äste unter ihrem Gewicht fast bis auf die Erde biegen.

All diese Beispiele sind bedenkenswerte Lehren der Schöpfung für den Menschen.

Gleich Bäumen, die mit bis auf die Erde herabhängenden Ästen den Menschenkindern freigiebig ihre reifen Früchte entgegenstrecken, sind auch jene Menschen, die über Verstand, Wissen und Weisheit verfügen, stets demütig und bereit zu geben. Deshalb sollte der Mensch das nur auf schönen Schein und Angeberei ausgerichtete Verlangen seines Egos nach Größe und Ruhm aufgeben und stattdessen danach streben, seine Herzenswelt in eine allen Geschöpfen Nutzen und inneren Frieden darbietende Schatzkammer zu verwandeln.

Oder, noch besser gesagt, sollte er danach streben, auf dem lichtstrahlenden Weg des Propheten des Segens und der Barmherzigkeit, des ehrwürdigen Muḥammad al- Muṣṭafā – möge Allāh ihn segnen und ihm Frieden schenken – wie ein Wasserfall vollkommen klaren, reinen Wassers zu sein. Das heißt, er sollte wie das Wasser Leben und Heilung spenden, seiner Umgebung Erquickung bringen und sie ergrünen lassen. Wie ein Quell, aus dem sowohl der Wolf als auch der Vogel trinken, sollte er ein den Menschen die Liebe zum Gottesdienst vermittelnder Trinkbrunnen sein.

Denken wir einmal über das Phänomen Wasser nach:

Wasser, das aus den Regenwolken auf die Erde herabfällt, wirkt in einer fruchtbaren Gegend als Mittel der Wiederbelebung und des Gedeihens, während es in einer felsigen Gegend, auf Tonerde oder in einer Wüste ohne Nutzen zu bringen verlorengeht. Andererseits kann es sich manchmal, ohne dass auf der Erdoberfläche unmittelbare Folgen erkennbar wären, unterirdisch ansammeln und zu heilendem Quellwasser werden, das nur auf den Tag wartet, an dem es die Erde durchbricht und zur Oberfläche gelangt.

Das auf der Erdoberfläche verbleibende Wasser dient den Menschen und wird genutzt, um vielerlei Bedürfnisse wie Zubereitung von Nahrung, Trinken, Reinigung und dergleichen mehr zu befriedigen und wird dabei in manchen Fällen verunreinigt. Doch dieses verunreinigte Wasser verdampft durch die Wärmewirkung der Sonnenstrahlen und steigt in den Himmel empor, wo es sich zu Wolken formt, um dann erneut als Segen [raḥma] auf die Erde herabzuregnen.

Dieses Abenteuer erzählt der ehrwürdige Maulānā, indem er das Wasser selbst zu Wort kommen lässt, wie folgt:

Das Wasser nährt die Bedürftigen und Waisen auf der Erde, verleiht den ausgetrockneten Durstigen wieder Leben.

Doch wenn seine Reinheit und Klarheit vergehen, wenn es verunreinigt und getrübt wird, wird das Wasser, genau wie wir aufgrund unseres Zustandes von Unreinheit auf dieser Erde, rastlos und verwundert.

Es ruft aus der Tiefe seines Wesens: „O mein Herr! Was Du mir auch gegeben hast, habe ich verteilt, habe alles gegeben, und nun bin ich verarmt zurückgeblieben.

Ich habe all mein Vermögen, alles was ich hatte, sowohl über das Reine als auch das Unreine vergossen. O edler Herrscher, der Du über alles Vermögen verfügst, gib mir in Deiner Güte mehr!“

Auf diesen flehentlichen Ruf hin weist Allāh die Wolke an: „Trage es an einen angenehmen Ort, ohne es zu misshandeln!“ Die Sonne weist Er an: „Erhebe es mit deiner Wärme auf schnellstem Wege in den Himmel!“

Er lässt es viele verschiedene Wege gehen. Nachdem Er es im Himmel gereinigt hat, lässt Er es einmal als Regen, ein anderes Mal als Schnee und wiederum ein andermal als Hagel auf die Erde herniederfallen. Schließlich lässt Er es in das uferlose, unendliche Meer fließen.

Der ehrwürdige Maulānā teilt dem Menschen – indem er diese Naturereignisse beschreibt, die wir zu jeder Jahreszeit bezeugen können – in der Sprache symbolhafter Bedeutungen mit:

So, wie das Wasser im Himmel gereinigt wird, reinige auch du dich von allen Verunreinigungen, indem du dich Allāh, dem Allwahren, näherst. Sei wie der Regen – versprühe Segen und Barmherzigkeit!

Wie schön beschreibt Allāh, der Erhabene, wie das Wasser als Wolken der Barmherzigkeit die Erdoberfläche wiederbelebt und wie dies als ein Gleichnis für die Menschen dient, indem Er sagt:

{Und Allāh ist es, der die Winde schickt, so dass sie die Wolken aufwühlen. Dann treiben Wir diese zu einem abgestorbenen Land und beleben damit wieder die Erde nachdem sie abgestorben war. So ist es auch mit der Auferstehung.}25

Der Mensch, der zuerst als ein winziges Tröpfchen im Mutterleib dem Leben seinen Friedensgruß entbietet, wird geboren, wächst heran und mischt sich schließlich unter die Menschheit. Doch die in seiner gottgegebenen

Wesenheit [fiṭra] verborgenen Feinheiten und Schönheiten werden durch die Unreinheit seines egoistischen Verlangens und seiner Vergehen befleckt.

Wenn der Mensch jedoch Allāh reuig unter Tränen anfleht und danach trachtet, sich von seinen Verfehlungen und Sünden zu reinigen, wird er aufsteigen und zu lauterer Reinheit und Vollkommenheit gelangen. In dieser Stufe wird der Mensch auf Geheiß und mit Erlaubnis Allāhs, des Erhabenen, zu einer Gnade [raḥma], die in den Herzen der Menschen Segen verbreitet. Er ist nun ein Quell von Barmherzigkeit, dessen Aufgabe darin besteht, den Menschen zur Besserung und Vervollkommnung zu verhelfen.

Was wir zum Ausdruck bringen möchten, ist, dass der Mensch ursprünglich unbefleckt und rein ist. Unreinheit, Schmutz und Flecken befallen ihn erst im Nachhinein. Doch diese sind nur von vorübergehender Natur. Was bleibt, sind der Adel und die Reinheit der Seele. Aus diesem Grund entledigt sich der Mensch der ihm anhaftenden Unreinheiten, indem er unter bewusstem Einsatz seines Willens die Stufen geistiger Reife erklimmt. Wenn er einen bestimmten Rang erreicht hat, betraut Allāh, der Erhabene, ihn mit der Aufgabe, mit seiner Zunge und seinem Herzen den Gottesdienern entsprechend ihren Bedürfnissen zu dienen.

Möge Allāh, der Allwahre, uns allen diese Rangstufe gewähren! Möge Er unsere Taten und unseren Charakter zu reinem, klarem Regen gleichenden Werkzeugen der göttlichen Gnade, des Segens und der Rechtleitung machen! Möge Er unsere Seelen und unsere Herzen auf reinste Weise in Seine erhabene Gegenwart gelangen lassen, wie das Wasser, welches, befreit von den Unreinheiten der Welt, in der wir leben, rein in den Himmel aufsteigt!

Āmīn!


DIE ERZIEHUNG DER GENERATIONEN

Kinder sind ein den Eltern von Allāh anvertrautes Gut. Die reinen und ungetrübten Herzen der Kinder, die im gottgegebenen natürlichen Zustand ihren Eltern anvertraut werden, sind wie Juwelen, sie gleichen einem reinen Boden, der zur Bearbeitung bereit ist. Ob sie in Zukunft Dornen oder Rosen, bittere oder süße Früchte hervorbringen, hängt von der Beschaffenheit der ausgesäten Samen ab.

Achte die Rechte der Mutter! Mach sie zur Krone deines Hauptes! Denn würden Mütter nicht die Geburtswehen ertragen, fänden die Kinder keinen Weg, in diese Welt zu gelangen. (Maulānā Jalāl al-Dīn Rūmī)


Die schwierigste Aufgabe in dieser Welt ist die Erziehung und Unterweisung des Menschen. Denn das menschliche Ego [nafs] selbst stellt bei dessen Erziehungsprozess ein fast unüberwindliches Hindernis dar. Aus eben diesem Grund hat Allāh, der Erhabene, die Propheten als bedeutendste Erzieher der Menschheit entsandt. Das wichtigste Ziel des Taṣawwuf besteht darin, das Ego zu läutern und das Herz vor seinen Übergriffen zu schützen.

Die Läuterung des Egos, das heißt, das Abschleifen seiner scharfen Kanten und Grobheiten und die dadurch erfolgende Transformation zu einem annehmbaren Zustand, bedingt allerdings das Durchlaufen zahlreicher beschwerlicher Entwicklungsstadien. Die Befreiung aus dem Zustand der Unreife ist eine entbehrungsreiche Aufgabe. Die Befreiung des Yūsuf, des Sinnbilds der Seele, aus den Tiefen des Brunnens des Egos ist nur durch geduldiges Ertragen der mit der spirituellen Ausbildung verbundenen Strapazen und Leiden möglich. In einer seiner Metaphern vergleicht Maulānā Jalāl al-Dīn Rūmī dies mit dem Garkochen von Kichererbsen auf dem Feuer.

Die fähigsten und erfolgreichsten Erzieher sind die Mütter. Wenn sie ihre Kinder voller Ernsthaftigkeit und Willensstärke erziehen, so wie sie rohe, harte Kichererbsen kochen, führt dies bei den Kindern zur vollkommenen Reife. Diese Anstrengung lässt sich durchaus mit dem Weichmachen harten Eisens im glühenden Feuer und seiner anschließenden Formung vergleichen. Als Beispiel für den Prozess des Heranreifens des Menschen durch Erziehung benutzt der ehrwürdige Maulānā folgende Allegorie:

Schau auf die rohe Kichererbse im Topf! Wie sie vom kochenden Wasser verbrüht in die Höhe springt und auf hunderterlei verschiedene Weisen zu entkommen sucht.

Durch ihren Zustand teilt sie der Dame, die sie kochen und aus ihr eine Mahlzeit zubereiten will, mit:

„Warum setzt du mich den Flammen aus? Wenn du mich schon gekauft hast, warum lässt du mich dann diese Zustände durchmachen, verbrühst mich und behandelst mich derart verächtlich?“

Doch die Hausfrau schlägt mit dem Kochlöffel auf die Kichererbse ein und spricht:

„Nein! Du sollst gründlich kochen und vollkommen gar werden. Versuch nicht, dem Feuer zu entkommen! Ich koche dich nicht, weil ich dich verachte, weil ich dich nicht will, oder dich nicht liebe. Ich koche dich, damit du Geschmack bekommst, dich in Nahrung verwandelst, gegessen wirst und dich in Leben spendende Kraft verwandelst, und keineswegs, um dich Qualen auszusetzen oder dich verächtlich zu behandeln.“

Damit soll unterstrichen werden soll ist, dass man den zu Erziehenden nicht zum falschen Zeitpunkt Mitleid und Barmherzigkeit entgegenbringen sollte. Eltern, die es nicht übers Herz bringen, ihre Kinder zu erziehen, zerstören damit sowohl deren diesseitiges als auch deren jenseitiges Leben. Schenkte die Frau dem Wimmern der Kichererbse Gehör, würde diese anschließend einem Menschen die Zähne zerstören. Genauso stürzen Kinder, die keine spirituelle Erziehung genießen, schließlich ihre Familien und die Gesellschaft ins Unglück. Um dieses Geheimnis begreiflich zu machen, setzt der ehrwürdige Maulānā die vielsagende Rede der Frau folgendermaßen fort:

„O Kichererbse! Du hast im Gemüsegarten Wasser getrunken, bist ergrünt und wurdest reif. Dass du jenes Wasser getrunken hast, hat dazu geführt, dass du nun in den Topf, der über diesem Feuer erhitzt wird, gefallen bist. Denn jenes Wasser war für dieses Feuer bestimmt. Dieses Feuer der Liebe dient der Beseitigung deines rohen Zustands der Selbstherrlichkeit.“

Allāhs Barmherzigkeit überwiegt Seine alles bezwingende Stärke und Seinen Zorn. Deshalb ist es ein Ausdruck Seiner Barmherzigkeit, wenn Er jemanden, um ihn zu prüfen, Bedrängnissen aussetzt. Denn in Seiner alles bezwingenden Stärke liegt unsichtbar eine Gunst verborgen.

Kann denn (spirituelle Reife und) die Liebe Allāhs errungen werden, ohne das Ego zu peinigen und ohne den Kampf mit ihm auszutragen? Wenn dich entsprechend den Notwendigkeiten der göttlichen Bestimmung Bedrängnisse und Kummer treffen, musst du dir bewusst sein, dass darin eine verborgene Gunst liegt, und nicht betrübt sein. Infolge dieser Kümmernisse wirst du die Liebe zum Weltlichen und all deine damit verbundenen Vergnügungen (also deine niederen Wünsche) auf dem Weg Allāhs opfern. Nachdem dir diese Bedrängnisse widerfahren sind, wirst du Seine Gunst erkennen und, indem du in den Fluss der Barmherzigkeit eintauchst, von spirituellen Unreinheiten gereinigt werden und göttliche Gunst erlangen. (So, wie Allāh, der Erhabene, es verkündet, wenn er sagt: {Denn wahrlich, mit der Schwierigkeit kommt die Erleichterung, wahrlich, mit der Schwierigkeit kommt die Erleichterung!}26 Also heiße auch du die Schwierigkeiten willkommen, auf dass dir die darauf folgende Erleichterung zuteil wird!)

Im Rahmen dieser Aussagen betrachtet der ehrwürdige Maulānā all die Bedrängnisse, Betrübnisse und Nöte, die einen auf dem Weg zur spirituellen Reife treffen, geradezu als Geschenke, und lässt die Frau wieder sprechen:

„O Kichererbse! Du bist im Frühling auf der Erde erschienen und dann herangereift. Nun ist die Not bei dir zu Gast. Sei dem Gast gegenüber spendabel. Sei deinem Gast – der Not – freudig zu Diensten, so dass er voll des Dankes wieder heimkehrt und in der Gegenwart des Herrn absoluter Wahrheit deine Großzügigkeit und Güte rühmt. So dass schließlich, anstatt der Gnadengaben, der sie Gewährende zu dir kommt (das heißt, gelange zum Ursprung aller Ursachen), auf dass dich sämtliche Gnadengaben dieser Welt beneiden.

Runzle nicht missbilligend die Stirn angesichts der Qualen, die vom Geliebten zu dir kommen, sondern empfange sie mit Freuden und sprich zu ihnen ,Seid willkommen!‘. Nichts kann köstlicher sein als Schmerz und Pein, nichts birgt mehr Segen. Der mit ihnen verbundene Lohn ist wahrhaft grenzenlos.“

An diesem Punkt verlangt der ehrwürdige Maulānā von der Kichererbse, beziehungsweise der Person, welche nach Reife durch Erziehung strebt, die vollkommene Ergebenheit des ehrwürdigen Ismā‘īl. Denn selbst, wenn der Koch die Fähigkeiten Ibrāhīms besitzt, ist kein Ergebnis zu erzielen, wenn der zu Kochende sich nicht in gleichem Maße hingibt wie Ismā‘īl – der Friede Allāhs sei auf ihen beiden! In diesem Sinne ruft die Frau der Kichererbse zu:

„O Kichererbse! Ich bin Allāhs vertrauter Freund Ibrāhīm, und du bist mein Sohn, der sich dem Messer gegenüber sieht. Lege dein Haupt unter das Messer, denn ich sah im Traum, wie ich dich opfere. Sei nicht aufgeregt und lass nicht zu, dass Angst deine Seele bedrückt, sondern lege dein Haupt unter das Messer des unwiderstehlichen Bezwingers, auf dass ich dir – Ismā‘īl gleich, der sich vollkommen dem Allwahren ergab – die Kehle durchtrenne. (Denn jenes Messer erkennt jene, die Ismā‘īl gleichen, und führt sie zu ihrem göttlichen Ziel.)

Ich mag dich enthaupten, doch dieses Haupt ist nicht das wahre Haupt! Das wahre Haupt ist fern jeder Abtrennung, fern allen Sterbens. (Dies Haupt hingegen, das hier abgetrennt wird, ist das Haupt des Egos und der niederen Begierden.)

Allāhs vorzeitlicher Wille ist nämlich nicht, dass dein Haupt abgetrennt werde, sondern dass du dich Ihm ergibst (und durch Auslöschen deiner niederen, egoistischen Wünsche zu einer Stätte der Manifestationen göttlicher Schönheit wirst). Sei also bemüht, dich Ihm von ganzem Herzen zu ergeben.

Also, O Kichererbse, unterzieh dich den Bedrängnissen, koche (und werde reif), streife dein selbstsüchtiges Ich ab und entledige dich alles Vergänglichen (auf dass du Glückseligkeit erlangst)!

Im Gemüsegarten, wo dein Same entspross, verbrachtest du ein Weilchen frisch und frei und wiegtest dich lächelnd, ganz in Grün gekleidet. Doch nun bist du (nach den Prüfungen durch Leiden) eine der seltenen Rosen im Garten des Herzens, im Garten der Seele geworden.“

Nach diesen Worten erinnert die äußerst geschickte und erfahrene Köchin die Kichererbse an ihren Wert und ihre Würde und verrät ihr, wie sie diese noch steigern kann, indem sie sagt:

„O Kichererbse! Vom Wasser und Erdboden des Gartens getrennt, wurdest zu einem Bissen, wurdest vermengt mit dem, was Lebendigkeit besitzt. Du wurdest zu Nahrung, fandest deinen Weg in die Leiber der Menschen. So verwandeltest du dich in Stärke und Gedanken. Du tratest als Pflanze in diese Welt, erwirb nun die geistige Kraft der Tierwelt, sei ein Löwe in den Wäldern, dann stell dich mit dieser Kraft in den Dienst menschlichen Geistes!

Bei Allāh! Einst wurdest du, von den Eigenschaften des Allwahren getrennt, ins Dasein gebracht. Spute dich aufs Neue und kehre zurück zu Seinen Eigenschaften göttlicher Schönheit. O Kichererbse! Das Leben wurde dir durch den himmlischen Segen der Wolken, des Regens und der Sonne zuteil. Nun bist du infolge der gegen dein Ego bestandenen Kämpfe gesegnet durch göttliche Eigenschaften bis in die Himmel aufgestiegen.

Durch das Zusammenspiel von Sonne, Wolke und Regen wurde dir das Leben geschenkt. Dann wurdest du gekocht, erwarbst einen köstlichen Geschmack und wurdest reif. Nun, wo du zum Bissen eines Rechtschaffenen wurdest, verwandeltest du dich in einen Teil seiner Lebenskraft, seiner Stärke, wurdest zur Tat, zum Wort und zum Gedanken (und stiegst so in die Himmel auf).“

Diese gesegnete, beim Kochen der steinharten Kichererbse äußerst meisterhafte und geschickte Frau, gleicht gewissermaßen einer diese auf dem Weg zum Allwahren begleitenden Reisenden. Dabei weist sie besonders darauf hin, wie wichtig es ist, diesen Weg zur Reife bereitwillig zu beschreiten und sich auf ihm nicht durch Zwang sondern nur von der Liebe angetrieben zu bewegen. Der ehrwürdige Maulānā, der von einem Gleichnis zum nächsten wechselt, setzt seine Ratschläge fort, indem er sagt:

Wenn dies nun die Lage ist, O Reisender auf dem Weg zum Allwahren, dann geh in einem freudigen Zustand hinüber in die jenseitige Welt (als sei es eine Hochzeitsnacht, also mit einem heilen, reinen Herzen), und sei nicht wie jene Banditen, die, sich in tausenderlei Qualen windend, unter Bekundungen ihrer Reue zum Galgen gestoßen werden.

Vergiss nicht, dass der Hund, der nicht zum Jagdhund abgerichtet wurde, kein Halsband trägt. So birgt auch die Freundschaft zu dem, der nicht durch Prüfungen gereift sondern noch roh ist, gefährlichen Schaden in sich.

Die Kichererbse beugt sich letztendlich vor diesen tiefen, bedeutungsvollen und überzeugenden Weisheiten, Beispielen und Erkenntnissen. Von ihrer Rohheit befreit, beschreitet sie voller Aufrichtigkeit den Weg zur Reife. Dem ehrwürdigen Ismā‘īl – auf ihm sei Friede – gleich gibt sie sich vollkommen hin. Und genau das ist der Kern der ganzen Angelegenheit!

Schließlich teilt die Kichererbse jener geschickten Köchin von ganzem Herzen tief mit Dankbarkeit erfüllt Folgendes mit:

„O tugendreiche Dame! Wenn die Sache sich so verhält, will ich mich freudig kochen lassen, und du hilf mir dabei! Bei diesem Gekochtwerden gleichst du einem, der mich in den Himmel aufsteigen lässt. Schlag nur mit deinem Löffel auf mich ein, damit ich mich zum Besseren wandle! Wie angenehm ist doch dein Schlag. Ich habe mich dir vollkommen ergeben.“

Das bedeutet: O mein Meister [murschid], welch vortreffliche Erziehung lässt du mir, deinem unwürdigen Schüler [murīd], angedeihen! „Derart übergebe ich mich dem Gekochtwerden, auf dass ich durch den inneren Kampf [mujāhada] gegen das Ego einen Weg zur göttlichen Wahrheit finde. Denn andernfalls ist der Mensch im Meer der Existenz wie ein lüsterner, wild gewordener Elefant, der, gerade aus einem Traum erwacht, tobt und wütet.“

Daraufhin beschreibt die gesegnete Dame die Wirklichkeit, die sie auch selbst durchlebt hat:

„Auch ich war einst, genau wie du, ein Teil der Erde, eins ihrer zahllosen Bruchstücke. Dann nahm ich den Kampf mit dem Ego auf, das wie ein loderndes Feuer brennt. Als ich dann den Genuss, der mit dem Überwinden der selbstsüchtigen Wünsche des Egos verbunden ist, schmeckte, wurde ich zu einem annehmbaren Menschen (indem ich inneren Frieden fand und diesen auf andere auszustrahlen begann). Eine Weile schäumte ich auf der Erdoberfläche über und wurde gekocht, eine Zeitlang wurde ich im Topf des Körpers gegart, schäumte auf, kochte über und wurde zum Menschen.

Als du noch ein Bestandteil der Sphäre des Unbelebten warst, teilte ich dir in der Sprache der Zuständ mit: ,Beeile dich, von dieser Stufe aufzusteigen, damit du die Stufe des Menschseins erreichst und Eigenschaften erlangst, die im Bezug zur wahren Bedeutung des Daseins stehen!‘ Und als du die Stufe des Unbelebten hinter dir gelassen hattest und lebendig wurdest, sprach ich: ,Koche, übersteige auch die Stufe des Tierseins und steige auf (zum Menschsein)!‘

Bitte Allāh, dich davor zu bewahren, auszugleiten oder dadurch vom Weg abzukommen, dass du diese Punkte, diese fein verborgenen Hinweise missverstehst!“

Der ehrwürdige Maulānā, der diese Gleichnisse als Spiegel der Wahrheit benutzt, vergleicht die Mütter, die einer neuen Generation Leben schenken und sie auf den rechten Weg leiten, mit einem vollkommenen spirituellen Führer [murschid kāmil], womit er zum Ausdruck bringt, dass es die Pflicht einer Frau beim Aufziehen der nachfolgenden Generation ist, diese mit der Empfindsamkeit, Kompetenz und Feinfühligkeit eines Murschid kāmil zu erziehen und zu führen. Hierbei fallen ihnen zwei große Aufgaben zu:

Erstens, durch Überzeugung die Einwilligung der zu Erziehenden zu gewinnen, und zweitens, diese Erziehung auf geschickte Weise zu verwirklichen.

Genau dies ist es, was vollkommene spirituelle Meister tun. Das setzt wiederum voraus, dass sie selbst sich in jeder Hinsicht der besten und umfassendsten Erziehung unterzogen haben. Ansonsten würden halbausgebildete Erzieher – wie halbausgebildete Ärzte, die Menschen um ihr Leben bringen – die neue Generation ins Verderben führen.

Kinder sind ein den Eltern von Allāh anvertrautes Gut. Die reinen und ungetrübten Herzen der Kinder, die im gottgegebenen natürlichen Zustand den Eltern übergeben werden, sind wie kostbare Juwelen, sie gleichen einem reinen Boden, der zur Bearbeitung bereit ist. Ob sie in Zukunft Dornen oder Rosen, bittere oder süße Früchte hervorbringen, hängt von der Beschaffenheit der ausgesäten Samen ab.

Starke Familien bringen starke Gesellschaften hervor. Starke Familien wiederum sind das Werk tugendhafter Mütter, die eine spirituelle Erziehung genossen, das heißt, die Hindernisse des Egos überwunden haben. Die besten Beispiele hierfür finden sich in den weiblichen Gefährten des Propheten – Allāh segne ihn und sie und schenke ihnen allen Frieden! Sie lehrten ihre Kinder, ihr Leben und ihren Besitz hinzugeben, und formten die Herzen ihrer Nachkommen mit der Liebe zu unserem Meister, dem Gesandten Allāhs – möge Allāh ihn segnen und ihm Frieden schenken.

Möge Allāh es uns allen ermöglichen, genau wie sie Kinder zu erziehen, die einst zu Rosen in den Gärten des Paradieses werden!

Āmīn!


DIE MANGELHAFTE VERWENDUNG DER MITTEL

Alles in unserem Leben sollte möglichst vollkommen sein. Ganz besonders unsere Spiritualität! Ein bekanntes Sprichwort lautet: „Der halbfertige Religionsgelehrte bringt dich um den Glauben, der halbfertige Arzt bringt dich ums Leben.“ In genau dieser Weise zieht alles Halbfertige ein Unglück nach sich. Halbfertigkeiten im Glauben, im Gottesdienst, im gesellschaftlichen Umgang und geschäftlichen Gebaren, im Familienleben, kurzum in allen Dingen, die das Gebäude unseres Lebens ausmachen, sind leidbringende Vorboten vielfältiger materieller und spiritueller Katastrophen.


Die Welt des Diesseits und das Leben sind voller Lehren. Durch diese Lehren öffnet Allāh, der Allwahre, tausendundein Fenster vom Bekannten ins Unbekannte. So wird uns in dieser Welt einmal durch Stürme, ein andermal durch Erdbeben, ein weiteres Mal durch einen Tsunami, wieder ein anderes Mal durch schreckliche Feuersbrünste oder Verkehrsunfälle – Ereignisse, die in Wirklichkeit allesamt dazu dienen, uns eine Lehre zu vermitteln – etwas von dem gezeigt, was jenseits der Schleier liegt. Auf diese Weise wird uns die göttliche Bestimmung vor Augen geführt und wir können in aller Klarheit erkennen, wer in welcher Situation einem Brand zum Opfer fällt, wer in welcher Lage ertrinkt, wer untergeht, wer vernichtet und wer gerettet wird.

Das bedeutet, dass wir zu jeder Zeit darauf angewiesen sind, das Leben und die Ereignisse mit einem tiefgehenden Blick zu betrachten und zu deuten. Das heißt nichts anderes, als immerfort den ersten offenbarten Qur’ānvers „Lies!“ [iqra’] in einer das Herz in seiner ganzen Tiefe durchdringenden Weise zu rezitieren.

Nehmen wir als Beispiel das Phänomen Erdbeben. Was teilen uns diese Katastrophen mit, die entlang gewisser geologischer Verwerfungslinien die Erdoberfläche erschüttern?

Abgesehen von den zahllosen Lehren in Hinblick auf die göttliche Bestimmung erweist sich jedes Erdbeben als ein Prüfstein der Standfestigkeit oder Baufälligkeit aller Gebäude auf der Erdoberfläche, vom kleinsten Dorf bis zur größten Stadt. Beim Marmara-Erdbeben von 1999 konnten wir dies aus nächster Nähe sehen. Manche Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht, während andere nur leicht beschädigt wurden. Wieder andere blieben vollkommen unversehrt stehen. Alles, was sich uns dabei an positiven oder negativen Gründen zeigte, wies auf einen Hauptgrund hin: Die verwendeten Mittel waren entweder vollkommen oder aber unvollständig.

Wie deutlich zu sehen war, blieben die Gebäude, bei denen Baumaterialien ohne Mängel in vollkommener Weise zum Einsatz kamen, sofern sie nicht aus anderen Gründen einem göttlichen Schlag ausgesetzt waren, aufrecht stehen. Wo aber die Verarbeitung fehlerhaft war oder minderwertige Materialien eingesetzt wurden, war das Ergebnis Schaden und Verlust. Darüber hinaus kamen Tausende von Menschen auf schreckliche Weise unter den Trümmerbergen ums Leben. Zwar wurden einige der


Continue reading this ebook at Smashwords.
Download this book for your ebook reader.
(Pages 1-37 show above.)